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2. Was ist Globalisierung?
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2.
Was ist Globalisierung?
In der
Literatur und auf Kongressen schwanken die Reaktionen auf den sich
vollziehenden, weltweiten Globalisierungsprozess zwischen Verteufelung und
Glorifizierung. „Warum scheint man nicht einmal in Erwägung zu ziehen, sich den Erfordernissen der Globalisierung anzupassen, indem man übt, sich von ihr zu befreien, anstatt sie zu erdulden?“ (Forrester, S. 197) - Die Spiegelkorrespondenten Hans-Peter Martin und Harald Schumann schrieben den Bestseller „Die Globalisierungsfalle“, ein Buch mit vielen bestürzenden Fakten, aber auch Ausblicken auf mögliche Änderungsmöglichkeiten.- Clement John, Sprecher für Internationale Angelegenheiten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) erklärte auf einer Tagung der Akademie Bad Boll: „Die Welt erlebt heute die Durchsetzung eines ungerechten globalen Systems, das einigen wenigen mächtigen Staaten erlaubt, anderen ihren politischen Willen, ihre Wirtschaftssysteme und ihre Kultur aufzuzwingen.“ Im Prinzip kann man sagen, dass vor allem in evangelischen Kreisen, wenn über dieses Thema getagt und diskutiert wird, die Grundeinstellung zur Globalisierung ablehnend ist.
Franz
Segbers spricht von einer „neoliberale Glaubensgemeinschaft“ (S. 275). - Prof. Jörg Huffschmid sieht die gegenwärtige Globalisierung als eine „ökonomische und politische Gegenreform“ an und ordnet sie als Gegenmodell gegen das bewährte Konzept der sozialen Marktwirtschaft ein. - Im Weltkursbuch werden die G/-Politiker zitiert. Was sie verkünden erscheint wie eine Heilslehre: „Die Globalisierung eröffnet große Chancen für die Zukunft, nicht nur für unsere Länder, sondern auch für alle anderen. Zu ihren zahlreichen positiven Aspekten gehören beispielsweise eine Ausweitung von Investitionen und Handel, die Öffnung der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt für den internationalen Handel und die Chance für eine größere Zahl von Entwicklungsländern, ihren Lebensstandard zu erhöhen, die immer schnellere Verbreitung von Informationen, technologischen Neuerungen sowie die Zunahme qualifizierter Arbeitsplätze. Diese Merkmale der Globalisierung haben zu erheblich mehr Wohlstand und Prosperität in der Welt geführt. Wir sind daher überzeugt, dass der Prozess der Globalisierung eine Quelle der Hoffnung für die Zukunft darstellt.“ (zit. in Weltkursbuch S. 145) Nach Durchsicht der gängigen Bücher ist viel von Emotionen und oft wenig von Fakten die Rede. Es sieht so aus, als ob es zwei Lager gibt. Die einen bejahen den Prozess der Globalisierung und fordern Verbesserungen, die anderen lehnen die Globalisierung grundsätzlich ab.
2.2
Globalisierung als Vermarktungsstrategie Die heutigen Möglichkeiten durch die Technik führen zu einer neuen Form des Fortschritts, der natürlich kritisch hinterfragt werden muss. Man muss mit dem Fortschritt gehen. Welchen Sinn hätte es, sich ihm entgegenzustemmen? Wichtig ist nur, dass bei allem Fortschritt der Schutz der Umwelt nicht zu kurz kommt. Im „Das Wirtschaftslexikon“ (Uwe Schreiber, München 2000) wird die Globalisierung ähnlich wie im Wirtschaftslexikon von Gabler als eine „internationale Strategie“ bezeichnet, „mit der Unternehmen die weltweite Ausdehnung ihrer Aktivitäten anstreben. Die Produkte oder Dienstleistungen globaler Unternehmen werden soweit standardisiert, dass sie möglichst weltweit vermarktungsfähig sind durch durch hohe Umsatzvolumina Skalenerträge erzielt werden können.“ (S. 200) Gerald Boxberger verwendet einen sehr brauchbaren Arbeitsbegriff:
1. „Die absolute Menge der Waren, die grenzüberschreitende gehandelt werden, hat sich spürbar erhöht.“ 2. „Kapital war noch nie so beweglich wie heute (Stichwort internationaler Kapitalmarkt)“ 3. „Die Produktion von Waren und DL (Dienstleistungen, d. Vf.) hat sich internationalisiert. Unternehmen sind heute in der Lage, ihre Produktion über Landesgrenzen hinweg zu optimieren. Sie können aus global verfügbaren Produkionsquellen schöpfen und Teilkomponenten der Produktion ins Ausland verlagern (Stichwort: „Global-sourcing“ oder auch „out-sourcing“).“
Hinzu kommen technische Neuerungen
wie das Internet oder Satelittenkommunikation. Wichtig scheint mir zu sein, dass man sich immer den Prozessbegriff vor Augen hält. Globalisierung ist im dauernden Wandel, ist anpassungsfähig, ist nicht festgelegt wie die Wirtschaftstheorien des Marxismus. Änderungen sind möglich! Das wird von allen Volkswirtschaftlern betont und von den Kritikern oft übersehen.
