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3. Aspekte der Globalisierung
3.1 Wirtschaft und Ethik
3.11 Am Beispiel von adidas
3.12 Biblische Einsichten
3.13 Theologische Wirtschaftsethik
3.14 Impulse
3.141 Katholische Studie „Die vielen Gesichter“
3.142 Die Hausordnung der Tora
3.15 Konkretion: Wirtschaft ohne Zins?
3.16 Freigeld
Globalisierung
Inhaltsverzeichnis |
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3. Aspekte der Globalisierung
3.1 Wirtschaft und Ethik
3.11 Am Beispiel von adidas
Seit einigen Jahren ist das Thema einer Wirtschaftsethik wieder im Kommen.
Firmen geben Leitziele heraus. Die Öffentlichkeit verlangt
Rechenschaft.
Ein praktisches Beispiel liefert der Konflikt, den epd über Adidas berichtet
hat.
„In Indonesien, beim adidas-Zulieferer Tuntex, erhalten die Näherinnen nicht
einmal den gesetzlichen Mindestlohn von 1,61 Mark am Tag, hat die von
Gewerkschaften und Kirchen getragene „Kampagne für saubere Kleidung“
recherchiert. sie seien ständig psychischem Druck und Misshandlungen
ausgesetzt. In El Salvador dauerten die Schichten in Spitzenzeiten bis zu 20
Stunden. ...
Sie würden zu Überstunden gezwungen, bis zu zehn Stunden in der Woche -
unbezahlt. Der Druck sei enorm, oft wede ihnen verweigert, auf die Toilette
zu gehen oder zwischendurch einen Schluck Wasser zu trinken.
Wer fest in der Fabrik anfangen wolle, werde zu einem Schwangerschaftstest
gezwungen. Schwangere würden nicht eingestellt. ...
Adidas-Salomon verweist auf einen firmeneigenen Verhaltenskodex, mit dem es
seine Lieferanten seit 1998 zur Achtung sozialer Standards verpflichte. Die
Vorwürfe der Kampagne, adidas-Bekleidung hafteten „soziale Mängel“ an, seien
„irreführend und unangemessen“, erklärte die Firma auf epd-Anfrage. ...
Kostet ein Paar Turnschuhe im Laden 100 DM, gehen davon 40 Pfennig Lohn an
die Arbeiter in der Produktion, haben Mitarbeiter der Kampagne ausgerechnet.
50 DM erhält allein der Einzelhändler, 8,50 DM steckt der Markenhersteller
in die Werbung. Würden also nach dieser Rechnung die Löhne für Arbeiterinnen
in El Salvador oder Vietnam verdoppelt, würde das Paar nur 40 Pfennig mehr
kosten.“
(epd-Wochenspiegel 24/2000, S. 21)
Ich selber habe darauf hin bei Adidas per eMail protestiert, woraufhin ich
postwendend auf die Richtlinien des adidas-Konzerns hingewiesen wurde.
Darin heißt es unter anderem: (www.adiadas.de/ unter Umwelt und Soziales)
„Die Entwicklung von Unternehmensleitlinien bezüglich sozialer
Mindeststandards, der Arbeitssicherheit sowie des Gesundheits- und
Umweltschutzes und deren Überwachung in den Produktionsstätten der
adidas-Salomon AG und seiner Geschäftspartner ist fester Bestandteil unserer
globalen Unternehmenspolitik. 1998 hat sich die adidas-Salomon AG einen
eigenen Verhaltenskodex ("Standards of Engagement") auferlegt, dessen
Einhaltung und Überwachung von einem eigens hierfür bestellten "Global
Director - Social & Environmental Affairs" koordiniert wird.
Diese Verhaltensnormen gehören zu den zentralen Werten unserer Marke, an
denen wir nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Geschäftspartner messen.
Dementsprechend erwarten wir von unseren Partnern - Beratern,
Subunternehmern, Zulieferern und anderen - in allen geschäftlichen Belangen
äusserste Fairness, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein.
Die "Standards of Engagement" orientieren sich an den Konventionen der
International Labor Organisation (ILO) und folgen dem Verhaltenskodex des
Weltverbandes der Sportartikelindustrie (WFSGI).“
Hier zeigt sich gleich ein Grundkonflikt zwischen Kirchen und Wirtschaft
auf:
Wird von seiten der Kirchen eine Grundsatzkritik geführt, oder beschränkt
man sich auf verbesserungsfähige Maßnahmen?
Mit den Leitzielen hat sich der Transnationale Konzern einer öffentlichen
Ethik verpflichtet. Die Kirchen kritisieren die praktische Umsetzung der
Ethik.
Wir in Deutschland können vor Ort die Vorwürfe nicht nachprüfen, sondern
müssen unseren kirchlichen Informanten vertrauen und uns für sie zum
Sprachrohr machen.
Die kirchliche Kritik kann in diesem Zusammenhang keine Grundsatzkritik am
Wirtschaftssystem als solchem sein. Die Kritik geht nur dahin, dass die
selbst gesetzten Standards nicht eingehalten werden. (Es ist ein großer
Fortschritt und vielleicht auch der Kritik der Kirchen mitzuverdanken, dass
solche ethischen Standards überhaupt formuliert wurden!)
Die Veränderungen müssen nun vor Ort vor den Augen der Öffentlichkeit
vollzogen werden.
Das Öffentlichtmachen ist in diesem Zusammenhang die einzige Stärke der
Kirche.
Die kirchlichen Partner vor Ort können von uns nur mittelbar unterstützt
werden.
Brot für die Welt z.B. setzt einen ganzen Teil ihrer Mittel für die
advocacy-Arbeit ein, um die Partner vor Ort zu stärken.
Eine Stärkung der Partner kann auch die schnelle Internet-Kommunikation
werden. (Den Armen Gerechtigkeit 2000, 155).
Allerdings ist mir noch keine Plattform bekannt, von wo aus die Proteste
koordiniert werden.
3.12 Biblische Einsichten
Es ist in der theologischen Diskussion strittig, in wie weit für eine
Wirtschaftsethik biblische Texte herangezogen werden können.
Auf der einen Seite üben manche Texte eine große Faszination aus
(Sabbatjahr, Zinsverbot, siehe unten), auf der anderen Seite lassen sich
solche Texte nicht einfach als „biblische Wirtschaftsethik“ auf die
Gegenwart übertragen.
Viele verzichten auf eine explizite biblische Grundlegung und nehmen nur
allgemeine christlich-jüdische Maßstäbe auf.
Im Grunde sind es einfache biblische Einsichten, die allgemein auch unter
Volkswirtschaftler verbreitet und anerkannt sind:
Der Dekalog, die Goldene Regel, das Eintreten für den Schwächeren, die
Weiterentwicklung der Menschenrechte und Menschenwürde.
Selbst wenn ein Wertewandel proklamiert wird, so lassen sich die
jahrtausendalten Prinzipien auch in der Moderne bestens begründen.
Moral macht sich längerfristig bezahlt! Das können wir mit guten Gründen
weitergeben. Eine Bestätigung für diese Behauptung ist die ganz neue
Vereinbarung zwischen den transnationalen Firmen und der OPEC (?), dass
Korruptionszahlungen von Ausländern unter Strafe und öffentlicher Ächtung
gestellt werden.
Der Streit entsteht meist erst bei der Umsetzung. Aber das ist unter
Theologen ja auch nicht anders. Die Umsetzung wiederum kann nur im Dialog
stattfinden.
„Vieles spricht dafür, dass Ethik, eine situationsgerechte
Verantwortungsethik zumal, heute wesentlich nur im Akt des Dialogs und der
mitvollziehenden Begründung verbindlich zu fundieren ist. In Anbetracht der
normativen Kraft des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit hat auch der
ethische Diskurs, will er nicht in Appell, Predigt oder Sonntagsrede
versanden, sich auf das Prinzip der Einsehbarkeit, des Mitvollzugs und der
Mitverantwortung für moralische Überlegungen einzulassen.“ (G. Leipold)
Die Dialogfähigkeit von biblischen Einsichten und wirtschaftlichen Theorien
lässt mich fragen, was selten diskutiert wird:
Für wen werden ihre Wirtschaftsethiken geschrieben?
