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3.2 Kirchen als NGOs?

3.3 Geschichtliche Parallelen

3.4 Die Globalisierung am Beispiel Indonesiens

3.5 Ein modernes Gleichnis

3.6 Christentum und Globalisierung

3.61 2000 Jahre „in alle Welt“


3.62 Die Kirchen auf der Expo 2000

Globalisierung
Inhaltsverzeichnis

   3.2 Die Kirchen als NGOs?
Die non goverment organisations (deutsch NRO Nichtregierungsorganisationen) haben vor allem seit den 90er Jahren eine große Bedeutung erlangt.
Hintergrund für das Erstarken von Bewegungen wie Greenpeace, Amnesty International, global watch u.a. ist u.a. das Erlahmen der traditionellen Akteure wie die Nationalstaaten, Parteien, Gewerkschaften.
Die NGOs stehen für politische Dezentralisierung, Basishaftung, Bürgerbeteiligung. Sie sind ein typisches Kind des weltweiten Globalisierungsprozesses. Die Handlungsspielräume der Nationalstaaten verkleinern sich, die NGOs stehen für die weltweite Sicht der Probleme.
Natürliche haben die NGO-Akteure keine bessere Wahrheit. Aber durch das Engagement vieler Bürger, die oftmals ausgewiesene Fachleute auf ihrem Gebiet sind, haben sich die Machtverhältnisse verschoben. Sie nehmen Utopien auf, arbeiten für reale Veränderungen und sind gewissermaßen eine Frühwarnsystem für anstehende Probleme. Vor allem befriedigen sie auch die Nachfrage nach „normativen Sichtweisen“ und Glaubwürdigkeit, der der Politik völlig abhanden gekommen ist. Eigentlich sollte die Politik und Parteien kreativ für Veränderungen und Anpassungen sorgen. Die NGOs sind ungleich flexibler. Eine weltweite Privatisierung der Ideenproduktion hat mit ihnen stattgefunden.
Allerdings sind die NGOs auch kein Allheilmittel.
Die Schwächen sind nur allzu offensichtlich:
- Es werden nur ausgesuchte Themen angegangen, wo eine Ausbalancierung wie bei Parlamenten nicht nötig ist.
- Probleme werden in erster Linie skandalisiert und medialisiert. (vgl. Greenpeace-Aktionen, Globalisierungsgegner - Auftritte bei Weltkongressen)
- NGOs haben kein Wählermandat, sondern sind von Spendern abhängig. Deswegen gibt es auch keinen öffentlichen Rechtfertigungszwang.
- Im Laufe der Zeit entsteht wiederum ein große Staatsnähe, die das eigene Profil abhanden kommen lassen (vgl. Bewegung der Grünen als Koalitionspartner)
- Abhängigkeit von privaten Stiftungen großer Unternehmer (vgl. Bertelsmann-Stiftung)
Durch ihr öffentliches Auftreten haben die NGOs öffentliches Gewicht und Gehör erlangt. Selbst in Konsulatationsprozessen und in Organisationen wie die WTO oder Weltbank können sie ihre Ansichten inzwischen einbringen.
In naher Zukunft wird das Gewicht der NGOs nicht ab- sondern zunehmen.
(Bis hierhier Vorlesungsmitschrift Dirk Messner, Selbstermächtigung der Bürger - Zivilgesellschaftliche Selbstorganisation ohne Rücksicht auf Grenzen? vom 3.7.2000, im Rahmen des Studium Generale Uni Tübingen)
Wenn die Kirchen ihre Option für die Armen einbringen wollen, können sie die zeitgemäße Form einer NGO verwenden.
Nach dem Kirchenselbstverständnis muss das Evangelium „Fleisch werden“, es muss unter die Leute. Die heutige Form einer NGO als Aktionsgemeinschaft auf Zeit für ein begrenztes Problem lässt sich als „Leibwerdung der Güte Gottes“ auffassen.
Die traditionelle Form von Predigten, Denkschriften, Konferenzen ist zwar noch weiterhin notwendig. Aber sie finden ja kaum öffentliches Gehör.
Stellenweise wird die Verantwortung der Kirchen in vorhandenen NGO-Strukturen wahrgenommen.
- Ich denke da an das Engangement bei der Bioethik-Diskussion.
- Die Öffentlichkeitsarbeit der Entlassjahrkampagne ist nicht schlecht.
- Die Kirchen haben auch Lobbyvertreter bei den Parlamenten und im Europarat.
- Ansatzweise funktioniert der Kirchentag auch wie eine NGO.
- Brot für die Welt ist als kirchliches Werk sicherlich auch als NGO anzusprechen, wobei ich aber noch nicht weiss, in wie weit sich BfW in staatliche und halbstaatliche Strukturen als „Anwalt der Armen“ hat einbinden lassen.
Brot für die Welt beschränkt sich ausdrücklich, wie alle kirchlichen Organisationen:
„Eine Kampagne von Brot für die Welt wendet sich nicht in jedem Fall an alle Menschen gleichzeitig, sondern oft stellvertretend an bestimmte Zielgruppen wie Käuferinnen und Käufer von Teppichen, die Wählerschaft oder alle Konsumentinnen und Konsumenten.“ (Den Armen Gerechtigkeit 2000, 149)
Die gegenwärtige Werbung für das Expo-Brot für die Welt zusammen mit einer Großbäckerei finde ich wirklich gelungen, auch wenn man mir es nicht sagen konnte, ob ein paar Pfennige für die Arbeit von Brot für die Welt dabei herausspringen.
Allerdings: Das bisherige kirchliche Auftreten ist zu kraftlos.
Ich erlaube mir zu phantasieren
- Ich stelle mir vor, eine kirchliche hochkarätige Gruppe mit einem Bischof an der Spitze stürmt einen Vortragssaal mit Transparenten, in dem die deutschen Unternehmer tagen und über den Standort Deutschland und die hohen Löhne der Arbeiter jammern.
- Ich stelle mir vor, dass die NGO-Kirche vor dem Gebäude einer Bankenaktionärsversammlung einen Sack mit Kleingeld auf die Straße schüttet. Begleitende Plakate: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.
- Ich stelle mir vor, dass die NGO-Kirche ein kleines Flugzeug chartert mit einer Banderole und immer wieder einmal über Stuttgart oder Frankfurt oder Berlin fliegt: „Wieder 1000 Kinder verhungert“
- Ich stelle mir vor, dass die Theologen in Tübingen einen Aufsatz weniger schreiben und dafür einen Aktionstag auf dem Marktplatz veranstalten mit lauter Musik und Kabarett, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse, die man anprangert, aufs Korn genommen werden.
- Ich stelle mir vor, dass das EMS in Stuttgart auf dem Schlossplatz einen „Tag der Nationen“ ausrichtet, wo gefeiert und getanzt und nicht nur gesprochen wird.
- Ich stelle mir vor, dass die OKR-Mitarbeiter in Stuttgart zusammen mit dem Technischen Hilfswerk eine Ponton-Brücke über den Neckar bauen und eine große Inschrift anbringen: Wir bauen Brücken. Auf beiden Seiten des Ufers wird ein Missions/Ökumenefest ausgerichtet, mit halb so vielen Worten und mehr Zeichen und Symbolen und Öffentlichkeitswirkung.
- Ich stelle mir vor, dass der ÖRK einen internen Gottesdienst weniger hält und dafür vor dem Gebäude einer UNO-Konferenz lautstark mit einem Aktionsgottesdienst im Freien auftritt.
- Ich stelle mir vor, das alle Mitarbeiter von Brot für die Welt ihren Jahresausflug auf den Römer in Frankfurt machen und dort mit verschiedenen Methoden Brot backen und an die Obdachlosen verteilen.
usw. usf. Die Medien lassen grüßen. Gut getimt könnte man aus den Projekten eine große kontinuierliche Öffentlichkeitswirkung erzielen.
Ich stelle mir vor, dass die NGO-Kirche Mut und Lust und Kreativität findet, aus der papierenen Vermufftheit herauszukommen und öffentlich zu werden.
Wir können verrücktes Spektakel gebrauchen und vertragen, wenn wir gehört werden wollen. Als Kirchen sind wir sowieso die Narren. Aber die Öffentlichkeitsgesetze funktionieren heute anders als früher.
Ich habe keine Angst, dass wir uns als Kirche von der Welt vereinnahmen lassen. Bonhoeffer hat es uns doch schon lange ins Stammbuch geschrieben, dass wir Kirche für andere, Kirche für die Welt sein sollten und darin unsere Bestimmung finden.
(Ob sich hier wieder die Grenzen der kleinkarierten Landeskirchlerei zeigen?
Die umstrittenen Werbeplakat-Aktionen einzelner Landeskirchen lassen grüßen.)
Dass die sachlich-fachliche Arbeit als ökumenische NGO dazugehört, ist selbstverständlich.
Bisher werden wir als Kirche mit unserer Option für die Armen nicht wahr genommen.
Die heutige Medien sind anspruchsvoller, als dass sie sich mit einem Stück Papier zufrieden geben. Immerhin heißt das hebräische Wort dabar „Wort und Tat“. Wir haben uns viel zu lange mit dem Wort zufrieden gegeben.


