Begriffsklärung


Home
Nach oben
Persönliches
Kirchengemeinde
Sitemap - Uebersicht
Fachliches

2. Was ist Globalisierung?

2.1 Zwischen Verteufelung und Glorifizierung


2
.2 Globalisierung   als Vermarktungs-strategie

2.3 Neoliberale
Wirtschaftsstrategie


2.4 Grenzen des Globalisierungs-begriffs

 

Globalisierung
Inhaltsverzeichnis

 

2. Was ist Globalisierung?
2
.1 Zwischen Verteufelung und Glorifizierung

In der Literatur und auf Kongressen schwanken die Reaktionen auf den sich vollziehenden, weltweiten Globalisierungsprozess zwischen Verteufelung und Glorifizierung.
- Aus der linken Ecke tönt nur harsche Kritik: „Der Terror der Ökonomie“ (Viviane Forrester), sucht keinerlei Verständnis für die neoliberale Volkswirtschaft mit ihren spürbaren Auswirkungen auch in Europa.

„Warum scheint man nicht einmal in Erwägung zu ziehen, sich den Erfordernissen der Globalisierung anzupassen, indem man übt, sich von ihr zu befreien, anstatt sie zu erdulden?“ (Forrester, S. 197)

- Die Spiegelkorrespondenten Hans-Peter Martin und Harald Schumann schrieben den Bestseller „Die Globalisierungsfalle“, ein Buch mit vielen bestürzenden Fakten, aber auch Ausblicken auf mögliche Änderungsmöglichkeiten.- Clement John, Sprecher für Internationale Angelegenheiten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) erklärte auf einer Tagung der Akademie Bad Boll:

„Die Welt erlebt heute die Durchsetzung eines ungerechten globalen Systems, das einigen wenigen mächtigen Staaten erlaubt, anderen ihren politischen Willen, ihre Wirtschaftssysteme und ihre Kultur aufzuzwingen.“

Im Prinzip kann man sagen, dass vor allem in evangelischen Kreisen, wenn über dieses Thema getagt und diskutiert wird, die Grundeinstellung zur Globalisierung ablehnend ist.

Franz Segbers spricht von einer „neoliberale Glaubensgemeinschaft“ (S. 275).
Der Evangelische Pressedienst titelt „Bankrott der Politik?“ (epd 1-99).

- Prof. Jörg Huffschmid sieht die gegenwärtige Globalisierung als eine „ökonomische und politische Gegenreform“ an und ordnet sie als Gegenmodell gegen das bewährte Konzept der sozialen Marktwirtschaft ein.

- Im Weltkursbuch werden die G/-Politiker zitiert. Was sie verkünden erscheint  wie eine Heilslehre:

„Die Globalisierung eröffnet große Chancen für die Zukunft, nicht nur für unsere Länder, sondern auch für alle anderen. Zu ihren zahlreichen positiven Aspekten gehören beispielsweise eine Ausweitung von Investitionen und Handel, die Öffnung der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt für den internationalen Handel und die Chance für eine größere Zahl von Entwicklungsländern, ihren Lebensstandard zu erhöhen, die immer schnellere Verbreitung von Informationen, technologischen Neuerungen sowie die Zunahme qualifizierter Arbeitsplätze. Diese Merkmale der Globalisierung haben zu erheblich mehr Wohlstand und Prosperität in der Welt geführt. Wir sind daher überzeugt, dass der Prozess der Globalisierung eine Quelle der Hoffnung für die Zukunft darstellt.“ (zit. in Weltkursbuch S. 145)

Nach Durchsicht der gängigen Bücher ist viel von Emotionen und oft wenig von Fakten die Rede. Es sieht so aus, als ob es zwei Lager gibt. Die einen bejahen den Prozess der Globalisierung und fordern Verbesserungen, die anderen lehnen die Globalisierung grundsätzlich ab.

2.2 Globalisierung als Vermarktungsstrategie
Jürgen Moltmann umschrieb den Begriff Globalisierung in einer Vorlesung ganz schlicht mit früheren Wort „Fortschritt“. (Ähnlich Hermann Schwengel „Modernisierung“)

Die heutigen Möglichkeiten durch die Technik führen zu einer neuen Form des Fortschritts, der natürlich kritisch hinterfragt werden muss. Man muss mit dem Fortschritt gehen. Welchen Sinn hätte es, sich ihm entgegenzustemmen? Wichtig ist nur, dass bei allem Fortschritt der Schutz der Umwelt nicht zu kurz kommt.