Ich meine, sie sollten - auch wenn sie von Theologen geschrieben werden - für
Leute aus der Wirtschaft geschrieben werden, mit einem Vokabular, das sie
auch verstehen und gebrauchen. Es ist schade, dass sich Theologen an dieser
Stelle immer wieder verweigern.
Friedhelm Hengsbach fordert zurecht auf, sich selbst weniger als die
Moralanstalt für die wirtschaftlichen und staatlichen Organe zu verstehen.
Man müsse sich vielmehr mit allen gesellschaftlichen Organisationen
verbünden. (in Kirchen zum Thema Globalisierung, von Jochen Töller, in
http://druckarchiv)
3.13 Theologische Wirtschaftsethik
Das neue 4bändige „Handbuch der Wirtschaftsethik“ nimmt das Gespräch mit der
Wirtschaft auf und ist eine wahre Fundgrube! Leider konnte ich es nur sehr
rudimentär zu Rate ziehen.
Die Globalisierung ist die Ursache, dass man sich wieder stärker mit der
Wirtschaftsethik beschäftigt.
Im Mittelalter bis zur Aufklärung sorgten die Religionen für die Einhaltung
der Normen.
Seit der Aufklärung hat diese Überwachung der Staat mit seiner Gesetzgebung,
insbesondere mit dem Strafrecht übernommen. (Bd. 1, S. 524) Wollen denn
manche kirchlichen Vertreter das Rad der Geschichte zurückdrehen?
Ein Problem der Globalisierung: Durch grenzüberschreitenden Aktivitäten
können sich nun aber immer mehr Unternehmen der staatlichen „Überwachung der
Normeneinhaltung“ einziehen, weil die Sanktionsmöglichkeit eines Staates an
den Staatsgrenzen endet.
Man lässt sich in Staaten nieder, wo die Normen weniger streng sind oder gar
nicht bestraft werden (vgl. Unfälle mit Schiffen unter fremder Flagge).
Deswegen wird eine „freiwillige Normeneinhaltung“ gefordert. (S. 525)
Ich habe hier einige wenige Leitlinien zusammengestellt, die mir wichtig
sind.
- Das Ziel einer Wirtschaftsethik ist eigentlich einfach umschrieben:
Möglichst vielen Menschen ein möglichst menschenwürdiges Leben zu sichern.
- Die Grenzen, die die Natur setzt, müssen anerkannt werden.
- Dabei sind absolute oder von der Natur aus vorgegebene globale Grenzwerte
sind für die Gesamtpopulation nicht erkennbar.
Lediglich Grenzwerte sind in bestimmten Regionen überregional wirksame
Faktoren (Überweidung, Wassermangel, Schadstoffbelastung von Böden, Wasser,
Luft, Nahrungsmittel) schon längst erreicht und überschritten. (S. 145)
- Was ist „Menschenwürde“? Der Begriff ist nicht objektivierbar, aber je
nach Kultur umschreibbar.
Eine Dimension der Menschenwürde lässt sich vielleicht mit dem
volkstümlichen Begriff „Glück“ umschreiben.
Glück ist z.B. als Recht in der amerikanischen Verfassung enthalten.
Nur, wer Glücklichsein als Menschenrecht deklariert, produziert nur
anhaltende Enttäuschung. Das Versprechen ist nicht einlösbar.
Sigmund Freud: „Dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung
nicht enthalten.“
Wichtiger als Glücksversprechungen und Glückserwartungen sind deshalb meso-
und mikroskalige Zielvorstellungen, reale Utopien, die im sozioökonomischen
Bereich wirksam werden, z.B. Ideen zur Gestaltung der Stadt, Ballungsräume,
der Wirtschaftsweise oder der Transportsysteme der Zukunft.
„Science Fiction bzw. wissenschaftliche Zukunftsforschung werden noch immer
in ihrer Bedeutung verkannt: nicht in Bezug auf ihre - oft grob falsche -
Prognostik, vielmehr als Ideenbank, auf die gegebenenfalls zurückgegriffen
werden kann.“ (S. 145)
„Praktisch handhabbar wird in Ökonomie wie Ökologie jedes Ziel erst im
Mikroskala-Bereich: ‘Think globally, act locally’ (Friends of Earth).“
Zur Erreichung des oben genannten Generalziels gibt es zwei unterschiedliche
Ansätze.
a) Der eine geht vom Menschen und seinen Bedürfnissen aus,
b) der andere vom gesamten Ökosystem, welches wiederum die Bedürfnisse des
Menschen beinhaltet.
Utilarismus
Allen Wirtschaftsethiken ist gemein, dass sie sich als Impulsgeber
verstehen.
Die Problemlösungen nicht mehr gibt mehr. Selbst das, was Experten sagen,
kann oft zu recht angezweifelt werden. Unser Wissen und unsere Erkenntnis
sind fragmentiert und spezialisiert.
Es ist kaum auszumachen, was eine „reale Einschätzung der Gegenwart“
ausmacht.
Deswegen wird nach einem „„Orientierungswissen“ gefragt, das mehr als nur
die Frage nach den Mitteln, Verfahren und Instrumenten, Probleme zu lösen,
Problemlagen zu bewältigen. Es bedarf heute, vor dem Hintergrund
weitreichender Zielkonflikte, vor allem der Kontroverse und der
Verständigung über Zielperspektiven. Ziellose Bewegung, worin Modernisierung
zum Selbstzweck schrumpft, bedeutete nichts anderes als die Potenzierung des
Unbehagens an der Moderne, die Verschärfung des Problemstaus zu Zentren
sozialer Explosionen.“ (G. Leipold in „Kontrapunkte Nürnberger Diagnosen,
1998, Verantwortung heute.“ Internetadresse)
Es ist in Wirtschaftsethiken umstritten, in welcher Form die Biblischen
Schriften als Gebotenes, als unbedingtes Wort Gottes, eingebracht werden
können.
Verschiedene Positionen:
- Biblizistische Positionen helfen m.E. nicht weiter. Als Christen leben wir
in den Strukturen dieser Welt und ernähren uns von ihr.
Beispiel für eine biblizistische Position ist die Evangelikale Oxford
Erklärung - Christlicher Glaube und Wirtschaft (1990): „Wir erklären, dass
die Heilige Schrift, das Wort des lebendigen und wahren Gottes, unsere
höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und Handels ist. Deshalb
wenden wir uns an sie al einen verläßlichen Wegweiser bei Fragen des
wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens. Als Ökonomen und
Theologen wollen wir Theorie und Praxis dem Urteil der Heiligen Schrift
unterwerfen.“
(zit. bei Segbers, Hausordnung der Tora, S. 35f)
- Eckart Otto meint zur „Wirtschaftsethik des Alten Testaments“, dass es der
zeitliche Abstand nicht erlaubt, eine Verbindung zwischen dem Umgang der
Bibel mit ökonomischen Fragen ihrer Zeit und unseren heutigen
Wirtschaftsfragen herzustellen. (zit Segbers. S. 40) Trotzdem bietet das
Alte Testament wichtige Einsichten für die heutige Lebensführung. Es geht
also nicht um eine unmittelbare Handlungsanweisung, wohl aber um
Perspektiven.
In der EKD-Denkschrift „Gemeinwohl und Eigennutz. Wirtschaftliches Handeln
in Verantwortung für die Zukunft“ wird m.E. zurecht festgestellt:
„Die Bibel ist (...) kein Rezeptbuch, aus dem unmittelbare Anweisungen für
bestimmte Maßnahmen in Wirtschaft und Politik entnommen werden können.“ (Ziff.
106)
Einsichten und Überzeugungen, die sich in der Auslegung der Bibel gebildet
haben, sollen in das Gespräch über Verantwortung in der Wirtschaft
aufgenommen werden und Perspektiven für das gemeinsame leben nach Gottes
Willen öffnen. (Ziff 105)
Diese Haltung entspricht guter lutherischer Tradition.
