25 Jahre Tora-Lernwoche


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25 Jahre Tora – Lernwochen in Denkendorf

Am 27. Juli 2003 wurde im Kloster Denkendorf des Anfangs der Tora – Lernwochen mit einem Festakt gedacht. Über 100 Gäste waren erschienen, dazu etwa 25 Tora - Lehrer und Lehrerinnen aus Israel. Den musikalischen Rahmen gestaltete Florian Aißlinger am Piano.

Der Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf, Kirchenrat Hans Martin Steck, stellte die Tora – Lernwochen in den Kontext der Fortbildungsarbeit. Tora – Lernwochen sind kein Wellness – Angebot, sondern Tora - Lernen ist Wohltat.

(Anklicken zum Vergrößern), Links: Dr. Michael Volkmann, rechts Kirchenrat Hans Martin Steck

Im Namen der Kirchenleitung der Evang. Württembergischen Landeskirche betonte Prälatin Gabriele Wulz, dass die Denkendorfer Arbeit „integraler Bestandteil von Umkehr und Erneuerung der Landeskirche" ist.
Sie begrüßte die Festgäste auf Hebräisch mit den Anfangsversen des 1. Psalms.

   (Anklicken zum Vergrößern), links Prälatin Gabriele Wulz, rechts Mordechai Ansbacher

Zeitzeugen der ersten Tora - Lernwoche von 1978 kamen zu Wort.

Ephraim Jonai berichtete von seiner ersten Begegnung mit Dr. Hartmut Metzger, dem Initiator der Tora – Lernwochen. Er hatte einen Anruf von Herbert Kahn bekommen, ob sich bei ihm ein deutscher Pfarrer mit einem besonderen Anliegen vorstellen dürfe. Metzger erschien mit „Jesus-Latschen, Khakihosen und einer gestrickten Kipa" und fragte, ob Jonai nach Deutschland kommen könne. Jonai hatte seit 40 Jahren kein Wort deutsch mehr gesprochen!

Jonai beriet sich mit zwei Rabbinern. Beide Rabbiner gaben ihm den Rat: Du sollst nach Deutschland gehen! Jonais erster Vortrag war über das Thema „Was ist ein gesetzestreuer Jude?" Seine Frau referierte über das Thema „Was ist ein koscherer Haushalt?". Es war für ihn sehr anstrengend. Er hatte vor 25 Jahren nicht geglaubt, dass solche Lernwochen eine Zukunft hätten. Um so mehr freute er sich über das Gelingen und die weitere Zukunft.

Auch Mordechai Ansbacher war anfangs äußerst skeptisch. Nach den Gräueln der Schoa konnte er sich solche Arbeit in Deutschland nicht vorstellen. Zwar hätten er bzw. sein Großvater durchaus positive Erfahrungen im damaligen Würzburg gemacht. Auch ihn fragte Herbert Kahn, ob er mit Hartmut Metzger zusammen arbeiten könne. Ansbacher beriet sich auch mit seinem Rabbiner, der ihn aufforderte: Du musst gehen! Lehre das Schöne am Judentum! Nachdem Kennenlernen von Hartmut Metzger und seiner Versicherung, dass das keine verkappte Missionsveranstaltung sei, ließ Ansbacher sich überzeugen. Mit dem Ziel sei er sich einig, „Wege zum Verständnis des Judentums" zu finden.
(Anklicken zum Vergrößern), Links: Dr. Michael Volkmann, Mordechai Ansbacher, Ephraim Jonai, Schimon Bar Chama

Für Zippora Ansbacher, der Frau von Mordechai Ansbacher, war der Weg nach Deutschland nicht so schwierig. Sie sei Israelin in der 7. Generation. Für sie standen die praktischen Probleme eines Aufenthalts in Denkendorf im Vordergrund, nämlich der Möglichkeit einer koscheren Lebensweise. Aber überall kam man ihnen in Denkendorf entgegen. Sie lernte extra deutsch! Die ersten Teilnehmer der Lernwoche waren so ruhig, gingen kaum aus sich heraus. Die Unwissenheit war riesig! Ihre drei Söhne verstehen aber die Eltern bis heute nicht, warum sie immer wieder nach Deutschland fahren würden, stellte sie bedauernd fest.

Eine kleine Überraschung bereitete Kitty Adler der Festversammlung, als sie ein selbst angefertigtes Bild überreichte. Auf dem äußeren Kreis waren die 25 Jahre des Bestehens symbolisch angedeutet. Im Innern des Kreises waren die Kotel (Westmauer, Klagemauer, Symbol für Jerusalem) und Denkendorf dargestellt. Dazu stand als Bibelzitat der Satz aus dem Profeten Jesaja 2,3: Aus Zion wird Lehre kommen.
(Anklicken zum Vergrößern), links Kitty Adler

Rudolf Maurer berichtete stellvertretend für die ersten Teilnehmer. Sein persönlicher Werdegang über die Mitarbeit bei Aktion Sühnezeichen in Jerusalem mündete förmlich in die Denkendorfer Arbeit. Nachdem 1975 die UNO jenen verhängnisvollen Beschluss fasste, dass der Zionismus als Rassismus anzusehen sei, bewegten einige Christen die Frage, wie man für Israel eintreten könne. Die Antwort war die Gründung der Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentum, Arbeitsgruppe im Bereich der Württembergischen Landeskirche" durch Hartmut Metzger. Die Idee entstand, dass man gemeinsames Leben im Rahmen einer Lernwoche probieren will.