3.3 Geschichtliche Parallelen
Der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung hat im Erleben der Menschen viele Vorläufer. An sie zu erinnern zeigt die Gewalt und Relativität des heutigen Umbruchs.
- Antike Kriege wurden meist aus wirtschaftlichen Gründen geführt, um Völker auszubeuten und Menschen zu versklaven. Hier galt nur das Recht des Stärkeren. Der Stärkere diktierte die Regeln.
(Dieses Gefühl der Unterlegenen teilen heute viele Staaten der Dritten Welt angesichts der Regeln, die durch die Hegemoniemacht der USA diktiert werden. Der große Unterschied ist der, dass es eben doch Spielregeln gibt. Nur eine Gegenwehr nützt nicht viel.)
Rom war damals jahrhundertlang die globale Welt. Die Länder im Hinterland waren Barbaren, uninteressant, abgeschrieben, zum Ausbeuten da.
- Ab dem 16. Jahrhundert gründeten die europäischen Mächte Kolonien in Nord - und Südamerika, Afrika und Asien. Durch diese Kolonialisierung schufen sie die Grundlage für die bis heute fortwirkenden internationalen Arbeitsteilung in Rohstofflieferanten und Industrieproduzenten. Die Entdeckung Amerikas und die Weltumsegelung verschaffte den damaligen Menschen das Gefühl einer überlegenen Globalisierung. (Die Dritte-Welt-Länder leiden immer noch unter dem Gefühl der Unterlegenheit. Die staatliche Selbstständigkeit hat die Abhängigkeitsverhältnisse nicht vermindert.)
- Manche Autoren (M. Bonder, G. Ziebura) weisen darauf hin, dass der Umfang der heutigen Globalisierung nicht größer ist als der räumliche Umfang, der vor dem 1. Weltkrieg bestand! Freilich haben sich die Koordinaten grundlegend verschoben.
Im Erleben der Menschen waren die Weltumrundungen mit Dampfschiffen und Flugzeugen ein höchst erfreulicher Globalisierungsschub.
Die unvergessene, Maßstab gebende Wirtschaftkrise von 1929 von auch global.
- Nach dem 2. Weltkrieg waren die westlichen Völker sehr mit dem Wiederaufbau der Nationen beschäftigt. Als Ende der 50er Jahre Berichte über große Hungersnöte in der Dritten Welt aufkamen, wollte man mit Hilfe von westlichem Kapital und Know how die anstehenden Probleme lösen. Einwicklungs-Hilfe bedeutete die Übernahme von Verantwortung für die Welt.
Man hoffte in den 1960er Jahren, die rückständige Dritte Welt in kurzer Zeit auf das Niveau der Industriestaaten zu bringen. Der Pearson-Bericht zeigt aber den Irrtum dieser Form des globalen Glücksbringers.
In Deutschland wurde die soziale Marktwirtschaft entwickelt. Aufgrund von GG14, nach der Eigentum sozialpflichtig ist, wurden die Sozialbeiträgte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern geteilt. Freier Markt innerhalb vom Parlament festgelegter Grenzen entwickelte sich auch innerhalb der ständig erweiterten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.
Die kirchliche Antwort auf die Nöte der Dritten Welt war die Gründung von Misereor und Brot für die Welt. Aus Kirchensteuermittel sollten u.a. 3-5% (nach der Uppsalakonferenz) für die kirchliche Entwicklungshilfe bereit gestellt werden.
- In den 1970er Jahren wurde über die Errichtung einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung diskutiert und beschlossen. Global gesehen erhielten die Dritte Welt Länder einige Rechte (Produzentenkartell, Souveränität). Im Gegenzug erhielten die Transnationalen Konzerne neue kontrollierte Rechte. Einige Zollschranken fielen.
Einige Länder koppelten sich ab und beharrten auf einer eigenständigen Entwicklung. (z.B. China, Nordkorea, Tanzania und Kuba)
1972 wurde von den Amerikanern der Bretton Wood - Vertrag von 1949? gekündigt, der vorsah.... Damit war der Weg frei für die neoliberale Wirtschaftspolitik. Reaganomics und Thatcherismus folgten.
„Profitiert haben von der Entwicklungspolitik nur die dünne Oberschicht der Metropolen der Entwicklungsländer und die Großgrundbesitzer. Dagegen ist es nicht gelungen die Zunahme der absoluten Armut bei der breiten Masse der Bevölkerung zu verhindern . Die Entwicklungspolitik war an der Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums und der Anhebung des Bruttosozialprodukts orientiert. Diese berücksichtigt aber nicht die ungerechte Verteilung des Einkommens, Eigentums und Machtbefugnisse.“
Die Abhängigkeit der Dritten Welt von der industriellen Gesellschaft blieb bestehen und vertiefte sich noch. Aufgrund der Produktion für den Export gingen wichtige Anbauflächen für die Selbstversorgung verloren.
- In den 1980er Jahren wurde allen bewusst, dass die Dritte Welt-Länder den Lebensstandard der Industriestaaten nicht einholen können, allein schon deshalb, weil die Vorräte der Erde an Boden und Rohstoffen begrenzt ist. Der Verbrauch der Industriestaaten ist überproportional hoch. Eine „Grundbedürfnisstrategie“ wurde ins Gespräch gebracht. Die kirchliche Antwort von Brot für die Welt war unter anderem die „Aktion e“, „einfacher leben“.
Den Entwicklungsländern wurde nahegelegt, marktwirtschaftliche Prinzipien einzuführen. Der Aufschwung der sog. Tigerstaaten beginnt. Teilweise wurde der Dritte-Welt-Status überwunden.
Mit der Regierung Kohl beginnt auch hier in Deutschland der Neoliberalismus Fuß zu fassen.
Brot für die Welt erkennt die Wichtigkeit von Bewusstseinbildungsprozessen und Bildungsprogrammen. Änderungen des Lebensstils in den reichen Ländern werden eingefordert. Zusammenhänge zwischen Weltfrieden und weltweiter Gerechtigkeit werden betont.
Die Wirtschaftskrisen deuten darauf hin, dass die Konzeption der neoliberalen Marktwirtschaft unter Umständen große Schwächen hat. Nach jeder Krise wird gesagt: Wir haben die Ursachen der letzten Krise beseitigt, jetzt dürfte eigentlich so etwas nicht wieder vorkommen.
Große Wirtschaftskrisen:
1982/83 Lateinamerika
1987 Börsencrash
1994/95 Mexiko
1997 Asien
1998 Rußland
1999 Lateinamerika
2000/2001 USA und Europa?