Die ÖRK Studie „Christlicher Glaube und Weltwirtschaft“ (epd-Dokumentation
40/1992) ist weniger daran interessiert, wie im Einzelnen biblischen Texte
herangezogen werden.
Sie argumentiert anders herum: Der hermeneutische Schlüssel, um die
biblische Tradition zu verstehen, sind die Verlierer der Modernisierung und
Globalisierung von heute.
„ Jede wirtschaftspolitische Maßnahme und jedes Wirtschaftssystem muss daher
unter dem Gesichtspunkt geprüft werden, wie sie bzw. es auf die Situation
der Armen sich auswirkt.“
Es ist erstaunlich, dass in verschiedenen Vorlesungen immer wieder auf Max
Weber zurückgegriffen wurde.
„Der Grundsatz seiner Idee der Verantwortungsethik, in dem berühmten Vortrag
über „Politik als Beruf“ von 1918 erläutert, lautet denkbar einfach:
Wir haben für die voraussehbaren Folgen unserer Entscheidungen und unseres
Handelns aufzukommen. Wir haben alles zu unternehmen, um uns für unsere
Entscheidungen und unser Handeln mit möglichst qualifiziertem Problemwissen
zu versorgen. Wir haben unsere Entscheidungen und unser Handeln im Lichte
der Möglichkeit unvorhergesehener Folgen und Folgeprobleme einzurichten.“ (zit
bei G. Leipold)
Diese Handlungsethik erlaubt, Erfolgschancen und Risikopotentiale abzuwägen
und Nebenwirkungen einzuschließen.
Starbatty sagte deshalb ganz schlicht in seiner Vorlesung:
„Wir wissen, wo wir stehen: Globalisierung ist generell wohlfahrtsfördernd,
aber einige Regionen oder Volkswirtschaften können zu den Verlierern
gehören. Ein Ausklinken aus den globalen Netzen sichert nicht nur den Status
quo, sondern ist der Einstieg in den Abstieg.“ (S. 96)
Hier ist genau der Punkt, wo die Wirtschaftethik einhaken muss. Die „freien“
Wirtschaftler und Ethiker nehmen oft nur einen Teil der Welt in ihre
Theoriebildung und Ethik auf.
Was bedeutet für die Ethik die Fomulierung von Schumpeter, dass
Globalisierung als eine schöpferisch-zerstörerische Kraft beschrieben wird,
der sich in den Weg zu stellen sinnlos ist? Werden hier nicht die Kräfte des
Marktes mit magischen, fast göttlichen Attributen versehen?
Andrerseits könnte man auch fragen, ohne zynisch zu werden: Hat nicht jede
Volksgemeinschaft auch ein Recht auf eigene Gestaltung? In der
Sozialdiakonie sagt man, dass jeder auch das Recht auf eigene
„Verwahrlosung“ hätte, wenn man so leben will, wie man gerade lebt.
Das ist das Neue an der Globalisierung , das wohl viele Staaten und
Volksgemeinschaften und Mitmenschen noch nicht mitbekommen haben:
Dem Globalisierungsprozess kann sich kein Staat mehr entziehen, ob so oder
so. Es ist wie bei einem Unglück, das passiert. Auch wenn man es nicht
geplant hat, ist es da. Es gibt keine Nischen. Man muss sich verhalten, so
oder so.
Das ist die bittere Pille der Erkenntnis in Bezug auf den
Globalisierungsprozess! Auch wenn man gegen den Globalisierungsprozess ist,
man kann ihn nur noch mitgestalten oder erleiden.
Selbst Bundesaußenminister Joschka Fischer, der sich als praktizierender
Linker versteht, betont in seinem Buch “Für einen neuen
Gesellschaftsvertrag” (München, 2000) die großen Schattenseiten der
“Globalisierungskrise”. Er sieht aber auch keinen anderen Ausweg als den der
politischen Gestaltung und nicht der Ablehnung.
Für eine Ethik der Verantwortung heißt das, dass wir als Kirchen heutzutage
im Rahmen der „Zivilgemeinschaften“ unsere Anliegen einbringen müssen, um
öffentlich gehört zu werden. Ob die Formen mehr oder weniger biblisch sind,
ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass die Kirchen den
Entscheidungsträgern einleuchtende und mehrheitsfähige Argumente mitgeben
können.
Für mich läuft deswegen alles darauf hinaus, dass sich die Kirchen als NGO’s
verstehen und im Rahmen der gegenwärtigen Strukturen einbringen lernen. Das
ist die ethische Herausforderung unserer Tage! Eine schlichte
Gesinnungsethik kann für Christen motivierend sein.
Gefragt ist aber die Übernahme von Verantwortung.
Man müsste ein Aktionsgruppe auf Zeit gründen, vielleicht als „freies Werk“,
die aber mit Abstimmung und Autorität verschiedenartige Aktionen durchführen
kann.
Kirchengemeinden arbeiten dann im Rahmen der lokalen Agenda 21 mit.
Der Ökumenische Rat der Kirchen muss sich sein eigenes Gegenüber suchen
(z.B. WTO- und Weltbank-Manager), um Gehör zu finden.
3.14 Impulse
Heutige Wirtschaftsethiken beschränken sich im Prinzip auf „Impulse“, die
aus der biblisch-christlichen-humanistischen Tradition gewonnen werden.
Sie sollen dann die Wirtschaftsethiken der Firmen und Gesellschaft
beeinflussen.
Merkwürdig ist für mich, dass sich die theologischen Ethiken nur selten auf
direkte, fachliche Auseinandersetzung einlassen. Sie begnügen sich mit
biblisch - einsichtigen Impulsen.
Sie scheuen das volkswirtschaftliche Vokabular bis auf ein paar
Schlüsselbegriffe wie Markt und Zins. Sie weichen der Frage nach möglichen
Steuerungselementen der Wirtschaft und den Konsequenzen aus. Die Folge ist
ein Apell-wischi-waschi, das in der Wirtschaftswelt sicherlich ungehört
verhallt.
Die Dialogfähigkeit zwischen Theologen und Wirtschaftlern scheint sehr
gering zu sein. Treffen von Partnern aus Industrie und Kirchen kommen über
den Status von “good will - Veranstaltungen” nicht hinaus.
3.141 Katholische Studie „Die vielen Gesichter“
Ein große, lobenswerte Ausnahme bildet hier die katholische Studie „Die
vielen Gesichter der Globalisierung, Perspektiven einer menschengerechten
Weltordnung (Bonn, November 1999).
Die Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ unter der
Federführung von Hans-Gerd Angel verzichtet bewusst auf explizit biblisches
Vokabular, um die Fragestellungen der „säkularen und pluralen Gesellschaft“
zugänglich zu machen.
Dialogfähigkeit ist das, was diese Wirtschaftsethik auszeichnet!
In dieser Studie werden als theologische Rahmenpunkte
- die Menschenwürde,
- die Option für die Armen,
- die Solidarität,
- die Befähigung zu selbst-verantwortlichem Handeln genannt.
Dabei wird die soziale Marktwirtschaft mit politisch zu setzenden
ordnungspolitischen Rahmenbedingungen zugrunde gelegt. Die Rahmenbedingungen
sollen so weit wie möglich verhindern, dass der Globalisierungsprozess die
Menschen und Generationen in Gewinner und Verlierer spaltet.
3.142 Die Hausordnung der Tora
Franz Segbers setzt sich in reformierter Tradition intensiv mit den
biblischen Grundlage für eine Wirtschaftsethik auseinander. (Die Hausordnung
der Tora, Biblische Impulse für eine theologische Wirtschaftsethik, Luzern
1999)
Er entwickelt anhand der Bibel ein Leitbild, diskutiert anhand der
Leitbilder gegenwärtige Wirtschaftsthemen, verzichtet aber auf einen
ernstzunehmende Dialog mit den Wirtschaftswissenschaften. Die Bibel gibt die
Themen vor, nicht die Zeit, nicht die Ausdrucksweise „dieser Welt“. Darin
zeigt sich auch gleich die Grenze dieses Buches.
