Bericht über die
Einweihung des jüdischen Betsaales in Reutlingen am 7. September 2003
„Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt"
Es ist für viele ein Wunder, dass sich in Reutlingen eine
jüdische Gemeinde zu etablieren beginnt. Schalom Ben Chorin hat dieses
Wunder in seinem bekannten Lied beschrieben und darauf hingewiesen, dass
„das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit", sondern dass „die
Liebe bleibt" und „das Leben siegt."
1933 wohnten etwa 74 jüdische Personen in Reutlingen. Die meisten von
ihnen waren Kaufleute. Von ihnen sind im „Opferbuch" der Marienkirche fünf
als Ermordete angegeben. Drei haben die Shoa überlebt. Die anderen konnten
sich rechtzeitig ins Ausland begeben. Heute im Jahr 2003 sind es 120 Juden
in und um Reutlingen, von denen die meisten aus Russland stammen. Bisher
trafen sie sich in einem Reutlinger Hotel.
Am 7. September 2003 wurde der neue Betsaal seiner Bestimmung übergeben.
Mit einem kraftvollen Gesang eines Psalms eröffnete Kantor Mosel die
Feierlichkeiten zur Übergabe des Betsaales für die jüdische Reutlinger
Zweiggemeinde.
Etwa 80 Personen drängten sich in dem kleinen, schmucklosen Raum. Die Räume wurden von der Stadt angemietet. Vor der Shoa gab
es keine Synagoge.
Es ist kein traditioneller Synagogenraum, denn eine Synagoge gab es in
Reutlingen zuletzt im Mittelalter. Jahrhunderte hatten sich die Reutlinger
erfolgreich gegen die Ansiedlung von Juden gewehrt, in denen sie eine
lästige, wirtschaftliche Konkurrenz sahen.
Vorne im Saal stehen zwei wichtige Bestandteile eines Betsaales oder einer
Synagoge: Der Schrank für die Thorarollen (aber noch ohne Vorhang), und das Vorlesepult. Sie wurden von dem israelischen Künstler Jakob
Abitbol, der in Schwäbisch Hall lebt, angefertigt. Beide Teile sind mit
Rädern versehen, damit sie für den Mehrzweckraum auch zur Seite geschoben
werden können.
Frau Barbara Traub begrüßte als Vorstandssprecherin die Anwesenden
und gab einige Hintergrundinformationen.
In Württemberg leben etwa 2600 Juden. Die Zentrale der israelitischen
Religionsgemeinschaft Württembergs befindet sich in Stuttgart.
Vier Zweigstellen existieren in
- Ulm, mit einem Rabbiner Trebnick, (aus der Chabad - Bewegung,
Lubawitscher),
- Hechingen (in den Räumen der alten Synagoge, ein Mal pro Monat
Schabbatfeier, sowie Feste und kulturelles Programm, kein Rabbiner),
- Heilbronn,
- und jetzt Reutlingen, (mit einer Gruppe und Betreuung durch Stuttgart).
Stuttgart ist aber für die hiesigen meist älteren Juden zu weit weg und am
Schabbat aufgrund der Fahrwege nicht erreichbar.
Die gegenwärtige Situation darf keine falsche Hoffnungen erwecken.
„Hilfe zur Selbsthilfe" ist für die Gemeindeglieder gefragt, damit z.B. an
Festen und besonderen Feiertagen Gottesdienste gefeiert werden können.
Lediglich ein Samenkorn sei jetzt eingepflanzt worden. Ob daraus ein Baum
werden wird, muss die Zukunft zeigen.
Frau Traub verschwieg die Schwierigkeiten und Belastungen der neuen
Arbeit nicht.
Die Gemeindeglieder setzen sich durchweg aus Juden russischer Herkunft
zusammen („Kontingentjuden"), die seit 1991 aufgrund vertraglicher
Vereinbarungen zwischen der deutschen Bundesregierung, den Regierungen der
GUS-Staaten und dem jüdischen Zentralrat abgeschlossen wurden. Bis 1998
wurden die Neueinwanderer schwerpunktmäßig in Städten angesiedelt, wo
schon jüdische Gemeinden existierten (z.B. Stuttgart, Frankfurt, Berlin).
Das machte eine Betreuung leichter.
Seit 1998 wurden die Bestimmungen in Deutschland geändert, was Frau Traub
ausdrücklich bedauerte. Proteste haben nichts genützt. Seitdem werden die
jüdischen Neueinwanderer auf die ganze Republik verteilt.
Seitdem stehen die Gemeinden vor fast unlösbaren Problemen. Wie soll eine
jüdische Gemeinde in einer nicht-jüdischen Umgebung existieren können,
wenn eine religiöse und soziale Betreuung kaum möglich ist? Die kleinen
Gemeinde könnten keine Kosten für einen Rabbiner oder Religionslehrer
aufbringen. Der Stuttgarter Religionslehrer z.B. reist die ganze Woche im
Land herum, um nur einige Stunden Religionsunterricht geben zu können. Die
vielen Fahrten in die Wohnheime für die Ankommenden sind sehr belastend.
Trotz allem gibt es natürlich großen Grund zur Freude.