3.4 Die Probleme der Globalisierung am Beispiel Indonesiens
Indonesien gehört mit seinen ca. 160 Millionen Einwohner zu den sieben früher sogenannten asiatischen Tigerstaaten.
Ursprünglich war Indonesien ein sog. Entwicklungsland. In den 1980er Jahren kam es zusammen mit Hongkong, Singapur, Thailand, Malaysia, Korea und Taiwan zu einem großen Wirtschaftsaufschwung in der Region. Die Zuwachsraten der Wirtschaft bewegten sich weit über dem Weltdurchschnitt und wurden verschiedenlich als vorbildhaft hingestellt. Das Wirtschaftswachstum war nur zum Teil auf das ausländische Kapital angewiesen.
Ursache des Aufschwungs soll - nach westlicher Sicht - die Öffnung der Volkswirtschaften für ausländisches Kapital und ihre Orientierung auf dem Weltmarkt gewesen sein.
Allerdings war es keine Marktwirtschaft im westlichen Sinn, denn durch die nichtdemokratischen Regierungsformen gab es Einschränkungen, die als „Eigenarten“ des jeweiligen Landes in Kauf genommen wurden.
Tatsächlich muss aber der Aufschwung mit dem Beziehungsgeflecht der kleinen Schicht der Machthabenden gesehen werden, die nicht zugunsten des Volkes, sondern in ihre eigenen Taschen wirtschafteten. (Analyse von Peter Franke, in Jahrbuch Mission 1998 Seite 155ff)
Skandalöse Verwicklungen zwischen Politik und Wirtschaft, Vetternwirtschaft, leichtsinne Vergabe von Krediten u.a. zeitigten eine sehr wacklige Stabilität.
Die Krise kam 1997.
Der Anlass für den Ausbruch der Krise kam von außen durch die Stärke des Dollars.
- In den Jahren zuvor wurden riesige Kredite in Dollar aufgenommen, die bei anhaltendem Wirtschaftswachstum auch sicherlich ohne größere Schwierigkeiten hätten getilgt werden können.
- Auf dem Weltmarkt stieg der Dollar gegenüber den meisten anderen Währungen. Das bedeutete auch für die einheimische Währung, dass sie abgewertet werden musste.
Dadurch verteuerten sich aber die Waren und waren nicht mehr konkurrenzfähig.Die Wirtschaft stagnierte. Einheimische tauschten ihre Währung in Dollar um.
- Währungsspekulanten traten auf den Plan. Durch Terminkontrakte versprach man sich schnellen Gewinn.
- Kapitalanleger zogen ihre Gelder ab, um attraktivere Standorte zu finden.
- Der IWF stabilisierte die Währungen und machte die üblichen Auflagen: Höhere Zinsen gegen den Währungsverfall, Reformierung des Bankensystems, Liberalisierung und Öffnung der einheimischen Märkte, Einstellung von unwirtschaftlichen staatlichen Subventionen und Projekten, sparsame Haushaltsführung. Es ist unbestritten, dass der IWF in der Asienkrise große Fehler machte, die die Bevölkerung ausbaden muss.
Die Folgen:
Probleme der Kleinbauern
Aufgrund des Wirtschaftswachstums waren viele aus ihren Dörfern weggezogen, um in den industrialisierten Städten neue Chancen zu finden.
Dass die Kleinbauern ihre Ländereien verließen, hängt aber auch damit zusammen, das die Industrialisierung der Landwirtschaft um sich greift. Extensivierung durch Plantagenwirtschaft und Großbetriebe sowie Intensivierung durch Maschinen, Kunstdünger und Pestiziden raubten den selbstständigen Kleinbauern den Platz. Sie wurden zu schlecht bezahlten Arbeitskräften, die man nach Belieben hin und herschieben konnte.
Auf die Umwelt wurde keinerlei Rücksicht genommen.
Arbeitslosigkeit
Nach dem Zusammenbruch sind Millionen von Menschen (zwischen 9% und 12% im Jahr 1998) arbeitslos, die am Rande der Städte vegetieren. Ihre vorherigen Lebensgrundlagen sind zerstört worden.
Durch den Verlust des Arbeitsplatzes und die Preisanstiege befinden sich nun Millionen von Menschen unterhalb der Armutsgrenze.
In Indonesien hat sich die Zahl der Armen im Laufe eines Jahres vervierfacht und ist von 22 Millionen im Jahr 1997 auf 88 Millionen im Jahr 1998 angestiegen.
Die in der letzten Generation entstandene Mittelschicht, die auf 20 bis 40 Millionen geschätzt wurde, ist komplett weggebrochen.
Man rechnet mit bis zu 9 Millionen Arbeitslosen, die keine soziale Absicherung haben. In Indonesien herrscht neben Arbeitslosigkeit und aufgrund einer Trockenperiode auch Lebensmittelnot.
Preisanstiege und Hunger
Durch die Auflagen des IWF sind die bisher subventionierten Grundnahrungsmittel stark angestiegen. Die bisher am Rande des Existenzminimum lebten, trifft das besonders hart. Die Zahl der unter Hunger und Mangelernährung leidenden Menschen ist von 20 auf 100 Millionen gestiegen. Vom plötzlichen Anstieg des Preises für das Hauptnahrungsmittel Reis (Ursache u.a. eine Trockenperiode), ist insbesondere die untere Mittelschicht betroffen.
Währungsverfall
69% in Indonesien und große Einbußen bei den Bruttoinlandsprodukten
Indonesien: von 200 Milliarden Dollar im Jahr 1997 auf 61 Milliarden Dollar im Jahr 1998.
Dazu kommt eine galoppierende Inflation und der Zusammenbruch des Bankensystems, was die Regierungen oft zu Neufinanzierung und Verstaatlichung der Bankinstitute zwingt. Dies konnte jedoch nicht verhindern, daß die japanische Long Term Credit Bank mit 16 Milliarden Dollar Schulden Konkurs machte und dadurch Tausende landwirtschaftlicher Kooperativen in den Ruin stürzte.
Soziale Unruhen
Die unsichere Zukunft und der Kampf ums Überleben führen zu sozialen Unruhen, die sich auch auf die Politik auswirken: in China, Vietnam und Thailand befürchtet man, daß die soziale Revolte aus Indonesien auch auf die bereist prekäre interne Ordnung übergreifen könnte.
Bald täglich hört man von sozialen Unruhen in Indonesien, die eine ihrer Ursachen sicherlich in der labilen Wirtschaftslage findet.
Auch wenn immer wieder davon zu hören ist, dass Christen Moscheen und Moslems Kirchen anzünden, so findet in Indonesien trotzdem kein „Kampf der Kulturen“ (Christen gegen Moslems) statt.
Global gesehen: Nur die aller-, allerwenigsten Kriege und Konflikte sind religiös bedingte Kriege.
Die Ursachen der Konflikte sind bedingt durch den Streit um Territorien, Verteilung der politischen Macht, wirtschaftliche Konflikte, ethnische Identitätsgruppen.
Auch in Indonesien sind nicht Konflikte in erster Linie ethnische Konflikte, deren Grenzlinien natürlich durch die Religionszugehörigkeit mitbestimmt sind. Hier ist die Frage, inwieweit die eigene Religion hilft, Grenzen zu überwinden und trotz allem die
Türen zum Miteinander offen zu halten.
Misstrauen
Die Folge der Krise ist ein tiefes Misstrauen gegen die Weltwirtschaft, auf die man zuvor sein Vertrauen gesetzt hatte. Manche reden einer separierten Weiterentwicklung das Wort. Andere mahnen zur Vorsorge, indem die wirtschaftlichen Mechanismen besser beherrscht werden.
Die Rolle der Kirchen nach dieser Krise ist, dass die Kirchen nicht einfach untätig zusehen dürfen, sondern durch eine begleitende Reflexion über die Auswirkungen, insbesondere unter sozialen Gesichtspunkten, und Initiativen der Solidarität ihren Beitrag leisten (Louis Sabourin, Quebec).
Auch auf politischer Ebene spielt das Eingreifen der Kirche eine entscheidende Rolle: sie tritt als Vermittlerin bei den heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern auf, indem sie insbesondere auf die Logik des Dialogs und der Versöhnung beharrt. (Fides Informationsdienst)
Bei aller sachlichen, globalen Betrachtungsweise darf man die unendlich vielen persönlichen Schicksale nicht vergessen.
Wie viele sind in den Selbstmord getrieben worden, weil sie keine Zukunft mehr sahen. Wie viele Familien sind durch die Krise zerbrochen! Wie vielen Kindern wurde die Zukunft geraubt. Wieviele Waisenhäuser und Kirchliche Werke konnten nicht weiterhelfen, weil sie selber in den Strudel der Krise geraten sind.
Die Finanzjongleure an der Wallstreet sehen nicht in die Augen der Menschen. Der Computer hat kein Gesicht. Im Bildschirm spiegeln sich lediglich die Augen des Akteurs, die sagen, dass seine Zahlen stimmen müssen, wenn er seinen Posten behalten will...
Die Mangelernährung unter Kindern gehört zu den schlimmsten Auswirkungen der Krise. Die Unterernährung führt zur Schwächung des Immunsystems und fordert nach offiziellen Angaben jedes Jahr rund 60.000 Todesopfer unter den Kindern. Nach UNICEF-Berichten sind auf der Insel Java die Hälfte der Kinder unter zwei Jahren unterernährt. Nach Angaben des Ernährungsministers A.M. Saeffudin, nehmen 4,5 Mio. Familien auf der Insel und 100 Mio. Menschen im ganzen Land nicht jeden Tag eine warme Mahlzeit zu sich.
(Zahlen aus fides-Informationsdienst und aus Vortrag vom 26. Mündener Gespräch „Der Globalisierungsschock - weiter im Käfig eines kapitalistischen Weltsystems?“, in Hannoversch Münden am 30.10.1999, beides Internet sowie Ingomar Hauchler Hg., Globale Trends 2000, Frankfurt 1999)
Leider habe ich von evangelischer Seite aus keine Informationen im Internet finden können.
Meinem Eindruck nach sind die evangelischen Kirchen der technischen Entwicklung immer fünf Schritte hinterher. (Nach Auskunft des Ökumenischen Referates im Evang. Oberkirchenrat in Stuttgart soll es dort auch Mitarbeiter geben, die bestimmte Entwicklungen im Internet verfolgen, aber nicht aktiv tätig sind.)
Das Problem vieler Bücher ist, dass sie mit dem Zahlenmaterial nicht auf dem laufenden Stand sind. Die Globalisierung hat ein eigenes Zeitgefühl eingeführt. Die Halbwertszeit ist angesichts der Krisen und ihrer Bewältigung sehr kurz!