Im „Das Wirtschaftslexikon“ (Uwe Schreiber, München 2000) wird die Globalisierung ähnlich wie im Wirtschaftslexikon von Gabler als eine „internationale Strategie“ bezeichnet, „mit der Unternehmen die weltweite Ausdehnung ihrer Aktivitäten anstreben. Die Produkte oder Dienstleistungen globaler Unternehmen werden soweit standardisiert, dass sie möglichst weltweit vermarktungsfähig sind durch durch hohe Umsatzvolumina Skalenerträge erzielt werden können.“ (S. 200)

Gerald Boxberger verwendet einen sehr brauchbaren Arbeitsbegriff:

Globalisierung ist ein „fortschreitender Prozeß der Internationalisierung des Wirtschaftsgeschehens“, der an drei Punkten festgemacht werden kann:

1. „Die absolute Menge der Waren, die grenzüberschreitende gehandelt werden, hat sich spürbar erhöht.“

2. „Kapital war noch nie so beweglich wie heute (Stichwort internationaler Kapitalmarkt)“

3. „Die Produktion von Waren und DL (Dienstleistungen, d. Vf.) hat sich internationalisiert. Unternehmen sind heute in der Lage, ihre Produktion über Landesgrenzen hinweg zu optimieren. Sie können aus global verfügbaren Produkionsquellen schöpfen und Teilkomponenten der Produktion ins Ausland verlagern (Stichwort: „Global-sourcing“ oder auch „out-sourcing“).“

Hinzu kommen technische Neuerungen wie das Internet  oder Satelittenkommunikation.
(epd Dokumentation 1/1999, S. 15)

Wichtig scheint mir zu sein, dass man sich immer den Prozessbegriff vor Augen hält. Globalisierung ist im dauernden Wandel, ist anpassungsfähig, ist nicht festgelegt wie die Wirtschaftstheorien des Marxismus. Änderungen sind möglich! Das wird von allen Volkswirtschaftlern betont und von den Kritikern oft übersehen.

Der Begriff der Globalisierung ist nicht fest definiert. Weil das Prozesshafte auf vielen Ebenen betont wird, muss man mit einer gewissen Unschärfe auskommen.
Der Begriff, der in den 1990er Jahren aufkam, meint aber sehr viel mehr als nur die wirtschaftliche Seite, obwohl er im wirtschaftlichen Umfeld seinen Ursprung hat.
Früher sprach man vom Internationalismus.
 

Prof Starbatty beschreibt die Globalisierung so:

„Globalisierung ist eine räumliche Schließung der Welt: Zusammenwachsen bisher weitgehend nationaler Märkte zu einem ‘Weltbinnenmarkt’. ... Früher wurden die Nationen oder die Individuen reich, die Transportwege beherrschten und Informationen kontrollierten.... Heute sind die Transport- und Informationsnetze allgemeins zugänglich, sie sind gewissermaßen demokratisiert. ... Verlierer sind die Monopolisten und Kartellbrüder; Gewinner sind alle diejenigen, die die Netze für die Erkundung neuer Märkte und Ausweitung der Produktion nutzen können, vor allem die Konsumenten, deren reale Kaufkraft steigt.“ (Vorlesungsscript SS 2000, S. 92)

Diese Umschreibung von Globalisierung ist sicherlich richt, aber im gewissen Sinn auch schöngeredet.

Eigentlich müsste man hinzufügen, dass die Industrieländer unter Druck stehen, weil sie ihre Wirtschaft so modernisiert und ausgeweitet haben, dass sie mit den Produktionskapazitäten einfach neue Märkte brauchen, um hier in den Industrieländern wirtschaftlich arbeiten zu können. Die nationalen Märkte sind viel zu klein geworden.
Globalisierung ist in diesem Sinn das Überdruck-Ventil, um die -national gesehene- Überproduktivität ablassen zu können. Volkswirtschaftlich gesehen ziehen aber (angeblich) alle einen Nutzen daraus.

2.3 Neoliberale Wirtschaftstheorie
Zugrunde liegt dem Globalisierungsprozess eine Wirtschaftstheorie, die schlagwortartig als „neoklassisch“ oder „neoliberal“ bezeichnet wird.

Eckpunkte dieser Wirtschaftstheorie sind:
Das Marktgeschehen, in das der Staat nicht direkt eingreift, regelt sich von selbst zu einem Gleichgewicht.
Im Wettbewerb finden Anbieter und Märkte durch Angebot und Nachfrage den Preis. Gesucht wird der höchste Gewinn. Durch den Handel steigt der Wohlstand.
Der „Egoismus“ der Einzelnen in ihrem Nutzendenken wirkt sich zum Wohl der Allgemeinheit aus.
Die „unsichtbare Hand“ ist das Symbol der Rationalität und Effizienz des Systems.
Der Staat „steuert“ u.a. über Deregulierung und Privatisierung, die Geldmenge und den Zins den Markt; das ist seine Ordnungsaufgabe.

Namen, die sich mit dieser Theorie verbinden sind

Klassisch: A. Smith, D. Ricardo u.a.; Neoklassisch: in Deutschland: Freiburger Kreis, Milton Friedman, F. A. von Hayek, J.A. Schumpeter

Themen, die für den Neoliberalismus keine Rolle spielen:

Die Machtfrage der Anbieter bzw. der Märkte; der Primat der Politik eines demokratischen Staates; das Bewusstsein, dass hinter dem Markt Menschen stehen; die Einsicht, dass keine geisteswissenschaftliche Theorie vollkommen sein kann (die neoliberalen Volkswirtschaftler gebärden sich, als ob sie eine Naturwissenschaft wären); die Krisenanfälligkeit ihres Systems; die Selbstorganisation von Marktanbietern mit eigenen Vorstellungen (Gewerkschaften u.a.); die Stärkergewichtung des Kapitals vor der Arbeit; das Einbringen von Nachhaltigkeit der Güter.