Der
Begriff der Globalisierung ist nicht fest definiert. Weil das Prozesshafte
auf vielen Ebenen betont wird, muss man mit einer gewissen Unschärfe
auskommen. Prof Starbatty beschreibt die Globalisierung so: „Globalisierung ist eine räumliche Schließung der Welt: Zusammenwachsen bisher weitgehend nationaler Märkte zu einem ‘Weltbinnenmarkt’. ... Früher wurden die Nationen oder die Individuen reich, die Transportwege beherrschten und Informationen kontrollierten.... Heute sind die Transport- und Informationsnetze allgemeins zugänglich, sie sind gewissermaßen demokratisiert. ... Verlierer sind die Monopolisten und Kartellbrüder; Gewinner sind alle diejenigen, die die Netze für die Erkundung neuer Märkte und Ausweitung der Produktion nutzen können, vor allem die Konsumenten, deren reale Kaufkraft steigt.“ (Vorlesungsscript SS 2000, S. 92) Diese Umschreibung von Globalisierung ist sicherlich richt, aber im gewissen Sinn auch schöngeredet.
Eigentlich
müsste man hinzufügen, dass die Industrieländer unter Druck stehen, weil sie
ihre Wirtschaft so modernisiert und ausgeweitet haben, dass sie mit den
Produktionskapazitäten einfach neue Märkte brauchen, um hier in den
Industrieländern wirtschaftlich arbeiten zu können. Die nationalen Märkte
sind viel zu klein geworden.
2.3
Neoliberale Wirtschaftstheorie
Eckpunkte dieser
Wirtschaftstheorie sind: Namen, die sich mit dieser Theorie verbinden sind Klassisch: A. Smith, D. Ricardo u.a.; Neoklassisch: in Deutschland: Freiburger Kreis, Milton Friedman, F. A. von Hayek, J.A. Schumpeter Themen, die für den Neoliberalismus keine Rolle spielen: Die Machtfrage der Anbieter bzw. der Märkte; der Primat der Politik eines demokratischen Staates; das Bewusstsein, dass hinter dem Markt Menschen stehen; die Einsicht, dass keine geisteswissenschaftliche Theorie vollkommen sein kann (die neoliberalen Volkswirtschaftler gebärden sich, als ob sie eine Naturwissenschaft wären); die Krisenanfälligkeit ihres Systems; die Selbstorganisation von Marktanbietern mit eigenen Vorstellungen (Gewerkschaften u.a.); die Stärkergewichtung des Kapitals vor der Arbeit; das Einbringen von Nachhaltigkeit der Güter. Neu war für mich, dass die deutsche soziale Marktwirtschaft geschichtlich als Teil des Neoliberalismus anzusehen ist. Man versuchte nur, einen dritten Weg zwischen unkontrollierter Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft zu finden. Die soziale Marktwirtschaft ist eine bewusst gestaltete, marktwirtschaftliche Gesamtordnung. Sie zielt auf eine Synthese von wirtschaftlicher Freiheit und Sozialstaatsidee (Sicherheit und Gerechtigkeit). (Gert Fiedler, Rainer König, Wirtschaftstheorien im Überblick, Berlin 1991, S. 139)
Die
soziale Marktwirtschaft wird in der Denkschrift der EKD ausdrücklich
aus weiterentwickelbares Modell anerkannt.
Einige
Zahlen für die Dimensionen der wirtschaftlichen Globalisierung: Alle zwei Jahre findet eine Verdoppelung des Preis-Leistungs-Verhältnisses statt. Die neoliberale Wirtschaftspolitik wird in den 29 OECD-Ländern praktiziert und teilweise in den Schwellen- und Transformationsländern. Große Teile der Welt haben nur einzelne Elemente der neoliberalen Wirtschaft übernommen. 2.4 Grenzen des Globalisierungsbegriffs
Allerdings
muss auch gesagt werden, dass die euphorische Verwendung des Begriffs
Globalisierung nicht den Tatsachen entspricht. Theoretisch könnte man mit Nigeria oder Botswana lebhaften Handel treiben, weil die informellen und infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben sind. Praktisch dagegen findet der Löwenanteil des Handels innerhalb der OECD-Länder statt.
Die
Verteilung der Direktinvestititonen erfolgt im Prinzip nur innerhalb der
Blöcke (Nafta, Asean, EU). Fazit: „Sie sind also keine Bedrohung, sie engen auch den Handlungsspielraum der Bundesregierung nicht ein.“ (Friedhelm Hengsbach im Publik-Forum-Manifest „Das neue Modell Deutschland“)
Jemand hat
etwas zynisch auf diesen Sachverhalt hingewiesen und gesagt, dass wir
Deutschen unmöglich auf Kosten der Dritten Welt leben können, weil wir mit
diesen Ländern fast keinen Handel treiben. Auch wenn im folgenden immer von Globalisierung gesprochen wird, so ist doch immer nur der Globalisierungsprozess gemeint. Zürn vermeidet sogar diesen Begriff und spricht lieber von einem „Denationalisierungsprozess“. |
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| Stand 22.07.2005 |