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4. Kritik an der Globalisierung

4.1 Der Hinterhof der Globalisierung

4.11 Die Globalisierung kostet Arbeitskräfte


4.12 Die Globalisierung nützt nur den Reichen

4.13 Die Globalisierung untergräbt die Sozialstrukturen

4.14 Die Globalisierung untergräbt die Autorität des Staates

4.15 Die Globalisierung braucht Alternativen

4.2 Unberechtigte Kritik?

4.3 Moralische Kritik

 

Globalisierung
Inhaltsverzeichnis

  4. Kritik an der Globalisierung
4.1 Der Hinterhof der Globalisierung

Worin bestehen die berechtigten Kritikpunkte aus der Sicht der Kirchen (!) an der Globalisierung? Die Erklärung von Brot für die Welt „Den Armen Gerechtigkeit 2000“ bietet eine hervorragende Zusammenfassung der Problemfelder.
4.11 Die Globalisierung kostet Arbeitskräfte.
Der Spiegel hat von der Konferenz in Fairmont berichtet, nach deren „Visionen“ in Zukunft nur 20% aktiv am Arbeitsleben teilnehmen (brauchen). Für die anderen 80% bleibt das NICHTS. (auch in HP Martin, Die Globalisierungsfalle S. 11ff)
Nicht die 2/3 Gesellschaft, wie man in den 1980er Jahren noch sagte, ist die Zukunft, sondern 20 : 80 heißt die Formel für die Verteilung von Arbeit, Einkommen und „tittytainment“!
Diese Sicht der Dinge wird aber von Volkswirtschaftlern heftig als „populistisch“ dementiert. Jedes Freisetzen von Kapital und Arbeitskräften hat neue Investitonen und dementsprechende Arbeit zur Folge. Totes Kapital tötet Menschen! Nach dem Marktgesetz sucht sich „das Kapital“ Bereiche, wo es am profitbringendsten eingebracht werden kann.
Die Technisierung kostet neue Arbeitsplätze, schafft aber nachweislich auch viele neue Arbeitsplätze. Das wird oft übersehen. Seit 1975 hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der OECD um knapp 120 Millionen erhöht. (Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Nr. 26, 2000, S. 6, iwd) Allerdings müssen die Zahlenspiele solcher unternehmenabhängigen Blätter mit Vorsicht genossen werden. Es wird nicht gesagt, wieviele einen Arbeitsplatz verloren haben. Wenn die entsprechende Zahl unangenehm ist, drückt man sich in Prozenten aus, die man nicht mit absoluten Zahlen vergleichen kann.
Die Effizienz der neuen Arbeitsmethoden ist beeindruckend: Um den Ford Mondeo zu konstruieren, brauchten die Konstrukteure von wenigen Jahren noch zwei Monate und 20 internationale Arbeitstagungen. Für den Ford Taurus brauchte man gerade noch 15 Arbeitstage und drei Kontrollsitzungen. (HP Martin, S. 138)
So weit die Theorie. Im Osten Deutschlands würden liebend gerne die Menschen arbeiten - aber es gibt nicht genug Investitionen, aus welchen volkswirtschaftlichen Gründen auch immer. Um wieviel mehr gilt es für andere Länder!
Allerdings ändert sich das Verhältnis zur Arbeit grundlegend. Ulrich Beck (Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt 1999) spricht von einer „Brasilianierung“ der Arbeitsstrukturen. Gemeint ist, dass selbst gut ausgebildete Leute sich möglicherweise mit mehreren schlecht bezahlten Arbeitsplätzen zufrieden geben müssen. (S. 7ff)
In der Asienkrise 1997 sind viele Millionen zustätzlich arbeitslos geworden, obwohl sie trotz ihrer Arbeit nur Minimallöhne bezogen hatten. Die Not ist grenzenlos! Schon vor der Krise betrug das tägliche Einkommen etwa 1 $. Es ist kein Geheimnis, dass gerade die Frauen und Kinder besonders schwer unter dieser Krise leiden müssen.
In Thailand stieg die Arbeitslosigkeit 1997 von 7 Millionen auf 12 Millionen 1998 bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 63 Millionen.
Die Selbstmordrate stieg von 10 / 100.000 auf 14-15 / 100.000.
Die Zahl der Gefangenen von 66.000 auf 170.000.
Die Zahlen für Indonesien habe ich oben schon aufgeführt.
Interessant sind auch Zahlen am Rande: Die USA rühmen sich, aufgrund der jahrelangen boomenden Konjunktur nur sehr wenige Arbeitslose zu haben.
Kritiker weisen aber auch auf andere Zusammenhänge hin, Z.B. Die Arbeitslosenzahlen in den USA seien auch deswegen so niedrig, weil die „Kriminalisierung der Gesellschaft“ vergleichsweise mit Europa extrem hoch ist. Wenn ich mich recht an jenen Fernsehbericht recht erinnere, sitzen relativ 10 x soviele Menschen in Gefängnissen wie in Europa.
Oder: In Kalifornien übersteigen die Ausgaben für die Gefängnisse den gesamten Bildungsetat. (HP Martin S. 20)
Die gewerkschaftliche Organisation der Arbeitnehmer verschwindet dagegen. Ich habe mich mit einem Gewerkschafter über die neuen Zustände unterhalten. Man hat bisher nichts der Macht des Kapitals entgegenzusetzen. Die Solidariät schwindet. Jeder handelt nach dem Motto „Rette sich wer kann.“ In den USA und in Ländern der Dritten Welt werden die Gewerkschaftler regelrecht unter Druck gesetzt, oder gar nicht eingestellt. Die Marktwirtschaftler sagen, dass der Markt genug andere Arbeitskräfte zur Verfügung hätte. Es fehlt der Allgemeinheit ein solidarisches Bewußtsein. Die TNC setzen die Staaten und Betriebsräte so unter Druck, dass sie um des „Standortvorteils“ willen still sind und sich beugen.
Arbeitslosigkeit ist der politische Hebel, „mit dessen Hilfe in den letzten Jahren der Kündigungsschutz, das Streikrecht, der Umweltschutz, die Mitbestimmung und andere demokratische Errungenschaften in vielen Ländern eingeschränkt wurde.“ (Jörg Huffschmid, epd, S. 7)
Ein anderer Aspekt ist, dass Arbeitslosigkeit zur Isolation führt, und häufig im hoffnungslosen Alkoholkonsum endet.
In Deutschland wird von Arbeitgeber- und Regierungsseite das Sozialwesen unter Dauerbeschuss gelegt. Vernünftige Aufklärung über Zusammenhänge gibt es kaum. Nach den Konsequenzen die kleinen Leute fragt aber niemand.