Ich finde diese Buch trotzdem spannend, weil hier die „Option für die Armen“
inhaltlich gefüllt wird, ohne zu einem sentimentalen Ausdruck zu verkommen.
Segbers stellt fest, das der Ausgangspunkt jeder theologischen
Wirtschaftsethik der Standort der Rationalisierungsverlierer sein muss. (S.
22)
Er wählt damit einen Ansatz, der nicht vom Ganzen, vom Oikos der Welt
ausgeht -auch wenn er es später so vorgibt-, sondern von Problemen, die
Bewohner im Nebenzimmer haben.
Ich würde meinen, der Dialog mit der Welt setzt voraus, dass man zuerst das
Ganze in dem Blick nimmt und dann fragt, welche „Regulierungselemente“ man
einbauen muss, um die Nachteile auszugleichen.
Es sei denn, man hält die gegenwärtigen Wirtschaftstheorien für so falsch,
dass es sich gar nicht lohnt, sie als Ausgangspunkt zu nehmen. Weil in der
real existierenden Marktwirtschaft so ein Machtungleichgewicht zwischen
Kapital und Arbeit besteht, müsste man eine neue Wirtschaftstheorie
aufstellen. Weil man als Theologe das nicht kann, begnügt man sich mit
Impulsen.
Segbers stellt die These auf:
„Die Hebräische Bibel, die Tora oder allgemeiner: Die Biblischen Schriften
stehen für eine material bestimmte Traditionslinie, die konkretisieren kann,
was die Wertkategorie „menschengerecht“ bedeutet. Wie ein roter Faden
durchzieht die Bibel eine normative Logik der Humanität, die in
Auseinandersetzung mit der Ökonomie ihrer Zeit entstanden ist. Die Tora
enthält eine eindeutige Vorzugsregel: Die Logik der Humanität erhält einen
unbedingten Vorrang gegenüber anderen Ansprüchen.“ (S. 25)
Daraus folgert Segbers conträr zu allen Formulierungen von gegenwärtigen
Wirtschaftstheorien:
„Wirtschaften in diesem Sinn ist nicht ein Umgang mit Knappheiten, sondern
mit Vertrauen auf die Fülle der Schöpfung Gottes.“
„Handlungsprinzip ... ist dann nicht die Effizienz, sondern die Suffizienz,
eben eine „Ökonomie des Genug“. (S. 26)
Ich empfinde auf dem Hintergrund der Volkswirtschaftsvorlesung diese Worte
als höhnisches, theologisches Wortgeklingel. Der Begriff der Knappheit ist
volkswirtschaftlich sinnvoll definiert - und was er bedeutet, spüren die
Armen als erste! Auf keinen Fall ist er ein theologischer Gegenbegriff zur
“Fülle Gottes”. Wortgeklingel!!
Ebenso lässt sich Effizienz ein Begriff der Verantwortung im Umgang mit
begrenzten Ressoursen verstehen.
Ich denke, ein Volkswirtschaftler würde schon nach diesen Seiten das Buch
zur Seite legen.
Segbers entwickelt aus der Hebräischen Bibel drei Kategorien als
Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln. Es gibt
1. Gesetze zur Vorbeugung gegen die Verelendung
(Zinsverbot, Beschränkung der Pfandnahme)
2. Gesetze zum Schutz der sozial Schwachen
(Sabbatgebot, Schutz für Sklaven, Arbeitsbestimmungen, Amosenwesen)
3. Gesetze zur Regulierung der Wirtschaft
(Sabbatjahr, Schuldenerlass, Schuldsklaverei, Jobeljahr) (S. 122)
Segbers fasst die wirtschaftsethischen Impulse so zusammen:
Individualethische Leitlinien:
1. Würde der Person - Würde der menschlichen Arbeit
2. Würde der Person in solidarischen Bezügen - Solidarisch arbeiten
3. Würde der Menschen in ihrer Umwelt - Mit der Schöpfung versöhnt arbeiten
Institutionsethische Impulse:
4. Marktwirtschaftliches Effizienz nutzen,
(Interessante Feststellung: Märkte und Markterfahrungen gibt es seit
Jahrtausenden. Sie sind keine Erfindung der Neuzeit. Aber die Ableitungen,
die Segbers aus der biblischen Tradition zieht, sind banal und vor allem
nicht wirtschaftstheoretisch formuliert!)
5. Sorgsam haushalten,
6. Bereicherung begrenzen
Segbers versteht seinen Ansatz als Auftakt für einen Paradigmenwechsel:
Nachdenkenswert ist die Kritik Segbers an vielen Schwachpunkten des
gegenwärtigen Wirtschaftssystems.
Zum Beispiel:
- In früheren Zeiten wurde philosophisch-religiöser Tradtition wurde Kritik
an Habgier und Reichtum geübt. Heute wird die Untugend in eine Tugend
umformuliert und mit schön klingenden Formulierungen verbrämt:
Z.B. „Das Besondere am Marktsystem ist, dass durch das Eigeninteresse des
Einzelnen auch der Gesamtnutzen maximiert wird. Der Erfolg des Individuums
erst garantiert den Wohlstand vieler.“ (W. Weimer, zit. bei Segbers S. 376)
- Das Zinsverbot nimmt Segbers mit Differenzierungen wieder auf. Das
Zinsverbot „einzuhalten wird zu einem effektiven Faktor gegen Verarmung und
Verelendung.“ (S. 383)
- Interessant sind die Überlegungen zum Jobeljahr, dass als Kern die
„Rückerstattung von akkumulierten Vermögen“ ist. Aber wie soll das
heutzutage zugehen??
- Kritik an der neoliberalen Konzeption, einschließlich einer biblischen
Götzenkritik (typisch für Theologen, die gerne gesellschaftliche
Zusammenhänge, die sie nicht verstehen, dämonisieren):
„Im Zentrum des neoliberalen Konzeptes steht die Annahme, dass der Markt als
Institution und der Wettbewerb als Organisations- und Entwicklungsmethode
der Politik einer bewußten Kooperation von wirtschaftlich handelnden
Personen, die sich an normativen Zielen orientieren, überlegen sei. Damit
der Markt diese Ziele erreichen könne, müsse er befreit werden.
Flexibilisierung, Deregulierung und Privatisierung sind deshalb auch die
zentralen Anliegen.“ Man geht dabei von der antropologischen Grundlage aus,
das „der Eigennutz als Ausdruck der Natürlichkeit des Menschen“ verstanden
wird. „Das Gemeinwohl wird deshalb gleichsam automatisch als Summe des
individuellen Eigennutzes erwartet. Das Gemeinwohl resultiere aus der
konsequenten und weder durch Politik noch Ethik beschränkten Verfolgung des
Eigeninteresses.“ (S. 231)
So interessant und oftmals einleuchtend die Kritik von Segbers ist, so wenig
mag sie überzeugen, weil sie keine dialogische Auseinandersetzung ist. Sie
stellt das Wirtschaftssystem prinzipiell in Frage
“Ökonomien sind „lediglich Folie für den Ansatz ... nach dem Ertrag eines
wirtschaftsethischen Impulses zu fragen, der sich biblischen Inspirationen
verdankt und keineswegs mit einer historisch vorfindlichen
Wirtschaftsordnung identifiziert werden soll.“ (S. 232)
und vergisst dabei, dass zum biblischen Wirtschaftsrecht auch das zugehörige
(fast theokratische) Staatsrecht gehört. Sie vergisst, dass die biblischen
Gebote durch die Rabbinen bis heute weiterentwickelt wurden, um
gegenwartsnah zu sein.
Unsere Welt ist ungleich komplizierter, als das sie mit 10 Geboten oder
Leitlinien regiert werden könnte. Wer wagt es, den heutigen Politikern und
Wirtschaftsleuten (wenn man von schwarzen Schafen absieht) ins Gesicht
abzustreiten, dass sie nicht verantwortungsvoll handeln würden? Dass Dinge
immer wieder geändert und verbessert werden müssen, steht außer Frage.