3.5 Ein modernes Gleichnis
Bei der Beschäftigung mit den Krisenursachen in Indonesien ist mir ein Gleichnis eingefallen:

Ein Reicher aus OPEC hatte 100.000 Aktien. Die Aktien gehörten zu einem Unternehmen, das den wertvollen Rohstoff Matrixit förderte, der für die Chipherstellung gebraucht wurde. Dieser Rohstoff kam nur an wenigen Stellen in der Welt vor, weswegen die Kurse für diesen Rohstoff ansehnliche Höhen erlangten.
Ein Angestellter des öffentlichen Dienstes aus Indonesien hatte sich im Laufe der Jahre 100 Aktien von jenem Unternehmen erworben. Die Erbschaft seiner Eltern steckte er darein und was er sonst zurücklegen konnte. Er sagte sich: In Zukunft wird man immer noch PC’s brauchen. Die Aktien laufen gut. Ich kann sie für meine Altersversorgung gut brauchen. Ich will meinen Kindern nicht auf der Tasche liegen.
Seine Kinder lobten ihn für diese Einstellung.
Dem Reichen aus OPEC waren seine Anteile nicht genug. Er wollte alle Anteile von Matrixit haben. Also streute er Gerüchte in die Welt, dass neue Orte gefunden wurden, wo reichlich Matrixit vorhanden wäre. Daraufhin fielen die Aktien ins Bodenlose.
Der Angestellte aus Indonesien verzweifelte über den Kursverfall. Seine Bank riet ihm, die Anteile schnellstmöglich zu verkaufen, auch wenn er nun mehr als die Hälfte Verlust machen würde. Er verkaufte, was sollte er machen. Seine Familie weinte über zerstörte Hoffnungen.
Der Reiche aus OPEC kaufte alle Anteile, die nun billig zu haben waren. Es stellte sich heraus, dass die neuen Förderstätten für Matrixit nur Gerüchte waren. Der Preis schnellte in die Höhe. Der Reiche freute sich, dass sein sorgenfreies Leben gesichert war. Er konnte noch viele rauschende Feste feiern.

(Matrixit ist ein Kunstwort von mir zur Vereinfachung der Zusammenhänge.)
Biblische Bezüge: 2. Samuel 12
Und der Herr sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß; und er hielt’s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.


Dieses Gleichnis des Nathan scheint mir einleuchtende Parallelen zu gegenwärtigen Wirtschafts-Problemen zu haben:
- Die Machtfrage ist thematisiert. Der Reiche hatte die Macht, dem Armen das Schaf wegzunehmen. Der Markt der Schafe und Rinder ist nicht neutral. Der gute oder böse Wille des Mächtigen geht in das Marktgeschehen mit ein.
- Appelle an den guten Willen des Besitzenden sind naiv. Wenn keine staatliche Ordnungsmacht da ist, die Sanktionen verhängen kann, gibt es keine Veränderungen, keine Land-Neuordnung, keine Besitzumverteilung, keine Gesetzesänderung.
- Ein Problem ist, dass der Reiche im Parlament saß, während der Arme keine Lobby hatte. Die Lobby des Armen ist nur der Prophet, der auf Gottes Stimme hört.
- Steht die Kirche nur auf der Seite des Propheten und vertraut dem Wort? Vom Gleichnis her hat diese Position nur einen Sinn, wenn es eine über-mächtige, sanktionsfähige Stelle (wie dem König David) gäbe. Diese Stelle sehe ich nicht.
- Die Kirche muss deshalb heute die Lobby des Armen sein und gleichzeitig mit dem Reichen ins Gepräch kommen. Andere Möglichkeiten zu einer Veränderung gibt es heute nicht.