4.12 Die Globalisierung nützt nur den Reichen
Der Ökumenische Rat der Kirchen nennt einige Zahlen:
- Die Vermögenswerte der 200 reichsten Leute, die mehr als 1.000.000.000 $ besitzen, ist höher als das Gesamteinkommen von 41 % der Weltbevölkerung.
- Der Einkommensgraben zwischen dem einem Fünftel in den reichsten Ländern und dem anderen Fünftel in den ärmsten Ländern wächst unaufhörlich.
1960 betrug das Verhältnis 30 : 1
1990 betrug das Verhältnis 60 : 1
1997 betrug das Verhältnis 74 : 1
- Über 1,5 Milliarden Menschen leben in absoluter Armut.
- Es würde reichen, 5% des Reichtums von den reichsten 225 Personen zu nehmen, um die anderen mit den basic needs zu versorgen.
- 70% des gesamten Handels wird von transnationalen Konzernen abgewickelt.
Sie erzeugen 80% der ausländischen Direkt-Investitionen und besitzen ein Fünftel des ganzen Vermögens, das Ausländern gehört. Jedoch erarbeiten sie weniger als 3% der Weltarbeitskraft.
- Zu den Reichen gehören eigentlich nicht die Staaten. Sie haben jede Menge Schulden.
Zu den Reichen gehören u.a. die 40.000 Transnationalen Konzerne, die 2/3 des Welthandels abwickeln. Die 100 größten vereinen sich auf jährliche Umsätze in Höhe von 1.400 Milliarden $. (HP Martin, S. 157)
Zu den Reichen zählen die Einwohner der 29 OPEC-Staaten mit den transnationalen Konzernen (TNC).
Die Schuldenerlass-Kampagne hatte zur Folge, die Ungleichgewichte ans Tageslicht zu bringen: Die Zinsrückzahlungen der ärmsten Länder sind höher als die Entwicklungshilfe, die gegeben wird. Ein kontinuierliches Ausbluten zugunsten der reichen Länder findet statt. Es gibt keine Wirtschaftsgrößen, die dieses Ausbluten auffangen können. Im Innern des Staates werden vor allem die Sozial- und Bildungsleistungen gekürzt. Letztlich zahlen die Armen die Zeche. Allerdings muss man von Land zu Land differenzieren.
„Der finanzökonomische Kurzschluss zwischen den Staaten zwingt ihnen einen Wettlauf um niedrige Steuern, sinkende Staatsausgaben und Verzicht auf sozialen Ausgleich auf, der im Resultat nichts anderes bringt als eine globale Umverteilung von unten nach oben.“ (HP Martin S. 91)
Der Vorwurf scheint aufs Ganze gesehen berechtigt zu sein, dass die Globalisierung nur eine riesige, anonyme Umverteilungsmaschine ist. Wer hat, dem wird gegeben. Wer nicht hat, dem wird genommen was er hat.
Die Trickle-down Theorie, nach der der Reichtum von oben nach unten weitertröpfelt, stimmt nur in begrenzten Bereichen.
Die Rückzahlung der gemachten Schulden bereichert also nur die Reichen - ohne eigene Arbeit und Anstrengung. Kritiker betonen, dass der Reichtum der Welt eigentlich nicht durch ehrliche Arbeit erworben wird, sondern durch Handel mit Geld in welcher Form auch immer. Hier wird noch etwas von der aristotelischen Kritik deutlich von der Unfruchtbarkeit des Geldes, die illegitim sei. Die Großfirmen wie Siemens und Daimler-Crysler erwirtschaften mehr Gewinn durch ihre Geldvermögen als durch ihre Produkte. (HP Martin S. 80)
Zur Mexikokrise 1995 kommentierte Willem Buiter, Wirtschaftsprof. in Cambridge:
„Die ganze Aktion sei nichts weiter gewesen als ein Geschenk der Steuerzahler für die Reichen.“ (HP Martin, S. 70)
Es soll einen Trost geben: Deutschland scheint auf der Gewinnerseite der Globalisierung zu stehen..., so verlautet das Mitteilungsblatt des iwd.
In den Finanzkrisen sind nur die Kapitaleigner die Gewinner, weil sie nicht in gleicher Weise der Gesellschaft verantwortlich sind. Es ist seit langem Mode, dass die Gewinne privatisiert und die Kosten sozialisiert werden.
Das „shareholder value“-Prinzip zeigt die Umkehrung bisheriger Werte der sozialen Marktwirtschaft, wo man auf einen Ausgleich zwischen den Unternehmern und Arbeitenden bedacht war.
Das Prinzip fordert die absolute Gewinnmaximierung zugunsten der Aktionäre. Damit wenden sich die Firmen bewusst von einem Grundsatz unserer Verfassung ab „Eigentum verpflichtet“.
Allerdings muss auch das mitbedacht werden: Wer sind denn die shareholder? Einen großen Anteil der Aktienbeteiligungen machen ja auch die Gelder aus, die wir kleinen Leute als Fonds- und Sparguthaben und als Lebensversicherungen angelegt haben. Die Banken und Versicherungen wirtschaften damit und versuchen, für ihre Klientel das Beste daraus zu machen! Insofern sitzen wir im gleichen Boot! Die Welt ist global vernetzt. Man müsste wirklich die Banken und Versicherungen löchern, um zu erfahren, was mit dem eigenen Geld angestellt wird.
In diesem Zusammenhang muss auch das Spekulantentum an der Börse als mit christlichen Maßstäben nicht vereinbar angesprochen werden. Gier ist die Triebfeder, so habe ich es öfter in volkswirtschaftlichen oder finanzpolitischen Vorträgen gerade von Nicht-Theologen in durchaus negativer Weise gehört.
Immer wieder wird die Tobin-Steuer auf alle Devisentransaktionen empfohlen. Es kämen zwischen 150 bis 720 Milliarden $ im Jahr zusammen, die den Staatshaushalten eine Entlastung brächten. Andere Experten fürchten, dass die Steuer sich praktisch nicht eintreiben lässt.
Das neoliberale Wirtschaftssystem in Kombination mit den elektronischen Medien ist sehr krisenanfällig. Kaum hat man aus den alten Fehlern gelernt, kommen neue, die sich eben auch global auswirken.
In der EKD gibt es angeblich einen Beauftragten, der für Deutschland einen Reichtumsbericht erstellen soll. Öffentliche Kritik und Kontrolle sind immer noch probate Mittel gewesen, um wenigstens Umdenkprozesse in Gang zu setzen. Allerdings habe ich noch keinen Bericht in die Finger bekommen.