Ich finde die lutherische Grundhaltung wird in einer Wirtschaftsethik dem
Geschehen der Welt eher gerecht: Wir sind Sünder und Heilige zugleich.
Deswegen gibt es Gebote und Regeln, die sich im jeweiligen Kontext bewähren
müssen. Es gibt nichts Vollkommenes auf dieser Erde.
Leider habe ich die Konzeptionen und Anregungen von Artur Rich und Eilert
Herms nicht mehr aufnehmen können.
Susanne Edel hat eine Arbeit mit dem Titel „Wirtschaftsethik im Dialog“
vorgelegt (Stuttgart 1998). Mit der Diskussion des Richschen Begriffspaares
„Menschengerechtes“ und „Sachgemäßes“ entfaltet sie eine Diskussion der
Positionen, um wirtschaftsethische Urteile zu finden.
Aber auch bei ihr geht es in erster Linie um eine Auseinandersetzung mit den
Positionen, nicht um einen Dialog, in dem Geben und Nehmen und vielleicht
auch Verändertwerden angesagt ist.
„Ethik und Ökonomik müssen gegenseitig versuchen, ihre Erkenntnisse in die
Sprach- und Denkwelt der je anderen Disziplin zu übesetzen und Probleme in
diesem anderen Erkenntniszusammenhang zu rekonstruieren.“ (S. 364)
3.15 Konkretion: Wirtschaft ohne Zins?
Meine Frage: Ist das AT-Verbot des Zinses (Ex. 22,24; Lev. 25,37; Dt. 23.20)
für Christen und in unserer Zeit überhaupt aktuell?
Der Frage geht eine Grundsatzfrage voraus, wie sich die Hebräische Bibel und
das Neue Testament verhalten. Genauer: Was bedeuten die Gebote der Tora für
uns Christen?
In unserer Wirtschaft bildet der Zins die tragende Säule der Geldwirtschaft.
Ist es für uns als Christen von der Bibel her gesehen unmoralisch bzw.
verboten, in der Zinswirtschaft mitzumachen? Bedeutet die jahrhundertelange
Kirchengeschichte des Zinsverbots nichts mehr für die Gegenwart?
Im jüdisch-christlichen Gespräch habe ich gelernt, dass man nicht einfach
das Zehnwort oder andere Gebote aus der Tora herauslosen darf. Sie bilden
eine Einheit. Deswegen kann ich nicht z.B. das Zinsgebot einklagen und die
Essens-Gebote als nicht relevant ansehen.
Den gegenwärtigen Stand der jüdisch-halachischen Tradition gibt Rabbiner
Abraham Chill wieder.
In dem Buch „Die Mizwot“ beschreibt Chill den Sinn des Zinsverbotes so:
- Wir sollen nicht so leben, dass wir auf das Mitleid, die Mithilfe, eines
Mitmenschen angewiesen sind.
- Wir sollen nicht so leben, dass wir einen Mitmenschen vollkommen
beherrschen.
- Reichtum darf einen Menschen nicht die absolute Gewalt über einen Menschen
verschaffen oder dazu bringen, seine Würde zu missachten. (S. 122ff)
Hingewiesen wird auf die hebräische Wurzel von neschech/Zins, die wörtlich
mit „beißen“ zu übersetzen ist. Zins und Wucher sind mit dem Biss eines
Skorpions vergleichbar, der das Leben ernsthaft gefährden kann.
Das Wirtschaftssystem allerdings braucht irgendeinen Zins, um funktionieren
zu können. Deshalb wurde der „Hetter Isska“, eine „Erlaubnis, Geschäfte zu
betreiben“ entwickelt.
„Dies ermöglichte dem Verleiher, ein Entgelt für die Anleihe zu bekommen.
Wenn eine Anleihe mit einem sogenannten „Schtar Isska“ durchgeführt wird,
wird der Geldgeber ein Partner, der an dem Geschäftsrisiko des Schuldners
beteiligt ist, so dass der Zuschlag zu der Grundsumme der Anleihe nicht als
Zins (im Sinne der Tora, Anm. d.V.) zu betrachten ist, sondern als
Dividende, die der Gläubiger für seine Investition erhält.“ (S. 123).
Interessant ist, dass Juden den Verzicht auf Zins als eine Mizwa betrachten,
als ein Gebot, das ihnen von Gott auferlegt ist, und das wie viele andere
Gebote zum jüdischen Lebensstil gehört. „Der Verzicht auf Darlehenszinsen
ist also eine Bekenntnistat und erfolgt nicht deshalb, weil eine
Zinsforderung an sich verwerflich ist.“ (So Yizhak Ahren, Ist Zinsnehmen
Unrecht? in jüd. Allgemeine vom 5.2.1998)
Hinter all diesen Vorschriften, die auch im Zusammenhang mit dem
Schuldenerlass im Jobeljahr gesehen werden müssen, steht die tiefe
Überzeugung, dass Gott der eigentliche Eigentümer des jüdischen Besitzes und
Landes ist.
Eigentum verpflichtet nicht nur, wie es unser Grundgesetz sagt, sondern
Eigentum ist letztlich von Gott ausgeliehen.
Die christliche mittelalterliche Tradition hat in unreflektierter,
biblizistischer Weise das Zinsnehmen als rechtswidrig angesehen, eben weil
es so in der Bibel steht.
Thomas von Aquin argumentiert in der Summa Theologica:
„Den Juden war es verboten, Zins zu nehmen „von ihren Brüdern“, das heißt
von den Juden; dadurch wird zu verstehen gegeben, dass Zinsnehmen von
irgendeinem Menschen schlichtweg böse ist; denn wir müssen jeden Menschen
als „Nächsten und Bruder“ betrachten (Ps 35,14)... Dass sie aber von Fremden
Zins nahmen, war ihnen nicht gestattet als Erlaubnis, sondern als
Zugeständnis, um größeres Übel zu verhindern, nämlich dass sie nicht von den
Juden, die Gott verehrten, Zins nahmen aus Geiz.“ (zit bei Ahren ebd.)
Diese ehrenrührige Zinsnahme wurde, weil das christliche Wirtschaftsleben
funktionieren musste, den Juden aufgehalst, mit allen bösartigen
Konsequenzen, die bis hin zu vielen Pogromen führten.
Außerdem bezog sich die kirchliche Tradtion auf die Ausführungen von
Aristoteles, der das Zinsnehmen aufgrund der Naturphilosophie ablehnte, weil
Geld im Gegensatz zu Waren nicht „fruchtbar“ seien und deshalb keinen Ertrag
in Form von Zinsen abwerfen dürfen.
Luther hat zwei Schriften über den Handel und das zugehörige Zinsnehmen
geschrieben.
Hintergrund waren u.a. Erfahrungen, die Städte in die Zahlungsunfähigkeit
(mit allen sozialen Problemen) getrieben haben aufgrund der im 15.
Jahrhundert beliebten „Rentenpapiere“ mit Zinsen zwischen 8 und 15 %. (Mit
dem Zehnten fing es an, Steuergeschichte S. 108ff)
Damals gab es noch keine geregelten Steuereinnahmen. Ein Haushaltsplan wie
bei uns existierte noch nicht. Auf der anderen Seite wurde manche Kaufleute
unermesslich reich.
Interessant ist, dass er Luther bei prinzipieller Ablehnung des Zinses in
seiner früheren Schrift vom Wucher (1520, WA6,36) zähneknirschend einen
Zinssatz bis zu 6 % erlaubte, was nach Meinung von Max Weber den
Frühkapitalismus stützte.
Trotzdem ist dieser Zins „weder christlich noch göttlich noch natürlich“.
Wie Aristoteles sah Luther das Geld als „unfruchtbar“ an.