3.6 Christentum und Globalisierung
3.61 2000 Jahre „in alle Welt“

Für die Kirchen ist das Wort Globalisierung oder ähnliche Worte uralt. Es gehört an den Anfang der Christentumsgeschichte:
Gehet hin in alle Welt.
Lehret alle Völker.
Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe.
So lautet der traditionelle Missionsbefehl.
Oikoumene und Christentum/Kirchen sind nicht zu trennen. Globales Denken im dem Sinne, dass man das Evangelium nicht für sich behalten darf, prägt unsere Religion.
Das Christentum hatte den Wettbewerb der vielen damaligen Religionen gewonnen. So sehr, dass es selber zum Monopolist wurde und Konkurrenten auf grausame Weise ausgeschaltet hat. Buisiness as usual. Die Kirchengeschichte ist voller Ereignisse, die uns Zeitgenossen immer wieder vor die Nase halten.
Allerdings darf mit gewissem Stolz festgestellt werden, dass das Christentum 2000 Jahre Krisen und Erfolge überstanden hat. Durch Verfolgungen und Aufklärung, durch Ketzerei und Machtorgien hindurch hat es überlebt. Das Christentum ist, global gesehen, stetig gewachsen, auch und gerade mit den gegenwärtigen Strukturen einer geteilten Kirche. Rund 2 Milliarden Menschen, ein Drittel der Weltbevölkerung, sind getauft. Die Katholische Kirche z.B. konnte im 20. Jahrhundert ihre Mitgliederzahl verdreifachen und hat in Afrika von 1,7 auf 110 Millionen Anhänger zugenommen. (Jörg Uwe Albig, Zeitschrift Geo, Nr. 1, 2000, S. 38).
Durch das Prinzip der Inkulturation z.B. ist das Christentum nicht starr festgelegt, sondern konnte sich den jeweiligen kulturellen Herausforderungen anpassen. Ganze Völker wurden durch den christlichen Glauben so geprägt, dass sich einzelne Werte verselbstständigt haben und in die Gesetzgebungen eingegangen sind, ohne dass Zeitgenossen noch die Ursprünge zu benennen wüssten.
Allerdings sind weite Teile Asiens dem Christentum auch von innen her verschlossen. Man hört zwar, dass z.B. in China so viele Christen leben sollen wie nie zuvor, aber die Anzahl bewegt sich in Bruchteilen von Prozenten.
Interessant ist andrerseits die Beobachtung, dass Christentum und Wohlstand nicht unbedingt zusammengehören. Die Mehrzahl der Christen lebt in Ländern, wo Armut den Alltag der Menschen prägt. Die Zahl weißer Christen ist längst in der Minderheit.
Auf der anderen Seite haben viele islamische Länder eine gewisse Angst vor der Ausbreitung des Christentums. Aufgrund ihrer Tradition trennen sie nicht zwischen Religion und Staat, Wirtschaft und Politik. Sie setzen das Christentum mit westlicher Kultur und Imperialismus gleich. Die Werte, die die weltweiten Medien durch die Hollywood-Filmindustrie in die Häuser bringen, werden als christliche, degenerierte Werte abgelehnt. Ähnliche Vorbehalte gibt es gegenüber den Werten, die durch die UNO der Völkergemeinschaft verpflichtend nahegebracht werden, z.B. die Menschenrechte. In ihnen sehen manche Staaten wieder nur westliches Gedankengut, das mit ihren Traditionen nicht unbedingt zusammenpasst.
Die gegenwärtige Globalisierungsdiskussion beurteilt die Ergebnisse der Globalisierung dahingehend, ob man auf die Gewinner- oder Verliererseite gehört.
Wie es gegenwärtig aussieht, gehört das Christentum in Deutschland auf die Verliererseite, in Afrika und Lateinamerika auf die Gewinnerseite.
Die traditionellen, christlichen Kirchen verlieren weltweit schleichend ihre Mitglieder, während z.B. die Pfingstkirchen, charismatische Gemeinde und evangelikale Gruppen zulegen können.
Offensichtlich bietet die neuere Kirchengestalt den „Verlierertypen“ (im wirtschaftlichen Sinn) einen besseren Halt als das traditionelle Christentum.
Sollen sich die Kirchen in Deutschland den Bedürfnissen des religiösen Marktes anpassen, um den Wettbewerb zu gewinnen? Was will der religiöse Markt? Die Umfragen und Studien sind inzwischen Legion, ohne dass es darauf eine eindeutige Antwort gäbe.
In Deutschland wird dieses Frage dahingehend diskutiert, dass man in der Jugendarbeit neue Wege geht - und den Jugendlichen ständig hinterher hinkt.
Für die Gottesdienste wurde ein zweites oder drittes Programm entwickelt. Zielgruppenarbeit und Milieustudien und Gemeindeaufbauprogramme gehören heute zu den Standarddiskussionen, ohne dass sich eine prinzipielle Verbesserung der Lage andeutet.
Wohin sich die Orientierung am religiösen Markt entwickeln kann, zeigt ein Blick nach Amerika.
Bekanntestes Beispiel ist die Willow Creek Community Church bei Chicago, die etwa 15.000 Besucher am Wochenende anzieht. Die Kirche ist hier - anders als in Deutschland - Lebensmittelpunkt. Kontakte, Hilfsaktionen und Hauskreisarbeit laufen über die Kirche (sogar eine eigene Autowerkstatt wird angeboten!). Die Gottesdienste haben eine ansprechende Ausstrahlung. Auf Dogmatik und Ökumene wird verzichtet. Auch das ist modern. Ebenfalls bleiben explizit wirtschaftlich-politische Implikationen des Evangeliums außen vor.
Offen bleibt die Frage, wieviele Anhänger durch die Kirche den Glauben neu gefunden haben - oder ob nur einfach die Gemeinde aufgrund der größeren Attraktivität gewechselt wurde.
Diese Kirche entspricht amerikanischen Bedürfnissen. Das Konzept ist bei aller Sympatie nicht in die deutsche Landschaft zu übertragen, obwohl es laut Internet einige Dutzend Sympatisanten-Gemeinden in Deutschland gibt.
Vor allem in Lateinamerika zieht das Gesetz des Marktes.
„ Jedes Jahr verliert die katholische Kirche in Brasilien, dem größten katholischen Land der Welt, mehr als 600.000 Gläubige - während protestantische Sekten wie die Igreja Universal sich rasant ausbreiten. Jahr für Jahr wechseln in Lateinamerika drei Millionen Katholiken zu den Predigern im feinen Zwirn, die ihnen Aufstieg durch harte Arbeit, Disziplin und Gottes Subventionen versprechen. Das ist die Religion des Turbo-Kapitalismus.“ (Geo, S. 48)
Für uns in Deutschland abschreckend wirkt vollends die Anpassung an den religiösen Markt, wenn Gott und die Kirche zum Erfüllungsgehilfen der persönlichen Wünsche gemacht wird. Wirtschaftlich erfolgreich sind Kirchen in Amerika, die helfen „Geld zu machen“. Gegen gutes Geld wird für den Erfolg im Beruf und in der Familie gebetet. Selbst über das Medium des Fernsehns wird für die Kranken gebetet. Gemeinschaft ist nicht mehr konstitutiv.
Slogan der Unitarian Universalist Church: „Statt mich einer Religion anzupassen, habe ich eine Religion gefunden, die sich mir anpasst.“ (Geo, S. 41)
In Afrika und in Amerika schlägt das Gesetz der gnadenlosen religiösen Globalisierung eher durch als bei uns. Jede Kirche will überall präsent sein, weil ihre Wahrheit die richtigere ist als bei der Konkurrenz-Kirche. Der Kampf um Mitglieder ist eine existentielle Frage für die Gemeinden.
In Deutschland ziehen sich die Mitglieder eher zurück in eine abwartende Position, ohne das Monopol der Landeskirchen prinzipiell in Frage zu stellen. In weiten Teilen der Welt muss um jedes Mitglied gekämpft werden.
Ob uns diese Dimension der Globalisierung noch erreicht?
Zwar sind längst in den deutschen Pfarrkonventen und Pfarrergesprächen Worte wie „Management“ und „Effizienssteigerung“ keine Fremdworte mehr. Wirtschaftsberatungsagenturen wie McKinsey und Werbeagenturen sollen das kirchliche Leben auf Vordermann bringen. Teilweise schmerzhafte Umstrukturierungsprozesse gehören in den kirchlichen Alltag.
Aber alles ist kein Vergleich zu den weltweiten kirchlichen Anpassungsprozessen.
Jörg-Uwe Albig resumiert:
„Und so gnadenlos auch die Christen den Gesetzen der Globalisierung unterworfen sind - vielleicht liegt in der zweckfreien Verbindlichkeit ihres Glaubens zugleich eine Chance für die Welt, der neoliberalen Zwangslogik zu entkommen. ... Vielleicht ist es gerade der alte, ewiggestrige Karol Wojtyla aus Wadowice, dessen allgegenwärtiges Bild der Schwäche am radikalsten jenen Wert bestreitet, der dem Turbo-Kapitalismus heilig ist: Power. Ein Bild, das den Kurienkardinal Ratzinger schon an seinem Herrn Jesus Christus irritiert hat: ‘Warum bleibt er so ohnmächtig? Warum herrscht er nur auf diese ganz merkwürdig schwache Art, eben als Gekreuzigter, als einer, der selbst gescheitert ist?’ ‘Bigger is better’, sagt Donald Trump, der New Yorker Bau-Tycoon. ‘Profit, Profit, Profit’, sagt Jürgen Schrempp, der Daimler-Chrysler-Chef. Der Papst aber sitzt krumm auf dem Petersplatz und singt mit brechender Stimme seine Einsamkeit. Und atmet schwer.