4.13 Die Globalisierung untergräbt die Sozialstrukturen
Die Probleme der Landflucht in den Dritte Welt-Ländern kennen wir seit Jahrzehnten. Die Großstädte und Metropolen wachsen ins „Unendliche“. Sie haben auf die Menschen, die bisher auf dem Land in geordneten Sozialstrukturen wohnten, eine faszinierende Anziehungskraft. Arbeit, Auskommen, Teilhabe an der Glitzerwelt lassen sie alle Bedenken vergessen. Auf der anderen Seite steht auch das Kleinerwerden des Lebensraumes auf dem Lande, wo durch die Bevölkerungszunahme und durch Großfirmen nicht mehr für alle Platz ist.
Dazu kommen unzureichende Bildung der Bevölkerung, schlechte Infrastruktur und Kapitalmangel.
Aber auch in den USA wird sichtbar, dass in den Industrieländern der wirtschaftliche Abstieg für einen großen Teil der Bevölkerung vorprogrammiert ist. 1995 verdienten vier Fünftel aller männlichen Angestellten und Arbeiter pro Arbeitsstunde real 11% weniger als 1973, obwohl das Bruttosozialprodukt um 1/3 gestiegen ist. Vor allem für das untere Drittel war der Lohnschwund dramatisch: Der reale Lohn ist um 25% niedriger als vor 20 Jahren! Die „working poor“ sind zu einer festen Kategorie geworden.
Der Wertzuwachs kommt dem oberen Fünftel zugute. (HP Martin, S. 165f). „The winner takes all.“
Auch hier muss das menschliche Gesicht des Globalisierungsprozesses gesucht und gesehen werden. Die geforderte Flexibilität setzt die Familien noch mehr unter Druck.
Das Wirtschaftsgeschehen zerreißt die gesellschaftlichen Ruhezeiten (Sonntagsdiskussion, Opferung des Buß- und Bettags u.a.)
Die Mobilität zersprengt gewachsene Strukturen. Das tittytainment findet schon lange in der Form statt, dass man sich müde und zur weiteren Kommunikation unfähig am Abend vor den Fernseher setzt und in talkshows verfolgt, wie andere reden.