Von der Bibel her gesehen besteht Luther darauf, dass man kein Zins nehmen
soll und dass man keine Kredite nehmen soll
Luther: „Wenn es nun das Bürgschaftswesen in der Welt nicht gäbe,... wenn
der Handel nur mit Bargeld oder verfügbarer Ware abgewickelt würde, dann
wären die größten und schlimmsten Gefahren, Mängel und Fehler im Handel
glücklich beseitigt.“(304)
Und: „Denn nach göttlichem Recht darf man (seine Ware) nicht teurer borgen
oder auf Kredit verkaufen als für bares Geld.“
Wie soll man nun als Christ leben?, fragt Luther.
Was ist christlicher Lebensstil?, fragen wir heute?
Christliches Verhalten sieht allein so aus,
- dass man umsonst gibt,
- dass man leiht ohne Aufschlag,
- dass man gelassen verzichtet auf das, was mit Gewalt genommen wurde.
Auch durchschaute Luther den Zinseszinseffekt, den er als unverhüllte und
schamlose „Habsucht“ bezeichnet.
Wenn er dann auch voller Widerwillen für die „Kinder dieser Welt“ das
maßvolle Zinsnehmen erlaubte, so war es ihm ein großes Anliegen, dass bei
Geldverleih der Geldverleiher das Risiko des Wirtschaftens und „Glück des
Geldes“ (Ziff. 56) mittrug.
In unseren Denkkategorien wären die Rentenpapiere als Staatsanleihen mit
festen Zinsen vom Übel. Aktienhandel im ursprünglichen Sinn (ohne die
heutigen Spekulationsverzerrungen) wäre erlaubt, weil hier das Wohl und Wehe
eines Geschäftes mitgetragen wird.
(Allerdings hätte Luther heutzutage sicher sehr gegen die heutige
Shareholder Value - Politik und das Spekulantentum gewettert!)
„Und dies ist die einzige Rechtfertigung dieser Geldanlage, dass sie kein
Wucher sei und mehr tut als alle Gewinnsucht, dass nämlich der Gläubiger das
Risiko seines Zinses trägt und dessen genauso sicher ist wie seines ganzen
anderes Besitzes.“ (Ziff. 8)
Ist Luther heute noch überhaupt rezipierbar?
Unsere Wirtschaftslandschaft ist nicht mehr mit der mittelalterlichen
vergleichbar.
Nicht nachvollziehbar, lediglich exotisch, scheint mir der Rückgriff auf
Aristoteles mit der Abwertung des Geldes auf seine „Unfruchtbarkeit“ zu
sein.
Im technisch-industriellen Zeitalter wäre vieles als moralisch „unfruchtbar“
einzuordnen - und dennoch für unser Wirtschaftsleben irgendwie wichtig. (Von
der Werbung bis zu den Derivaten und den technischen Errungenschaften)
Luther übersieht bzw. konnte es damals nicht wissen, dass ohne Investitionen
inclusive Kredite in der Welt nichts läuft. Die Armut bleibt dann wie sie
ist.
Die Welt, die Luther vor Augen hat, ist mehr oder wenig statisch.
Aus der Perspektive der Volkswirtschaft ließe sich zu der mittelalterlichen
Welt feststellen, dass sie auch zutiefst ungerecht war, weil dort die Armen
arm geblieben und die Reichen wie in unserer Welt reicher geworden sind. Wo
noch so kleine Märkte sind, wird dieser Prozess abspielen, wenn vielleicht
auch zeitverzögert.
Mit jenem Wirtschaftssystem würde die Welt kein bischen gerechter aussehen!
Ich behaupte durch Sichtvergleich, dass die Welt der OPEC-Staaten mit den
jetzigen Wirtschaftssystem ungleich gerechter ist! Ungleich mehr Leute haben
Anteil vom Reichtum der Welt.
Vielleicht müsste man Luther ausdifferenzieren. Sein Anliegen ist ja ein
zutiefst Theologisches.
Lassen wir die Wirtschaftstheorie weg und sehen auf die Anliegen, die er
hatte, z.B. dass er für ein geordnetes, keinen übervorteilenden
Zusammenleben eintrat. Vor allem dachte er an die Erfahrungen, dass Arme,
Pechvögel und Kommunen durch die Kredit- und Zinswirtschaft unter die Räder
kommen. Hier ist die Frage, ob für diese Personengruppen durch ein anderes
System nicht genauso gut oder noch besser gesorgt werden könnten.
Wie gehen wir Heutige mit dem Zinsverbot um?
M.E. greifen manche Christen einfach zu schnell auf das Zinsverbot zurück,
als sei dieses Gebot für uns verbindliches Gesetz, während viele andere
AT-Gesetze als nicht relevant hingestellt werden. Warum soll das eine Gebot
für uns gelten, das andere nicht?
Müsste man nicht eher - wie Luther es im großen Katechismus über das 3.
Gebot gesagt hat - ehrlicherweise feststellen, dass die Gebote der Tora nur
für das jüdische Volk gegeben und innerhalb seines Landes geboten sind?
Wir als Christen sind aus der AT-Perspektive Gojim, für die andere Gebote
gelten. Die Gebote, Gesetze des ATs sind des jüdischen Volk gegeben und
gehen uns zunächst einmal nichts an, wenn man nicht Jude werden wollte und
sich unter das jüdische Gesetz stellt.
Die Christen sind als Gojim an die noachitischen Gebote gewiesen, wie sie
z.B. in Apg. 15 (Apostelkonzil) aufgenommen werden. Zu den noachitischen
Geboten gehören u.a. die Setzung von Recht mit allem, was dazu gehört. Wie
man es mit dem Zins hält, ist dem ordnenden Recht überlassen. Kein Jude
würde auf die Idee kommen und sagen, weil das Zinsverbot in der Tora steht,
deswegen müssen sich Christen danach halten.
Wichtig ist allein das Recht.
Auszuführen sind diese noachitischen Gebote im Sinne und Geiste Jesu als dem
neuen Gebot der Liebe, das die Gläubigen aus den Heidenvölkern leben.
Leider ist es mir nicht möglich, diesen Argumentationsstrang weiter zu
verfolgen. Es gibt kaum christliche Theologen, die darauf eingehen (außer
z.B. Marquardt).
Franz Segbers beschreibt vier Grundmodelle, wie heute das Verhältnis von AT
und NT gesehen wird. (S. 41f)
1. Antithetisches Verhältnis von AT und NT. Das NT steht im Gegensatz zum
Alten. Hebr. Bibel lediglich Vorläuferin des Evangeliums, ist lediglich
zeitgebunden, partikular. NT ist überzeitlich und universal. Aussagen über
das Wirtschaften kann man nur aus den wenigen Stellen des NT erheben.
2. NT ist Erfüllung des AT. Im NT kommt das neue erst zur Klarheit. Der
alttestamentliche Bundesgedanke ist aufgehoben. Die Bedeutung der ethischen
und kultischen Gebote des AT treten in den Hintergrund und bekommen erst
eine Bedeutung durch die neutestamentliche Aufnahme. Luther wäre wohl in
diesem Gedankenkreis anzusiedeln.
3. Rückbezug auf die Hebr. Bibel und selektive Auslese.
Das NT ist Maßstab zur Beurteilung des Alten. Enthält das AT Traditionen,
die sich gut mit dem Neuen verbinden lassen, dann wird die Tradition
aufgenommen. Vor allem die reformierte Tradition greift immer wieder auf
AT-Traditionen zurück.
4. Referenzrahmen der ganzen Bibel mit ihren beiden Testamenten. Ernst
nehmen, dass Christen den ungekürzten AT-Kanon aufgenommen haben. Die
Grunderkenntnis ist, dass das Christentum hat seinen Ursprung in Israel hat.
Es darf aber kein enteignender Umgang mit der Tora stattfinden. Aber die
Tradition soll gehört werden, man soll sie ausreden lassen und als Tora
Gottes anerkennen.
Die Erlassjahrkampagne der letzten Jahre ist ein schönes Beispiel für das 4.
Grundmodell, das meine Sympatien teilt.