‘Meine Kraft’, sagt Jesus Christus, ‘ist in den Schwachen mächtig.’“ (Geo, S. 50)
3.62 Die Kirchen auf der Expo 2000
Unter dem Gesichtswinkel der Globalisierung habe ich auch die Expo in Hannover besucht. Die Expo präsentiert sich als global house unter dem Leitthema „Mensch-Natur-Technik“. 180 Nationen machen sich über das 21. Jahrhundert Gedanken.
Wie präsentieren sich die Kirchen und Religionen in den global house?
Worin besteht ihr erkennbarer Beitrag?
Die evangelischen und katholischen Kirchen Deutschlands präsentierten sich ökumenisch im Christus-Pavillon. Mitten im Zentrum der Expo errichteten sie ein Glasgebäude, dass architektonisch auf bewährte Vorbilder zurückgriff.
Die Anlage erinnert an die Tempelanlage des 2. Tempels in Jerusalem mit seiner antiken Aufgliederung „Arkaden, Vorhöfe, Allerheiligstes“.
Man betritt durch den schmalen Kreuzgang den Innenhof, wo ein ökumenischer Infostand einlädt. Der schlanke, gläserne Kirchturm fallt als solcher kaum auf. Von dort geht es in den kubischen Gottesdienstraum. Unter diesem Gottesdienstraum befindet sich eine Krypta, die wirklich zur Stille einlädt. Das repräsentive Gebäude ist von einem Kreuzgang umgeben. Die Doppelglasfenster sind mit verschiedenartigen Gegenständen des täglichen Lebens gefüllt: Leere Feueranzünder, Gabeln, Teesiebe usw. Die Symbolik lässt sich nicht gleich erschließen.
Der Beitrag der Volkskirchen zum Expo-Theater lässt sich so umschreiben:
Das global house braucht einen Ort, wo man aus der Hektik heraus zu sich selber und zu Gott kommen kann. Hier findet man diesen Ort.
Die Herausforderungen der Welt lassen sich nur bewältigen, wenn man im Glauben verankert ist. Wir bieten den Anker an.
Ich denke, dass unsere beiden Volkskirchen dieser Herausforderung auf der Expo gerecht werden. Die ökumenische Zusammenarbeit stimmt hoffnungsvoll.
Allerdings werden weite Arbeitsbereiche der Kirchen ausgeblendet: Die weitverzweigte Diakonie, die weltweite Diakonie, das Engagement der Kirchen für die Welt. Eigentlich schade, dass die weltumspannende Arbeit nicht sichtbar gemacht wurde. Dafür hätten sich m.E. die mit Gabeln und ähnlichem Kruscht gefüllten Fenster hervorragend geeignet.
Aufgrund der Empfehlung einer Mitarbeiterin hatte ich gehört, dass das weltweite Engagement der evangelischen Kirche sich im Themenpark basic needs präsentieren würde. Tatsächlich hat Brot für die Welt eine recht große Halle mit Materialien gestaltet, die aus lauter Wegwerf-Dingen bestand. An sich eine nette Idee.
Als wir kamen, war nichts los. Weder gab es einen Hinweis, wann die Anspiele oder Theaterstücke stattfanden. Es fehlten Hinweise, was die Idee der Hallenausgestaltung war. Vor allem fehlten Mitarbeiter oder auch ein Infostand in der Mitte der Halle. Die Präsentation war für uns Besucher zu jenem Besuchszeitpunkt - vernichtend! Schade, dass Chancen nicht genutzt werden.
Im Übrigen war die Aufbereitung des Themas basic needs in der Themenhalle ohne Führer nicht zu verstehen. Die Beschriftungen waren viel zu mikrig, viel zu wenig auffällig. Zusammenhänge waren nicht gleich erkennbar. Ein fortschreitender Lern-Gang fehlte. (Der Gegensatz dazu ist die Halle vision of planet!)
Auf der Expo gab es auch eine Halle mit dem Namen „global house“. Verschiedene Organisationen stellte ihre Beiträge zu einer Veränderung der Welt vor.
U.a. waren auch die Bahais vertreten. Oder die Barfuß-Akademie, die im Sinne Ghandis Erwachsenenbildung in Indien betreibt.
Ich finde, dass Brot für die Welt hier eher ihren Platz gefunden hätte.
Auch die freien Werke in der evangelischen Kirche (u.a. CVJM, Allianz) präsentierten sich auf der Expo.
Das futuristische Gebäude in Gestalt eines Walfisches bekam sogar eine Extra-Auszeichnung, indem es als Expo-Wahrzeichen von den Besuchern gewählt wurde.
Während die Volkskirchen zur Stille einluden, gab es gleich am Eingang des Gebäude laute christliche Rock- und Popmusik, die zu einer Art „Missionsfilm“ einluden. Eine Mischung aus Jona, Verlorener Sohn und Startreck zog in erster Linie junge Leute an.
Im oberen Stock des Hauses präsentierte sich freikirchliche Arbeit. Man spürte überall das evangelistische Anliegen. Mitarbeiter gingen auf die Menschen zu.
Beide Gebäude zeigen die Vielfalt der kirchlichen, evangelischen Arbeit. Ich finde, sie ergänzen sich hervorragend! Die eine ohne die andere Arbeit wäre eine Verkürzung unserer evangelischen Beiträge für die Welt.
Das Gebäude des Vatikans hat seinen religiösen Ausdruck in einer Ellipse gefunden, in der - neben einer Bilderausstellung - das älteste Bild von Jesus Christus, das berühmt Madylion, gezeigt wurde. Von der Formensprache wurde an die Mandorla-Tradition angeknüpft, die im Zentrum den Sinn des Lebens ausdrückt. Typisch katholisch. Evangelische hätten anstelle des Bildes eine alte Bibel präsentiert. Typisch. Und die Freikirchen stellen einen extra hergestellten Film als zeitgemäßes Medium in dem Mittelpunkt. Auch typisch.
Ich möchte als Fazit feststellen, dass sich unsere Kirchen den Herausforderungen des global house auf der Expo in vorbildlicher Weise gestellt haben. Alle drei Präsentationen gehören aber unbedingt zusammen. Eins ohne das andere wäre eine Verzerrung des christlichen Glaubens!! „In unseren Kirchen sind wir nie ganz zu Hause. Als Einzelkirchen sind sie alle zu eng.“ (Fulbert Steffensky, DAS 28, S. 21)
Zwei weitere religiöse Gebäude wurden durch die Staaten Butan und Nepal präsentiert. Beide Staaten präsentieren einen traditionellen buddhistischen Tempel. Beim Tempel von Nepal stand sogar dabei, dass man ihn in Deutschland oder Europa lassen möchte, wenn sich ein Abnehmer findet.
Meines Wissens wird keine Moschee gezeigt, obwohl es ursprünglich geplant war.
In welcher Form stellen sich die Kirchen dem Dialog mit den anderen Weltreligionen?
Sehr auffällig war für mich auf der Expo, wie sehr christliche Werte und Vorstellungen die Präsentation geprägt haben. Fast bin ich fröhlich, dass die christliche Verkündigung -global gesehen- durchaus ihre Wirkung hat. Der Schutz der Schöpfung ist Allgemeingut geworden, nicht erst durch indianische oder buddhistische Traditionen.
Die Ausdrucksweise in verschiedenen Themenparks ist typisch religiös.
Z.B. begeht man den Themenpark planet of visions durch eine riesiges Buch (christliche Analogie Buch der Offenbarung). Man landet dann im Paradies. Das Paradies ist aber nicht greifbar, es hängt an der Decke und spiegelt sich nur im Wasser, wo der Besucher sein Gesicht im gespiegelten Paradies entdeckt. Dann geht es durch den Turm von Babel als dem „Sinnbild des menschlichen Strebens nach Vollkommenheit und des steten Scheiterns“ (so im Prospekt für die Halle 9) weiter zu dem Panorama der Utopien. Aber kein apokalytischer Pessimismus wird verbreitet, sondern die Ermutigung, dass der Mensch sein Leben und Streben in die Hand nehmen muss, eben um der Apokalypse zu entgehen.
Im deutschen Pavillon „Brücken in die Zukunft“ rotierte ein „Baum des Wissens“ seine nimmermüden Arme, bestückt mit endlosen Fernsehfilmen, die das neue Deutschland zeigen. Von der künstlerischen Aufarbeitung eine gute Idee. Allerdings zeigte mir der „Baum des Wissens“ auch seine Grenze: Massenhaftes Wissen ist noch keine Erkenntnis. Zum „Baum der Erkenntnis“ ist es noch ein weiter Weg!
Oder sollte die Erkenntnis in den Erkenntnissen der Studios liegen?
Die deutsche Wirtschaft präsentierte in zwei Seitenräumen, wie sie sich die Menschen vorstellen, die sich den neoliberalen Herausforderungen der „Neuen Wirtschaft“ (Neu ist hier wirklich groß geschrieben) gestellt hat. In der Form des technisch modersten Laser-Kasperletheaters wird den Zuschauern die neoliberale Wirtschaftsform nahe gebracht. Anschließend kann man ein Comic-Heft mitnehmen, das die Szenen zusammenfasst.