4.14 Die Globalisierung untergräbt die Autorität des Staates.
Man muss natürlich sehen, dass die neoliberale Wirtschaftspolitik von Politikern gewollt und unterstützt wurde.
„Die globale wirtschaftliche Verflechtung ist keineswegs ein Naturereignis, sondern wurde durch zielstrebige Politik bewußt herbeigeführt.“
(HP Martin, S. 18)
Beispiele sind der Reagenismus in den USA und Thachterismus in GB.
Das Problem besteht darin, dass der Nationalstaat auf die TNC (transnationalen Konzerne) fast keine Einflussmöglichkeit hat.
Die TNC zahlen fast keine Steuern, weil sie jeweils ihre Gewinne in Steueroasen (Off-shore Finanzplätze wie Luxemburg, Cayman-Inseln, Jersey, Guernsey, Gibraltar usw.) veranschlagen. Typische Vertreter sind Konzerne wie Daimler und Siemens. Gleichzeitig fordern die TNC von den Staaten Subventionen, wenn sie an einem bestimmten Standort investieren wollen.
Subventionen werden in der Markttheorie bei Arbeitenden als Eingriff in die Markthoheit strikt abgelehnt. Aber mit der Keule des Wettbewerbs um Standortvorteile werden die Staaten erpresst, was dann der reinen Marktwirtschaft keinen Abbruch tut.
Der Staat hat auf im Ausland erbrachte Zinsgewinne bisher keine Einflussmöglichkeit.
Die Firmen brauchen sich auch nicht mehr auf politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen zur Gestaltung besserer Verhältnisse einzulassen. Sie „regieren“ dadurch, dass sie einfach ihr Kapital abziehen. Allein schon die Drohung, das Kapital abzuziehen, ist schon ein Erpressungsmittel, das leider immer funktioniert.