Neu war für mich, dass die deutsche soziale Marktwirtschaft geschichtlich als Teil des Neoliberalismus anzusehen ist. Man versuchte nur, einen dritten Weg zwischen unkontrollierter Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft zu finden.

Die soziale Marktwirtschaft ist eine bewusst gestaltete, marktwirtschaftliche Gesamtordnung. Sie zielt auf eine Synthese von wirtschaftlicher Freiheit und Sozialstaatsidee (Sicherheit und Gerechtigkeit). (Gert Fiedler, Rainer König, Wirtschaftstheorien im Überblick, Berlin 1991, S. 139)

Die soziale Marktwirtschaft wird in der Denkschrift der EKD ausdrücklich aus weiterentwickelbares Modell anerkannt.
Begriffsunterscheidungen wie (abzulehnender, neoliberaler) Kapitalismus und (gut zu heißende, soziale) Marktwirtschaft sind nicht dialogfähig, sondern der Versuch einzelner.

Einige Zahlen für die Dimensionen der wirtschaftlichen Globalisierung:
Das tägliche Finanzvolumen, das an den Börsen rund um die Welt geht, beträgt etwa 1.500 Milliarden $.
Davon sind (nur) 2-5% für den Güteraustausch notwendig.
Die institutionellen Investoren (dazu gehören Pensionsfonds mit 32 %, Versicherungen mit 39 %, Investitonsfonds mit 29 % Anteil) verfügen etwa über 21.000 Milliarden $ (1995), wovon allein die USA die Hälfte der Anteile hält.
Zum Vergleich: Das BIP der G7-Staaten betrug 1994 17.150 Milliarden $.
(Es war mir eine crux, aktuelle und nicht überholte Zahlen zu finden!)

Alle zwei Jahre findet eine Verdoppelung des Preis-Leistungs-Verhältnisses statt.

Die neoliberale Wirtschaftspolitik wird in den 29 OECD-Ländern praktiziert und teilweise in den Schwellen- und Transformationsländern. Große Teile der Welt haben nur einzelne Elemente der neoliberalen Wirtschaft übernommen.

2.4 Grenzen des Globalisierungsbegriffs

Allerdings muss auch gesagt werden, dass die euphorische Verwendung des Begriffs Globalisierung nicht den Tatsachen entspricht.
Theoretisch könnte man sich zu jeder Zeit mit Australiern und Mexikanern per Telefon oder Videokonferenz unterhalten. Praktisch dagegen ist die nationale Bezogenheit Fakt. Der „Auslandsanteil“ der Telefonate bewegt sich im  2%-Bereich.
Dagegen werden weltweit mehr e-Mails versandt als Briefsendungen!

Theoretisch könnte man mit Nigeria oder Botswana lebhaften Handel treiben, weil die informellen und infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben sind. Praktisch dagegen findet der Löwenanteil des Handels innerhalb der OECD-Länder statt.

Die Verteilung der Direktinvestititonen erfolgt im Prinzip nur innerhalb der Blöcke (Nafta, Asean, EU).
Zur Dritten Welt gibt es nur ausgedünnte Beziehungen. Nur ca. 8% der Direktinvestitionen gehen ins Ausland.
Der Handel mit Billiglohnländern ist eher gering.
Außerdem exportieren die Niedrig-Kosten-Länder in Südostasien und in Osteuropa etwa genau so viel in die Bundesrepublik wie sie von der Bundesrepublik einführen.

Fazit: „Sie sind also keine Bedrohung, sie engen auch den Handlungsspielraum der Bundesregierung nicht ein.“  (Friedhelm Hengsbach im Publik-Forum-Manifest „Das neue Modell Deutschland“)

Jemand hat etwas zynisch auf diesen Sachverhalt hingewiesen und gesagt, dass wir Deutschen unmöglich auf Kosten der Dritten Welt leben können, weil wir mit diesen Ländern fast keinen Handel treiben.
Gleichzeitig muss aber auch festgestellt werden, dass da, wo sich Grenzen öffnen, oft auch neue Grenzen auftun. Es gilt nicht nur für den Bereich der Ökologie, sondern auch für den wirtschaftlichen Bereich, wenn Ulrich Beck von einer „Weltrisikogesellschaft“ spricht.

Auch wenn im folgenden immer von Globalisierung gesprochen wird, so ist doch immer nur der Globalisierungsprozess gemeint. Zürn vermeidet sogar diesen Begriff und spricht lieber von einem „Denationalisierungsprozess“.

nach oben

   
Stand 22.07.2005  

Aspekte 1