Originalton:
„Der Staat greift mit einer Vielzahl von Vorschriften in das Wirtschaftsleben ein - oft in guter Absicht, aber mit schädlichen Nebenwirkungen. Der Staat sollte nur die Ziele setzen, es aber den Unternehmen überlassen, wie sie diese Ziele erreichen wollen.“ (Unternehmen Deutschland, S. 13)
Ich bin entsetzt, dass die Wirtschaft mit solchem Kasperletheater die Leute für dumm verkaufen wollen. Bisher war wenigstens davon die Rede, dass der Staat den ordnungspolitischen Rahmen setzen durfte. Hier ist sogar bloß von allgemeinen Zielen die Rede! Staat (und Kirche) sind nur Sand im Getriebe der Wirtschaft.
Selbst auf die Globalisierung wird explizit eingegangen. „Alle profitieren von der Globalisierung!“ (S. 21) Von den Opfern - kein Wort. Sie sind wohl selber schuld, wenn sie sich der Heilslehre der Wirtschaft nicht anschließen wollen.
 

4.62 Die Kirchen auf der Expo 2000
Unter dem Gesichtswinkel der Globalisierung habe ich auch die Expo in Hannover besucht. Die Expo präsentiert sich als global house unter dem Leitthema „Mensch-Natur-Technik“. 180 Nationen machen sich über das 21. Jahrhundert Gedanken.
Wie präsentieren sich die Kirchen und Religionen in den global house?
Worin besteht ihr erkennbarer Beitrag?

Die evangelischen und katholischen Kirchen Deutschlands präsentierten sich ökumenisch im Christus-Pavillon. Mitten im Zentrum der Expo errichteten sie ein Glasgebäude, dass architektonisch auf bewährte Vorbilder zurückgriff.
Die Anlage erinnert an die Tempelanlage des 2. Tempels in Jerusalem mit seiner antiken Aufgliederung „Arkaden, Vorhöfe, Allerheiligstes“.

Man betritt durch den schmalen Kreuzgang den Innenhof, wo ein ökumenischer Infostand einlädt. Der schlanke, gläserne Kirchturm fallt als solcher kaum auf. Von dort geht es in den kubischen Gottesdienstraum. Unter diesem Gottesdienstraum befindet sich eine Krypta, die wirklich zur Stille einlädt. Das repräsentative Gebäude ist von einem Kreuzgang umgeben. Die Doppelglasfenster sind mit verschiedenartigen Gegenständen des täglichen Lebens gefüllt: Leere Feueranzünder, Gabeln, Teesiebe usw. Die Symbolik lässt sich nicht gleich erschließen.

Der Beitrag der Volkskirchen zum Expo-Theater lässt sich so umschreiben:
Das global house braucht einen Ort, wo man aus der Hektik heraus zu sich selber und zu Gott kommen kann. Hier findet man diesen Ort.
Die Herausforderungen der Welt lassen sich nur bewältigen, wenn man im Glauben verankert ist. Wir bieten den Anker an.
Ich denke, dass unsere beiden Volkskirchen dieser Herausforderung auf der Expo gerecht werden.
Die ökumenische Zusammenarbeit stimmt hoffnungsvoll.
Allerdings werden weite Arbeitsbereiche der Kirchen ausgeblendet: Die weitverzweigte Diakonie, die weltweite Diakonie, das Engagement der Kirchen für die Welt. Eigentlich schade, dass die weltumspannende Arbeit nicht sichtbar gemacht wurde. Dafür hätten sich m.E. die mit Gabeln und ähnlichem Kruscht gefüllten Fenster hervorragend geeignet.