Natürlich sagt keiner, dass wir als Christen das jüdische Erlassjahr bei uns
einführen müssten. Es funktionierte ja nicht einmal in Israel in der
ursprünglich ausgedrückten Form, sondern wurde auch lebensnah
weiterentwickelt.
Aber man entdeckte in diesem Gebot sinnvolle Strukturen, um in einer
Gesellschaft mehr „Gerechtigkeit für die Armen“ zu schaffen. Dieses Gebot
der Thora fing an zu „leuchten“, indem hier eine Möglichkeit angedeutet
wurde, wie man mit struktureller Verschuldung umgehen kann.
Dass ausgerechnet das Jahr 2000 ausgewählt wurde, ist eine christliche
Symbolik, die aber im Prinzip entbehrlich wäre.
Ich denke, dass man genau so auch mit den anderen Geboten der Thora als
gläubiger Nichtjude und Christ umgehen könnte.
Der hermeneutische Schlüssel wäre, dass man „Strukturanalogien“ in den
Geboten des AT entdeckt, dass das AT mit einem Mal zu einem Licht wird und
anfängt, unsere Wirklichkeit zu beleuchten. Denn die Tora ist ja zum Leben
gegeben. Vieles bleibt zugegebener Maßen im Dunkeln. Vieles sehen wir wir im
einem Spiegel (Paulus) oder wie durch dunkle Kirchenfenster.
Aber im Lernen der Thora an der Seite des Volkes Israel fängt doch manches
an zu leuchten, wenn man durchaus selbstständig als Christ nach dem Sinn der
einzelnen Gebote der Thora fragt. Als Christen sind wir Hinzugekommene zu
Israel, die von der „Wahrheit und Realitätsordnung des Gottes Israel“ lernen
(Friedrich Wilhelm Marquardt, Das christliche Bekenntnis zu Jesus dem Juden,
Eine Christologie, Bd 2, Seite 95)
Der Hintergrund der damaligen Zeit will mitbedacht sein. Unser Zeitgefüge
will mit bedacht sein.
Für unsere Zeit zu fordern, auf Zins zu verzichten, weil es so in der Bibel
steht, ist so kurzgeschlossen wie es nur sein kann. Aber dass nach
praktikablen Wegen gesucht werden muss, wie struktureller Armut abgeholfen
werden kann, und sei es im Nachdenken über das Zinsgefüge, das steht außer
Frage.
Die Forderung nach einem Zinsverbot, wie sie sogar von Segbers (S. 389) als
biblischer Impuls für die heutige Zeit mitbedacht wird, würde heute im
Rahmen der Weltwirtschaft nur belächelt und keineswegs zum Leben helfen. Man
würde sich mit Kopfschütteln von den Theologen abwenden und sein Vor-Urteil
bestätigt sehen, dass die Theologen nichts vom Leben verstehen.
Wo leuchtet aber das Zinsverbot in unserer Zeit?
Es leuchtet da ein, wo ein Zins den anderen „erschlägt“.
Carl Ibs (Monetärer Hintergrund des Wirtschaftswachstums, in Der Dritte Weg,
Sonderdruck 4/96, S. 36ff) zeigt in Anlehnung an Paul C. Martin, dass unser
wachstumsorientiertes, zinsgestütztes Wirtschaftssystem die
Wirtschaftskrisen und Kriege braucht, um im Sinne der Kybernetik
Überschüssiges zu vernichten und auf einen Ausgangspunkt zurückzukommen. Die
Kapitalvernichtung gehöre unausgesprochen zum System. Sie erschlägt
wortwörtlich viele Menschen.
Auch wenn man dieser Kritik nicht direkt folgen mag, so gibt es ungezählte
Beispiele gerade auch durch die wirtschaftliche Globalisierung, wo Menschen
durch die zinsgestützten Strukturen geknechtet und erschlagen werden.
(Beispiele in Die Globalisierungsfalle, Hans-Peter Martin, Harald Schumann,
Reinbeck 1999).
Die Erlassjahrkampagne ist ja im Grunde eine Zinserlassjahrkampagne! Die
gemachten Schulden könnten von den Ländern durchaus zurückgezahlt werden.
Was sie erdrückt, ist der variable Zins, die leichtfertig vergebenen, oft
aufgedrängten Kredite, das weltwirtschaftlich verursachte Sinken der
Rohstoffpreise, das Steigen des Dollarkurses, die Spekulation mit den
Währungen.
Das sind alles Bedingungen, die natürlich im AT nicht mitbedacht werden
konnten.
Das Zinsverbot der alten Zeit tönt heute wie eine eingebaute Alarmglocke:
Hört, es gibt Mechanismen, die Menschen zu Tode drücken! Überprüft diese
Mechanismen. Ändert die Variablen! Nehmt nicht einfach alles hin als
Naturgegebenes, als angebliches Naturgesetz. Und vor allem ihr Gläubigen,
setzt euch ein für die wirtschaftliche Not Geratenen! Dass ihr euch
einsetzt, gehört zum Gottesglauben dazu, auch wenn es mit Geld zu tun hat.
In diesem Sinn kann man durchaus das Zinsverbot zum Leuchten bringen, ohne
jetzt fundamentalistisch die Bibelstelle auszulegen.
Friedhelm Hengsbach in Publik-Forum-Manifest „Das neue Modell Deutschland“
mahnt zur Gelassenheit:
„Ob der Zins das Krebsübel der Wirtschaft ist, das ist schwer zu sagen. Der
Zins ist jedoch mehr als nur der Preis für Geld, wie die
Wirtschaftswissenschaft dies verharmlosend sagt. Der Zins ist zugleich das
zentrale Steuerungselement der Gesamtwirtschaft in der Hand derer, die die
Geldversorgung in der Marktwirtschaft kontrollieren. Erst dann wird über den
Zins die Nachfrage nach Geld und das Angebot an Geld bestimmt. Dass die
Anbieter einer Ware, in dem Fall das Bankensystem unter Einschluss der
Deutschen Bundesbank, den Preis der Ware, also des Geldes, autonom ohne
Rücksicht auf die Herstellungskosten dieser Ware setzen, gibt es in dieser
extremen Ausprägung auf keinem von einem Anbieterkartell beherrschten
Markt.“
Ich denke, dass wir mit dem Zins-Übel trotz aller Kritik leben müssen. Es
ist sicherlich besser, immer wieder einen Zinsenerlass für die Ärmsten der
Armen einzufordern und umzusetzen.
Vielleicht ist sogar ein Börsencrash als kleineres Übel immer wieder
einzukalkulieren. Das größere Übel wäre sicherlich ein Staatsdirigismus, den
wir politisch überwunden haben.
3. 16 Freigeld
Angesichts der unleugbar bestehenden Instabilität des gegenwärtigen Geld-
und Finanzsystems suchen manche Kritiker (vor allem auch in christlichen
Kreisen) nach neuen Lösungen.
Gruppen wie „Der Dritte Weg“ mit der „Zeitschrift für die natürliche
Wirtschaftsordnung“ oder dem „Seminar für freiheitliche Ordnung der Kultur,
der Wirtschaft und des Staates e.V.“ mit der „Zeitschrift Fragen der Feiheit“
greifen u.a. auf die Freigeld-Idee von Silvio Gesell (1862-1930) zurück.
Silvio Gesell war ein deutsch-argentischer Unternehmer und
Wirtschaftspolitiker. In der Schrift „Die natürliche Wirtschaftsordnung
durch Freiland und Freigeld“ stellte er fest, dass das Geld gegenüber den
Waren den großen Vorteil der Unverderblichkeit hat. Aus diesem Grund seien
Warenbesitzer gegenüber Geldbesitzern ständig im Nachteil. Um diesen
Nachteil auszugleichen, schlug Gesell vor, dass die Geldbesitzer für ihr
Geld eine Benutzungsgebühr bezahlen müssen und nicht dafür wie bisher noch
Zinsen bekämen. Wer allerdings sein Geld langfristig auf eine Bank bringt,
der braucht auch keine Nutzungsgebühr bezahlen, erhält aber auch keine
Zinsen. Durch diesen Mechanismus kommt das Geld immer schnell in den
Kreislauf zurück. Die Kreditnehmer zahlen nur die Arbeit der Bank und die
Risikoprämie, aber keine Liquiditätsprämie und keinen Inflationsausgleich.
