1.
Leben wir auf Kosten der Dritten Welt?
1. Ausgangspunkt für mein Interesse war der Vorwurf, den die
Eine-Welt-Gruppen, Brot für die Welt u.a. erheben: Wir Völker im reichen
Norden leben auf Kosten der sog. armen Länder im Süden. Eigentlich ist
unser Reichtum nur dadurch möglich, indem wir durch unsere
weltwirtschaftlichen Strukturen die Ärmeren ausbeuten.
Wichtigstes Beispiel für diese These ist das weitverbreitete Arbeitsbuch von
Rudolf Strahm „Warum sie so arm sind“ (Wuppertal 1985). In vielen
anschaulichen Bilder zeigt Strahm die Ungleichgewichte, wenn auch das
Zahlenmaterial durchweg überholt ist. Die Tendenz stimmt, die Gräben
zwischen den Reichen und Armen haben sich eher noch vertieft.
Als Ausweg sieht Strahm eine selektive Abkoppelung von der Weltwirtschaft
zur Entwicklung der Süd-Süd-Länder als sog. Dritten Weg. Offen bleibt bei
ihm die Frage, woher die Investitionsmittel denn kommen sollen. Offen bleibt
die Frage, was die Länder des Südens zu dem Thema der Entwicklung zu sagen
haben. Inzwischen ist aber die Entwicklung vom Internationalismus, wie
Strahm den Begriff noch verwendet, zur Globalisierung rasant
fortgeschritten. Die Fragenstellungen kommen aus anderen Perspektiven, vor
allem mit weiteren Erfahrungen, wie der Schuldenfalle.
Als denkender Christ lässt mir dieser Vorwurf keine Ruhe. Stimmt der
Vorwurf, dass wir auf Kosten der armen Länder leben? In welchem Maß stimmt
der Vorwurf? Lässt sich der Vorwurf womöglich quantifizieren? Kann man die
Abhängigkeitsverhältnisse auch anders deuten?
Inzwischen ist die Entwicklung durch die Globalisierung fortgeschritten.
Welche Veränderungen in der Fragestellung haben sich ergeben?
2. Ein anderer Ausgangspunkt ergab sich durch die Begegnung mit
Menschen, die die übliche Geldvermehrung durch Zins und Zinseszins
kritisierten.
Auf einer Verbrauchermesse in Tübingen war ein Stand von Christen aufgebaut,
die die Theorien von Gesell u.a. vertraten. Alles Übel in der Welt käme
dadurch zustande, dass die Zinseszinsproblematik die Kreditnehmer und den
Staat letztlich erdrückt. Christen müssten für eine neue Geldordnung
eintreten.
Was sagt denn die biblische Tradition zum Zins-Verbot/Verwendung? Gibt es
überhaupt eine übertragbare „Wirtschaftspolitik“ in der Bibel? Oder sind es
nur allgemeine Hinweise?
Gibt es Zusammenhänge zwischen der Geldvermehrung durch Zinseszins und der
rasanten Globalisierung?
3. Ein dritter Ausgangspunkt entstand für mich durch die
ökologisch-ökonomische Fragestellung nach dem dauernden Wirtschaftswachstum.
Unser Wirtschaftssystem funktioniert nicht, wenn nicht ein jährliches
Wachstum von >2-2,5% stattfindet. Alles andere ist Rückgang.
In der letzten Wirtschaftskrise der 90er Jahre gab es (fast) keine Parteien
oder Gruppen, die sich mit alternativen Wirtschaftssystemen beschäftigt
haben. Und zwar in dem Sinn: Es kann ja nicht angehen, dass wir nur durch
eine Wirtschaft überleben, die vom dauernden Wirtschaftswachstum profitiert.
Vermutlich haben die hohen Arbeitslosenzahlen uns blind gemacht. Gibt es
denn keine realistischen Modelle, die funktionieren, ohne dass man vom
permanenten Wachstum in unseren Breitengraden ausgeht?
4. Wenn man heutige Zeitungen aufschlägt, so begegnet einem das
Schlagwort „Globalisierung“ fast auf jeder internationalen
Zeitungsseite.
Was versteht man genauer darunter? Ich vermute darin einen ähnlichen
Industrialisierungsschub wie im 19. Jahrhundert.
Aus der Kirchengeschichtsvorlesung meiner Studentenzeit (1970-1975 in
Berlin, Heidelberg und Tübingen) habe ich noch gut im Ohr, wie wiederholt
betont wurde, dass die Kirche damals gegenüber den Arbeitern versagt habe.
Passiert jetzt wieder ähnliches?
Was hat Kirche zu den Problemen der Globalisierung und Weltwirtschaft zu
sagen?