Aufgrund der Empfehlung einer Mitarbeiterin hatte ich gehört, dass das weltweite Engagement der evangelischen Kirche sich im Themenpark basic needs präsentieren würde.
Tatsächlich hat Brot für die Welt eine recht große Halle mit Materialien gestaltet, die aus lauter Wegwerf-Dingen bestand. An sich eine nette Idee.

Als wir kamen, war nichts los. Weder gab es einen Hinweis, wann die Anspiele oder Theaterstücke stattfanden. Es fehlten Hinweise, was die Idee der Hallenausgestaltung war. Vor allem fehlten Mitarbeiter oder auch ein Infostand in der Mitte der Halle. Die Präsentation war für uns Besucher zu jenem Besuchszeitpunkt - vernichtend! Schade, dass Chancen nicht genutzt werden.
Im Übrigen war die Aufbereitung des Themas basic needs in der Themenhalle ohne Führer nicht zu verstehen. Die Beschriftungen waren viel zu mikrig, viel zu wenig auffällig. Zusammenhänge waren nicht gleich erkennbar. Ein fortschreitender Lern-Gang fehlte. (Der Gegensatz dazu ist die Halle vision of planet!)

Auf der Expo gab es auch eine Halle mit dem Namen „global house“. Verschiedene Organisationen stellte ihre Beiträge zu einer Veränderung der Welt vor.
U.a. waren auch die Bahais vertreten. Oder die Barfuß-Akademie, die im Sinne Ghandis Erwachsenenbildung in Indien betreibt.
Ich finde, dass Brot für die Welt hier eher ihren Platz gefunden hätte.

Auch die freien Werke in der evangelischen Kirche (u.a. CVJM, Allianz) präsentierten sich auf der Expo.
Das futuristische Gebäude in Gestalt eines Walfisches bekam sogar eine Extra-Auszeichnung, indem es als Expo-Wahrzeichen von den Besuchern gewählt wurde.
Während die Volkskirchen zur Stille einluden, gab es gleich am Eingang des Gebäude laute christliche Rock- und Popmusik, die zu einer Art „Missionsfilm“ einluden. Eine Mischung aus Jona, Verlorener Sohn und Startreck zog in erster Linie junge Leute an.
Im oberen Stock des Hauses präsentierte sich freikirchliche Arbeit. Man spürte überall das evangelistische Anliegen. Mitarbeiter gingen auf die Menschen zu.
Beide Gebäude zeigen die Vielfalt der kirchlichen, evangelischen Arbeit. Ich finde, sie ergänzen sich hervorragend! Die eine ohne die andere Arbeit wäre eine Verkürzung unserer evangelischen Beiträge für die Welt.

Das eigene Gebäude des Vatikans hat seinen religiösen Ausdruck in einer Ellipse gefunden.
Als heiligster Gegenstand wurde 
die älteste erhaltene Christusikone, das Mandylion, präsentiert. Natürlich typisch katholisch. Das "magische" Bild soll die Welt verändern. Evangelische hätten anstelle des Bildes eine alte Bibel präsentiert. Typisch. Und die Freikirchen stellen einen extra hergestellten Film als zeitgemäßes Medium in dem Mittelpunkt. Auch typisch, wo alles auf Beeinflussung ausgerichtet ist.

Ich möchte als Fazit feststellen, dass sich unsere Kirchen den Herausforderungen des global house auf der Expo in vorbildlicher Weise gestellt haben. Alle drei Präsentationen gehören aber unbedingt zusammen. Eins ohne das andere wäre eine Verzerrung des christlichen Glaubens!! „In unseren Kirchen sind wir nie ganz zu Hause. Als Einzelkirchen sind sie alle zu eng.“ (Fulbert Steffensky, DAS 28, S. 21)

Zwei weitere religiöse Gebäude wurden durch die Staaten Butan und Nepal präsentiert.
Beide Staaten präsentieren einen traditionellen buddhistischen Tempel. Beim Tempel von Nepal stand sogar dabei, dass man ihn in Deutschland oder Europa lassen möchte, wenn sich ein Abnehmer findet.
Meines Wissens wird keine Moschee gezeigt, obwohl es ursprünglich geplant war.

In welcher Form stellen sich die Kirchen dem Dialog mit den anderen Weltreligionen?
Sehr auffällig war für mich auf der Expo, wie sehr christliche Werte und Vorstellungen die Präsentation geprägt haben. Fast bin ich fröhlich, dass die christliche Verkündigung -global gesehen- durchaus ihre Wirkung hat. Der Schutz der Schöpfung ist Allgemeingut geworden. Die Ausdrucksweise in verschiedenen Themenparks ist typisch religiös.

Z.B. begeht man den Themenpark planet of visions durch eine riesiges Buch (christliche Analogie Buch der Offenbarung). Man landet dann im Paradies. Das Paradies ist aber nicht greifbar, es hängt an der Decke und spiegelt sich nur im Wasser, wo der Besucher sein Gesicht im gespiegelten Paradies entdeckt. Dann geht es durch den Turm von Babel als dem „Sinnbild des menschlichen Strebens nach Vollkommenheit und des steten Scheiterns“ (so im Prospekt für die Halle 9) weiter zu dem Panorama der Utopien. Aber kein apokalyptischer Pessimismus wird verbreitet, sondern die Ermutigung, dass der Mensch sein Leben und Streben in die Hand nehmen muss, eben um der Apokalypse zu entgehen.

Im deutschen Pavillon „Brücken in die Zukunft“ rotierte ein „Baum des Wissens“ seine nimmermüden Arme, bestückt mit endlosen Fernsehfilmen, die das neue Deutschland zeigen. Von der künstlerischen Aufarbeitung eine gute Idee. Allerdings zeigte mir der „Baum des Wissens“ auch seine Grenze: Massenhaftes Wissen ist noch keine Erkenntnis. Zum „Baum der Erkenntnis“ ist es noch ein weiter Weg!
Oder sollte die Erkenntnis in den Erkenntnissen der Studios liegen?

Die deutsche Wirtschaft präsentierte in zwei Seitenräumen, wie sie sich die Menschen vorstellen, die sich den neoliberalen Herausforderungen der „Neuen Wirtschaft“ (Neu ist hier wirklich groß geschrieben) gestellt hat. In der Form des technisch modernsten Laser-Kasperletheaters wird den Zuschauern die neoliberale Wirtschaftsform nahe gebracht. Anschließend kann man ein Comic-Heft mitnehmen, das die Szenen zusammenfasst.

Originalton:

„Der Staat greift mit einer Vielzahl von Vorschriften in das Wirtschaftsleben ein - oft in guter Absicht, aber mit schädlichen Nebenwirkungen. Der Staat sollte nur die Ziele setzen, es aber den Unternehmen überlassen, wie sie diese Ziele erreichen wollen.“ (Unternehmen Deutschland, S. 13)

Ich bin entsetzt, dass die Wirtschaft mit solchem Kasperletheater die Leute für dumm verkaufen wollen. Bisher war wenigstens davon die Rede, dass der Staat den ordnungspolitischen Rahmen setzen durfte. Hier ist sogar bloß von allgemeinen Zielen die Rede! Staat (und Kirche) sind nur Sand im Getriebe der Wirtschaft.
Selbst auf die Globalisierung wird explizit eingegangen. „Alle profitieren von der Globalisierung!“ (S. 21)
Von den Opfern - kein Wort. Sie sind wohl selber schuld, wenn sie sich der Heilslehre der Wirtschaft nicht anschließen wollen. 

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Stand 22.07.2005  

Kritik