Das Wunder der Versöhnung geschah, als die ersten acht Lehrer nach Denkendorf kamen. Eine koschere Küche wurde eingerichtet, die Mitarbeiterinnen geschult. Für die Sabbatfeier lieh die jüdische Gemeinde in Stuttgart eine Thorarolle aus. Zum Minjan reisten Teilnehmer aus Stuttgart nach Denkendorf.

Eines stand aber von vornherein fest und gilt bis heute: Theologische Diskussionen sind unerwünscht. Wir wollen von und mit Juden als den älteren Geschwistern lernen. Als Anerkennung für seine überaus großen Bemühungen überreichte Maurer ein Buch von Simon Wiesental.

Auch Dr. Hartmut Metzger berichtete von den ersten Anfängen, die über die freundschaftliche Beziehungen zu Herbert und Trude Kahn liefen. Es hatte sich ihm gezeigt, dass intellektuelle Referate nicht ausreichen, um tiefsitzende Vorurteile über Juden zu beseitigen. Ein echter Neuanfang kann nur mit Beteiligung der hiesigen Gemeinden im Lebensvollzug geschehen. Der württembergische Pietismus hat schon eine grundlegende Voraussetzung, die Verbindung schafft, indem er die Bibel als Wort Gottes würdigt, das zentrale Bedeutung fürs Leben hat. Gesetzestreues Judentum geht ebenfalls von der Prägung durch die Tora in allen Lebensbereichen aus. Metzger sprach den jüdischen Lehrern tiefen Dank aus, dass sie uns Christen am Lernen teilhaben ließen.
(Anklicken zum Vergrößern), Dorothee und Hartmut Metzger

Ab 1978 wurde der dreijährige Turnus eingeführt, dass die Lernwochen im 1. Jahr in Denkendorf, im 2. Jahr in Israel und im 3. Jahr in den württembergischen Kirchengemeinden stattfinden. Lehrer und Lehrerinnen sind gleichermaßen gefragt.

Eine weitere Frucht der Arbeit sind die Kommentare zu den Predigttexten der Hebräischen Bibel, die Roland Gradwohl zusammenstellte. Heute sind sie zu einem Standardwerk der Bibelauslegung geworden.

Metzger las die Namen der Lehrerinnen und Lehrer vor, die im Lauf der Jahre gestorben sind.

Schimon Bar Chama, der erste Ansprechpartner der Lehrer, zitierte den berühmten mittelalterlichen jüdischen Gelehrten Maimonides: Ist es erlaubt, dass ein Jude mit Christen Tora lehren und lernen kann? Die Antwort des Gelehrten war ein eindeutiges Ja. Denn für Christen ist wie für Juden die Bibel ein Heiliges Buch.

Bar Chama berichtete, dass er sehr beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der Gemeinden gewesen ist. Die Spielregel, dass man vor dem Beginn einer Lerneinheit in den Gemeinden erst eine Aufwärmphase braucht, ist sehr sinnvoll.

In den 25 Jahren haben 65 Gemeinden an einer Lernwoche teilgenommen. Genau 100 Lernwochen wurden gehalten mit 1000en von Leuten.
Die Kontakte werden weiter entwickelt. Das Pastoralkolleg, das sich jetzt in Denkendorf befindet, lädt bei Gelegenheit einen jüdischen Lehrer ein.
Bar Chama sagte, dass er 1978 die Einladung nach Deutschland abgelehnt hatte. Erst, als 1980 die Lernwoche in Shavei Zion stattfand, nahm er auf Einladung von Hartmut Metzger teil.

Bar Chama wünschte sich, dass auch die Nachfolger von Hartmut Metzger, wie jetzt unter Dr. Michel Volkmann, den Weg der Verständigung weiter gehen mögen. Er wünschte sich, dass die Lernwochen fortgeführt werden und noch viele Jahre gemeinsames lernen und leben folgen.

Dr. Michael Volkmann verwies auf Paulus, der im Römerbrief Kapitel 9 ausführte, warum wir Christen die Lernwochen brauchen: Juden gehört die Gottes Kindschaft, der Bund mit Gott, die Tora. Die Kirche hat an diesem Bund nur Anteil. Nach langen Irrwegen der Kirche ist ein Umdenken entstanden. Wenn Christen durch Juden Anteil an der Güte Gottes haben, dann ist es nur recht, wenn Christen auch soziale und diakonische Projekte in Israel unterstützen, so wie wir es am Israelsonntag machen.

Denkendorf ist zu einer Oase der Begegnung geworden. Leider sind aber die Wüstenregionen riesig. Wüsten haben immer die Tendenz sich auszubreiten.
Volkmann nahm zu gegenwärtigen Fragen Stellung, wo auch in kirchlichen Kreisen die aktuelle Politik zum Anlass genommen wird, um antiisraelische Vorurteile zu schüren. Besonders schlimm wird es, wenn die israelische Politik mit den Nazis verglichen wird.

Volkmann betonte, dass es keine Alternative zur Begegnung gibt. Die Lernwochen sind um der Identität der Christen notwendig. „Wir stellen uns allen Formen des Antijudaismus entgegen!" Das Gespräch über der Bibel verbindet und hilft weiter.
Besonders müsste auch die jüngere Generation angesprochen werden.
Das Motto der Arbeit findet sich in Römer 15,10: „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk."

 

Günther Kempka

  (Anklicken zum Vergrößern) Der Denkendorfer Kreis für  christlich - jüdische  Begegnung
ist unter folgender Web-Adresse zu erreichen:
www.denkendorfer-kreis.de/

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Stand 22.07.2005