Besonderen Dank richtete Frau Traub an die Stadt Reutlingen, die ein
offenes Ohr für die Anliegen der Gemeinde hat.
An die Kirchen richtete Frau Traub die Bitte, „die kleine, jüdische
Gemeinde zu unterstützen".
Landesrabbiner Nethanael Wurmser
aus Stuttgart las Teile aus Psalm
15 vor.
„Wer weilet, Ewiger, in deinem Zelt / wer wohnt auf deinem heiligen
Berg?
Der fehlerfrei wandelt / rechtens schafft und Wahrheit spricht in seinem
Herzen..."
Die Stichworte des Psalms wie „Zelt" oder „wohnen" oder „rechtschaffen"
legte Landesrabbiner Wurmser auf die Reutlinger Situation hin aus.
Ein Betsaal ist ein erster Schritt zum Wohnen, wie es der jüdischen
Gemeinschaft entspricht.
Die Übergabe des Betsaales ist ein Meilenstein in der Entwicklung der
Reutlinger Gemeinde.
Das Thoraschrank und das Vorlesepult auf Rollen stehen erinnern an das Prinzip des
Zeltes.
Immerhin ist die gegenwärtige Situation wie ein Zelt, das schon Schutz
gibt und die Gemeinsamkeit betont. Aber es ist noch keine Synagoge.
Rabbiner Wurmser gebrauchte dann das Bild der Sintflut und des Neuanfangs
mit dem Gerechten, mit Noah, um eine Parallele zur gegenwärtigen Situation
zu ziehen.
Damals wurde die Welt durch den Ewigen vernichtet, sie war nicht würdig,
weiter zu leben. Lediglich mit Noah und seinen sieben Angehörigen konnte
ein Neuanfang gewagt werden. Die Taube fand damals nach mehreren Versuchen
eine neue Ruhestätte.
Die Gründung der Gemeinde ist mit der Suche der Taube zu vergleichen. Als
Bracha, als Segenswunsch möge das für die jetztige Situation gelten: Möge
die Taube in Reutlingen eine Ruhestätte finden!
Für die Stadt Reutlingen sprach der Leiter des Heimatmuseums Dr.
Ströbele in Vertretung von Frau Oberbürgermeisterin Bosch ein Grußwort
und überreichte zeichenhaft eine Pflanze.
Er erinnerte an die Gedenktafel, die die Stadt gegenüber der
Stadtbibliothek 1995 angebracht hat. Er verwies auf die regelmäßigen
Einladungen der Stadt an die Überlebenden des Holokosts. Im kommenden Jahr
wird die Stadt eine große Publikation herausgeben, die das jüdische Leben
in den vergangenen Jahrhunderten zum Inhalt hat. Möge diese Pflanze wie
die Gemeinde wachsen!
Auch der Fraktionsvorsitzende des SPD Lukaszewitz äußerte als
dienstältester Reutlinger Gemeinderat seinen Stolz über diese geschaffenen
neuen Möglichkeiten für die jüdischen Gemeinde und wünschte, das die
Gemeinde wächst zum „gegenseitigen Vorteil".
Verschwiegen wurde freilich, dass eben diese Stadt Reutlingen und seine
Obrigkeit über Jahrhunderte gegenüber den Juden versagt hatte.
Peinlich waren mir die sicher gut gemeinten Worte, wo man an
zurückliegende Zeiten erinnerte, wo Juden im gesellschaftlichen Leben
„integriert" waren, was aber nur einer sehr oberflächlichen, selektiven
Wahrnehmung entspricht.
Nach den Grußworten schritt Landesrabbiner Wurmser zur Tat. Mit kräftigen
Hammerschlägen und einem Segenswort befestigte er die Mesusa an der
Eingangstür und an die Tür zu einem Nebenraum. Blitzlichtgewitter der
Fotografen begleiteten die Zeremonie.
Michael Rosenberg, gebürtig aus der Ukraine und wohnhaft in
Stuttgart, unterhielt unter großem Beifall die Zuhörer mit einem gereimten
Rückblick auf die Zeit im Stetl und die Zeit danach, selbstverständlich auf
jiddisch, der Muttersprache der osteuropäischen Juden. „Mir lebben!" rief er
der begeisterten Zuhörerschaft entgegen.
Und das Gemeindepflänzchen fängt an zu wachsen.
Gleich für den folgenden Tag wurde auf deutsch und russisch zu einem
Gemeindeabend eingeladen zum Thema „wie wir weiter leben werden".
Bei dem anschließenden Imbiss kam man locker ins Gespräch. Die Stimmung
war erwartungsvoll gespannt.
Mich wunderte, wie viele auch von außerhalb zu Gast waren, aus Stuttgart,
Ulm, Schwäbisch Hall. Zwei Familien mit kleinen Kindern fielen mir auf, aber
auch, dass keine Jugendlichen zu sehen waren.

In Reutlingen gibt es kein Büro oder direkte Ansprechpartner. Die
Organisation geht (noch) über Stuttgart.
Ansprechpartner: Geschäftsführer Lipinski in Stuttgart, Hospitalstraße 36,
70194 Stuttgart, Tel 0711 2283630, Fax 0711 2283636. Email
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