Damit das System wirklich funktionieren kann, ist eine Bodenreform und
Maßnahmen gegen die Bodenspekulation notwendig, um eine Flucht der
Vermögensbesitzer in die Hortung von Grund und Boden zu verhindern. Im Lauf
der Zeit soll der Staat Grund und Boden nach und nach aufkaufen.
Eine Liste von acht Arbeitskreisen, die sich mit dieser Geld- und
Bodenreform beschäftigen, existieren in Deutschland (Creutz S. 464).
Zur Zeit bekannte Kritiker unseres Zinszinssystem sind Margrit Kennedy, Geld
ohne Zinsen und Inflation, München 1994 und Helmut Creutz, Das Geldsyndrom,
Wege zu einer Krisenfreien Marktwirtschaft, Berlin 1997. Mit vielen
Schaubildern analysieren sie die gegenwärtige Situation.
Die Kritik richtet sich gegen das leistungslose Einkommen durch den
Zinseszins, der nur den Vermögenden und Banken einen immer höheren Vorteil
schafft.
„Die Tatsache, dass ein Fünftel der Menschheit immer reicher und vier
Fünftel immer ärmer werden, das liegt natürlich an unserer Wirtschaftsart
und ganz speziell an unserem Geldsystem. Ich glaube, daß an diesem
Geldsystem etwas geändert werden muß, um zu irgendeiner Art von
Gleichgewicht in der Welt zu kommen.“, sagt der Buchautor Michel Ende (zit.
bei Creutz, S. 292)
Auch die anderen Probleme wie zunehmende Staatsverschuldung, die soziale
Frage, Arbeitslosigkeit und Entwicklungshilfe hängen mit diesem Geldsystem
zusammen.
Creutz geht auch auf den Zusammenhang der früher leichtsinnigen
Kreditgewährung (die Gelder sind unsere überflüssigen Spargelder und
Gewinne, die gut angelegt werden sollen!) an die Länder der 3. Welt und
unserer Entwicklungshilfe ein.
Die Zahlen sind ernüchternd: (S. 392ff)
„So ist der Strom an Zinsen, der aufgrund der Überschuldung dieser Länder
vom Süden in den Norden fließt, inzwischen zwei- bis dreimal größer als alle
rückzahlungsfreie Hilfe, die wir diesen Ländern leisten.
Wir Bürger sind oft stolz auf unsere Spenden, die wir für Dritte Welt
aufbringen. Rund 4000 Millionen Dollar jährlich, in den gesamten
Industrienationen eingesammelt, sind auch eine hübsche Summe. Doch diese
4000 Millionen Dollar reichen den armen Ländern gerade, zwölf Tage lang
ihren Zinsverpflichtungen nachzukommen. In den übrigen 353 Tagen im Jahr
bleibt das Zusammenkratzen dieser Gelder ihr eigenes Problem.
Anders ausgedrückt: Die Spenden, die von allen Hilfsorganisationen des
Nordens in einem Jahr zusammengebracht werden, sind nach zwölf Tagen wieder
bei uns. Aber keinesfalls wieder in den Taschen der Spender. Sie landen
vielmehr allesamt auf den Konten der Geldgeber, deren Ersparnisse als
Kredite in den Süden weitergeleitet wurden. Sie landen also bei denen, die
bereits seit Jahren aus dem Süden ihre leistungslosen Zinserträge beziehen
und damit weiterhin Anlass zu jenen Spendenaktionen geben.“
Unklar ist mir, ob Creutz hier die Entwicklungshilfe der Staaten meint, oder
ob er die Spendengelder z.B. für Brot für die Welt einbezieht. Brot für die
Welt arbeitet ja direkt vor Ort, ohne den Umweg über den Staat.
Creutz wendet sich auch gegen einen allgemeinen Schuldenerlass. Vielmehr
sollten die Zinsen gesenkt werden, damit die Schulden überschaubar, die
Länder nicht bankrott und damit kreditunwürdig erklärt werden und die Banken
nicht zusammenbrechen.
M.E. besteht das Grundproblem darin, dass man die Verhältnisse nicht einfach
(wie theoretisch beim Jobeljahr) wieder auf einen Punkt 0 zurückführen kann.
Die Verteilung des vorhandenen Reichtums und der Einkommen lassen sich mit
diesen Theorien nicht in den Griff bekommen.
Vor allem: Wer soll denn die Umwertung des Geldes mittragen?
Der Ur-Traum ist in allen Menschen verankert, ob sie im Norden oder Süden
wohnen: Geld zu haben, Geld zu erhalten ohne große Arbeit. Das
Schlaraffenland lässt grüßen.
Ich denke, dass die psychologischen Widerstände von Habenden und
Nichthabenden viel zu groß sind, als dass man sich ernsthaft auf andere
Ansätze einlässt.
Und außerdem: Wer klärt uns über die Schwachstellen des neuen Systems auf?
Clevere Menschen finden überall Tricks, um sich so oder so zu bereichern.
Neue Aktualität erhalten diese Ansätze allerdings durch die Forderung einer
ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Überall wird auf die simple Tatsache
aufmerksam gemacht, dass nichts im natürlichen Kreislauf endlos wachsen
kann, auch nicht eine Volkswirtschaft.
Verschiedentlich gab es in der Geschichte Ansätze, ohne Zins als
Liquiditätsprämie auszukommen. Die Ansätze musste immer wieder auf Druck von
oben aufgegeben werden. (Kennedy S. 42 ff)
Meine Anfragen: Gibt es überhaupt objektivierbare Größen, wann eine
Volkswirtschaft an seine „natürliche Grenzen“ gekommen ist? Wer legt es
fest, wann eine Volkswirtschaft an die natürlichen Grenzen gekommen ist? Ist
unser Wachstum nicht weiterhin notwendig, um in der sog. Dritten Welt
Wachsstumsschübe ankurbeln zu können? Wie sollen überhaupt solche
Umstellungsprozesse aussehen, die von der Zinswirtschaft zur Zinsfreien
Wirtschaft sich vollziehen? Selbst in islamischen Staaten, die auf der
Zinsfreiheit bestehen, klappt die Wirtschaft nicht reibungslos. Daneben gibt
es eine zinslastige Schattenwirtschaft. Aller historischen Erfahrung nach
gehört das Zinsnehmen/geben zum menschlichen Wirtschaften, wenn auch die
Formen kritisiert und in Grenzen gewiesen werden müssen. M.E. ist das
Prinzip der Nachhaltigkeit, das in der Agenda 21 eingeführt und befürwortet
wurden, ein geeigneteres Prinzip zur Korrektur der gegenwärtigen
Volkswirtschaft.
Ich kann die Vorschläge zu eine Korrektur des Geldsystems nicht beurteilen.
Wie wirkt sich eine „Rückhaltegebühr auf Geldhaltung“ (Creutz S. 425) als
Steuerungsmittel des Staates aus, wie es Creutz zusammen mit einer
Bodenreform empfiehlt?
Warum ist das bedrängende Thema kein Thema in der Öffentlichkeit? Warum gibt
es keinen Aufstand gegen die überbordende Brutalität der Zinseszinskurve?
Im Wirtschaftslexikon wird diesem Themenkomplex „neutrales Geld“ gerade 6
Zeilen gewidmet, was den Stellenwert der Diskussion im Gesamtrahmen der
gegenwärtigen Wirtschaftswissenschaften anzeigt.
Weder beim ÖRK noch bei anderen „normalen“ Kritikern der Wirtschaft spielt
die Geldumstellung eine Rolle.
Fazit: Von seiten der Kirchen aus lohnt es sich nicht, seine Kräfte
in dieses Thema zu stecken. Es ist weder ökumenisch verankert noch befindet
man sich im ernst zu nehmenden Wirtschaftsdialog
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