4.15 Die Globalisierung braucht Alternativen
Globalisierung ist kein Ziel an sich. Was sind aber die Ziele?
Kritiker betonen, dass das Primär-Ziele von maximalem Profit für das eingesetzte Kapital menschenverachtend ist.
Allein schon der Begriff „Humankapital“ zeigt, was im Vordergrund steht, nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, sondern die Vermehrung des Geldes. Deswegen wird immer wieder das Jesuswort zitiert: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus 6,24)
Menschenangemessenes Wirtschaften auch bei geringeren Profitraten - das ist die Alternative. Der Mensch in seiner Gier nach Mehr ist das Problem, das in der Wirtschaftstheorie mit dem Begriff Utiliarismus positiv umschrieben wird. Nicht Gerechtigkeit oder Verbesserung der Lebensmöglichkeiten o.ä. ist Leitmotiv des Handels, sondern durch das Bündel von Egoismus, Sympathie und einer Art „intuitiver Neigung zum Guten“ käme letztlich für alle etwas Gutes heraus. (Wirtsch.ethik I, S. 162f)
Die Kritiker verweisen immer wieder auf Beispiele:
In der Schweiz fusionierten die beiden Großchemiekonzerne. Beiden Konzernen ging es von den Ergebnissen her prächtig. Betriebswirtschaftlich gesehen bestand keinerlei Notwendigkeit. Der Zusammenschluss erfolgte nur, um durch Abbau von Doppelstrukturen (und Freisetzen von Arbeitskräften) noch ein Stück besser zu werden. Die Börse reagierte mit Kurssprüngen nach oben.
Welche Alternativen sind denkbar?
Das „Chancen-Projekt“ begibt sich in die Strukturen der Wirtschaft und versucht von innen her Alternativen. Die Verfassen machen den gut nachzuvollziehenden Unterschied zwischen „Wohlstand“ und „Wohlergehen“ als Ziel der Globalisierung.
Der Wohlstand der OECD-Länder wäre global gesehen tödlich.
Aber Wohlergehen lässt sich auch mit geringen Mitteln erreichen.
Auf der Expo wurde die Diskussion um die basic-needs in Zusammenarbeit mit Brot für die Welt neu angestoßen, hat aber in unserer Gesellschaft noch keinen Wiederhall gefunden. Wer repräsentiert denn schon einen neuen, christlichen Lebensstil, wenn er Sprit schluckende Autos fährt, Flugreisen macht, teure Hobbys finanziert, in großen Häusern wohnt usw.?
Die Mahnung von UN-Generalsekretär Kofi Annan bleibt: „...nicht das Ziel aus dem Blick zu verlieren, dass von einer neuen Weltwirtschaft alle profitieren müssen.“
Auf alle Fälle muss der Wert der Arbeit wieder aufgewertet werden!