Ist das Thema für die Kirchen weltweit aktuell? Oder ist es nur mein
begrenztes Interesse? Beeinflusst das Thema die Kirche die Arbeit der
hiesigen Kirchen?
Welche Vorteile und Erfolge hat die wirtschaftliche Globalisierung?
Welche Schäden verursacht die wirtschaftliche Globalisierung?
5. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat in Harare u.a. den
gegenwärtigen Globalisierungsprozess als zukünftiges Schwerpunktthema
gewählt.
Von welchen Voraussetzungen aus wird die Diskussion geführt?
Geben dort nur ein paar unverbesserliche Altlinke den Ton an?
Wir das Gespräch mit den Verantwortlichen der Welt gesucht und geführt?
Oder schmort man dort im eigenen prophetischen Saft?
6. Globalisierung ist ein Schlagwort für das moderne Lebensgefüge
geworden, das sehr ambivalent erlebt wird. Die verschiedensten Bereiche
können unter diesem Begriff subsummiert werden:
- Pop-Musik ist auf allen Erdteilen zu finden. Junge Leute auf der ganzen
Welt tanzen zu den gleichen Rhythmen, sind den gleichen Musikmoden
unterworfen.
- Medien berichten vom entferntesten Winkel der Welt, fast live. Als
Beispiel kann die Entführung der Familie Waller und anderer Menschen auf den
Philippinen dienen, wo von den Terroristen ganz bewusst die Medien benutzt
werden und die Medien sich benutzen lassen.
- Kontakte über Handy und Internet sind weltweit ohne Verzögerung möglich,
wenn sie auch von der breiten Masse nur begrenzt weltweit benutzt werden.
- Zuerst beschäftigte uns das Waldsterben über Länder hinweg. Dann folgt die
Erderwärmung, indem durch von westlichen Energieverbrauchern das Klima so
beeinflusst wird, dass in Bangladesh die Wogen hochgehen. Das Ozonloch führt
die Grenzen der natürlichen Schadstoffaufnahme deutlich vor Augen.
- Immer wieder hört man von Finanzmärkten, dass Höhen und Tiefen ganze
Volkswirtschaften ruinieren können. Spekulanten werden steinreich.
- Coca Cola ist in den Steinzeitkulturen auf den Philippinen ebenso bekannt
wie unter den Eskimos.
- Durch die vor allem amerikanische Filmindustrie verändern sich die
kulturellen Werte.
- Von einem Zusammenwachsen der Religionen kann zwar keine Rede sein. Die
Dialoge stecken in den Kinderschuhen. Aber selbst neutrale Wissenschafter
fordern einen Dialog der Kulturen und Religionen ein.
- Die weltweit agierende Kriminalität beeinflusst das Lebensgefühl, indem
sich zeigt, dass auch der Staat nicht wirklich Herr der Lage ist.
- Für den wohlhabenden Mittelstand gehören selbstverständlich weltweite
Flugreisen zum jährlichen Urlaubsprogramm.
- Sportveranstaltungen medial übertragen beschäftigen gleichzeitig
Milliarden (!) von Menschen
- Die Waffenverkäufe laufen schon lange über global agierende
Zwischenhändler.
- Auch die Angst vor Atomwaffen und eine Eskalierung war lange Zeit global.
- Menschen aus den verschiedensten Ländern versuchen seit Jahrzehnten, auch
und gerade in Deutschland Asyl zu bekommen.
- Auch die Kehrseite der Globalisierung gehört dazu: Die zunehmende
Fremdenfeindlichkeit und die Ablehnung von Fremdem.
Ich beschränke mich vor allem auf den Bereich der Wirtschaft und
Finanzen.
7. Ich bin mir bewusst, dass die Bearbeitung des Themas im Rahmen einer
Semesterarbeit nicht wirklich befriedigend möglich ist. Die Zeit ist zu
kurz.
In Tübingen spielt das Thema innerhalb der Theologischen Fakultät keine
Rolle.
Dafür habe ich von der Ringvorlesung im Studium Generale im Sommersemester
2000 genau zu diesem Thema „Welt im Wandel“ sehr profitiert.
Die Einführungsvorlesung „Volkswirtschaftslehre I“ von Prof. Starbatty
lehrte mich das notwendige Vokabular und die Denkmuster.
Aber ich will das beste aus meinen Fragen machen und mich vor allem auf die
Perspektive der Arbeit in der Kirchengemeinde begrenzen.
-
Was kann sich aus der Beschäftigung mit dem Thema für die Gemeindearbeit
ergeben?
- Müssen die Schwerpunkte neu gesetzt werden?
- Liegen vorhandene
Schwerpunkte falsch?
-
Wo gibt es Weggefährten, Initiativen, bei denen man einhaken könnte, um
Verstärkungseffekte zu erzielen?
Tübingen, im Sommersemester 2000