Die Kritik wird vom Vertreter des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln, Winfried Fuest, zurückgewiesen (epd S. 10). Argumente:
- Die Chancen der Globalisierung sind größer als die Risiken.
- Weltweit ist die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung zwischen 1973 und 1995 gestiegen. Es wurden rund 110 Millionen neue Arbeitsplätze in den OECD-Ländern geschaffen werden. Das Niveau der Realeinkommen hat sich erhöht.
- Sinkende Sozialstandards infolge der Globalisierung sind empirisch nicht nachweisbar.
Für Deutschland gibt es keine Belege, dass die Globalisierung zu einer ZweiDrittel-Gesellschaft führt und hier die Reichen reicher und die Armen immer ärmer werden. Durch die Globalisierung sind die „Sünden der Sozialpolitik“ (sic!) bei uns sichtbar geworden. Denn die bisherige Sozialpolitik wäre auch anders gescheitert.
„Nicht die Globalisierung ist die Schuldige für die steigende Arbeitslosigkeit, sondern vielmehr die Fehler und Versäumnisse in der nationalen Wirtschaftspolitik. Die Globalisierung legt die aufgestauten Defizite allerdings schonungslos offen - und fördert damit die Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen.“ (S. 14)

Der Ökumenische Rat der Kirchen kritisiert schon seit vielen Jahrzehnten das Wirtschaftsgebaren. Ausgangspunkt ist der befreiungstheologische Slogan der „Option für die Armen“.
In dem Dossier vom März 2000 „There are alternatives to Globalisation“ richtet der ÖRK verschiedene Briefe an die Mitverantwortlichen in der Welt, an die Kirchen im Norden, an die WTO, an den IMF, und an die transnationalen Firmen.
Bewusst greift der ÖRK die reformierte Tradition auf, nach der die Verantwortung für die Wirtschaft Teil des menschlichen Zusammenlebens ist.
Als Sprachrohr der Menschen im Süden führt der ÖRK aus, dass das wirtschaftliche System nicht tolerabel sei, weil der Süden systematisch von der Menschheitsgemeinschaft ausgeschlossen würde, weil die Menschen dort unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen leiden und nicht einmal die basic needs zur Verfügung haben.
Die bekannten, berechtigten Vorwürfe werden aufgezählt: Wachsende Armut, steigende Ungleichheit in der Einkommensverteilung, Gleichgültigkeit gegenüber der Billig-Arbeit, zunehmende Armut unter Frauen, zunehmende Kinderarbeit und Straßenkinder, ökologische Zerstörungen, die die Gesundheit betreffen und den Lebensunterhalt der Armen auf dem Lande. Speziell die Asienkrise und das Versagen den IWF werden genannt.
Genauso wird aber auch die neue Armut in den Ländern des Nordens benannt.
In prophetischer Weise wird die Situation angeprangert:
„It is time for all of us to make a choice: God or mammon, the one true God or the idoltry of wealth.“ (S. 23)
Konkrete Akte der Solidarität werden eingeklagt.
Der Brief schließt mit dem Aufruf „We call on you to join us in confessing that the economy ist a matter of faith.“
Es ist gut und notwendig, dass der ÖRK seine warnende Stimme erhebt und die Mitgliedskirchen ermahnt.
Aber die Mahnungen sind typisch kirchisch im prophetischen-protestantischen Stil des Elia: Gott oder Baal. Gott oder Götzendienst am Geld.

Interessanter wären Vorschläge, wie denn das System reformiert werden muss, dass es allen Menschen dient. Mir scheint, dass die Katholiken um einiges Realität näher sind, sich in die Strukturen hineinbegeben und in ihrer Studie diskutable Vorschläge zur Änderung machen.
Und fehlt nicht auch in dem Dossier ein Brief an die Länder des Südens?

Einer der schärfsten Kritiker an den kapitalistischen Wirtschaftsmethoden und speziell auch an der Globalisierung ist seit vielen Jahren Ulrich Duchrow. (Vergleiche auch http://www.refpresse.ch/agentur/meldungen/124.htm#top)
Im Internet fand ich einen Aufsatz von ihm mit dem Titel „Alternativen zu den Verschuldungs- und Verarmungsmechanismen der kapitalistischen Weltwirtschaft als Glaubensfrage - der Durchbruch von Harare“. Duchrow nimmt die reformierte Tradition auf, die 1997 einen Synodenbeschluss gefasst hatte, nach der die gegenwärtigen wirtschaftlichen Strukturen eine Bekenntnisfrage seien. Duchrow macht nun auf einen Fortschritt der 8. Vollversammlung des ÖRK in Harare 1998 aufmerksam. Nach den Beschlüssen der Vollversammlung geht es bei den anstehenden wirtschaftlichen Fragen nicht mehr um beliebige, bessere oder schlechtere Wirtschaftssysteme, sondern eben um Glaubensfragen. Kirchesein entscheidet sich an der Beantwortung der anstehenden Fragen. (Diese Sicht steht auch hinter dem Dossier des ÖRK, das die Reformierte Kirche maßgeblich mitgestaltet hat.)

Ausgangspunkt für die alternativen Gestaltungen der Wirtschaft ist das Nachdenken über das biblische Sabbat- und Jobeljahr, die als Vision heute noch ebenso gültig seien wie damals. (Seit wann sind Visionen gültig?? Gebote sind gültig. Die Gebote, die dem jüdischen Volk gegeben sind, werden unmittelbar auf heutige Verhältnisse übertragen, ein unerträgliche Methode!)
„Wer dem biblischen Gott folgen will, muss Gott als den Eigentümer des Landes annehmen.“, so Duchrow in seiner alttestamentlichen Exegese.
Dann schlägt Duchrow die Brücken zum Neuen Testament:
„Jesus fordert nicht nur die klare Entscheidung zwischen Gott und Mammon, sondern greift in direkter gewaltfreier Aktion das mit Rom kollaborierende Wirtschaftszentrum in Judäa, den Tempel, an und ruft zum Boykott der Währung des römischen Besatzungsmacht auf (vgl. Mark 11,15ff. und 12,13ff.).“

Aus allem folgt die Notwendigkeit einer „Überprüfung des Umgangs der Kirchen mit Land, Arbeitskräften, Arbeitslosigkeit und Kapital, zum Beispiel im Hinblick auf die ethisch vertretbare Geldanlage von Pensionsfonds und anderer finanzieller Mittel, die Nutzung von landwirtschaftlichen Nutzflächen usw.“
Duchrow weiß natürlich auch, dass die heutige Situation mit der damaligen nicht direkt vergleichbar ist. Was ist der Unterschied?
1. Die nicht biblisch begründete Absolutheit des privaten Eigentums und darauf aufbauender Zins- und Geldwirtschaft.
2. Der Ersatz der Sklavenarbeit durch Lohnarbeit im 19. Jahrhundert.
3. Mit Hilfe dieser Lohnarbeit wurde die kapitalistische Produktionsweiseentwickelt, in der neben der Übernahme der Zirkulations- und Wertaufbewahrungsfunktionen des Geldes dessen Akkumulationfunktion erweitert. Eine Wachstumswirtschaft war die Folge.

Duchrow warnt vor einer direkten Übernahme des Zinsverbotes als Mittel gegen die Verschuldungs- und Verarmungsmechanismen.
Aber es stellt sich die Frage, ob Kirchen „ihr anzulegendes Geld unter den heutigen Bedingungen einfach in den normalen Geldkreislauf der Geschäftsbanken geben dürfen, wenn sie nach biblischen Kriterien und damit theologisch begründet und glaubwürdig leben wollen. Was in biblischen Zeiten das Zinsverbot war, muss heute analogerweise eine Orientierung des Zinses am real erwirtschafteten Gewinn sein.“
„Bei aller Komplexität der Zinsfrage folgt daraus für biblisch orientierte Kirchen: Abzug ihrer Anlagegelder aus den großen Geschäftsbanken entweder in lokale Kreditgenossenschaften oder alternative Banken, die sowohl ein sozial- und ökologisch orientiertes Investitionsziel wie auch eine am Wirtschaftsergebnis orientierte Zinshöhe garantieren.“

Dass Kirchen bei Kirchenbanken ihr Geld anlegen, um die erwirtschafteten Gewinne wieder sozialgerecht einsetzen zu können, ist seit Jahrzehnten vernünftig, auch ohne Globalisierung.
Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass Duchrow seine „Zeichenforderung“ als zu gewichtig ansieht. Kirchen dürfen ihr Geld gar nicht selber in Aktien und Beteiligungen anlegen, sondern nur als festverzinsliche Papiere. Ethische Anlagen sind in aber Beteiligungen an Firmen, so gut sie auch sein mögen. (Bitte nicht vergessen, dass auch dort alle immer Sünder und Heilige zugleich sind!)
Leider ist das Netz der Kirchenbanken sehr dünn und für den täglichen Geschäftsverkehr nicht geeignet.
Wie die Raiffeisen- und Kreissparkassen ihrerseits die Gelder verwenden, ist nur eine mittelbare Mitverantwortung der Kirche. Nähere Nachforschungen wären notwendig. Ist es nicht genauso wie bei uns Steuerzahlern, dass wir mit unserem Geld das Staatsganze mitfinanzieren, ob es uns ethisch gefällt oder nicht?

Man kann mit gleichem Recht sagen, die Geldanlagen der Kirchen bei den Ortsbanken werden dazu verwendet, um als Kredite für die örtlichen Häuslebauer zurückzufließen. Die gesamte Einlagehöhe unserer großen Kirchengemeinde entspricht gerade dem Volumen von 3 Krediten für Häuslebauer.
Das Volumen der Kirchen ist im Vergleich äußerst gering! So gering, dass man sich lächerlich machen würde, damit hausieren zu gehen.
Außerdem sollte man an der Kirche als Institution keine anderen Maßstäbe anlegen, als man privat sein Geld anlegt, so man welches hat.

Mir ist die Kritik-Strategie Duchrows und des ÖRK sehr zweifelhaft, weil es wieder bloß um Appelle geht. Oder sollen die Äußerungen nur als Sand im Getriebe der Welt statt Salz der Erde verstanden werden?
Sogar den Ökonomen sind die gegenwärtig unsicheren Zustände und ständigen Wirtschaftskrise nicht geheuer.
Man sucht auch überall in den Vorstandsetagen nach neuen Lösungen.

Selbst George Soros, einer der erfolgreichsten Spekulanten, fordert in seinem Buch „Die Krise des globalen Kapitalismus“ veränderte Strukturen.
Der gegenwärtige Stand sei unhaltbar, weil die Finanzmärkte instabil sind. Bestimmte gesellschaftliche Bedürfnis lassen sich nicht befriedigen, indem man den Marktkräften freies Spiel gewährt. Das Problem komme daher, so Soros, weil die Ökonomen die Gesetze der Physik auf die des Marktes übertragen. Die Preisbildung erfolge auf den Finanzmärkten eben nicht nach denen von Angebot und Nachfrage, sondern hier richte sich der Preis nach den Zukunftserwartungen und psychologischen Faktoren. Nicht Wissen und Information wie bei Gütern liegen den Transaktionen zugrunde, sondern Vorurteile der Marktteilnehmer.
Soros beobachtete ein sich immer wiederholendes Muster: Das Kapital sammelt sich in den globalen Zentren des Geldsystems. Dann wird es wieder mit aufgeblasenen und unrealistischen Zukunftshoffnungen in die Peripherie gepumpt, um dann nach dem Zerplatzen der Seifenblasen in das Zentrum zurückzukehren. Soros vergleicht das gegenwärtige internationale Finanzsystem in seinen Auswirkungen auf ganze Volkswirtschaften mit einer Abrissbirne, die ein Gebäude nach dem anderen in Trümmer legt. (aus Der Globalisierungsschock, Mündener Gespräche)
„Es lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob es besser werden kann, wenn es anders wird; aber es ist sicher, dass es anders werden muss, wenn es gut werden soll.“
(Georg Christoph Lichtenberg von 2000 Jahren zur Globalisierung des Geldes, zit. in Globalisierungsschock, Mündener Gespräche)

Auf andere Kehrseiten des Globalisierungsprozesses wird nur wenig aufmerksam gemacht:
- Dass sich Fremdenhass einnistet,
- Dass das Bestreben nach Separatismus und die Abschottung vom Weltmarkt stärker wird.
- Dass Bürgerkriege aufgrund wirtschaftlicher Ungerechtigkeiten in manchen Regionen ausbrechen. „Krieg ist immer noch das wahrscheinlichste Ventil, wenn soziale Konflikte unerträglich werden.“ (HP Martin, S. 22)

4.2 Unberechtigte Kritik?
Ein Problem ist, dass es oft auch eine unberechtigte Kritik an der Globalisierung gibt.
Gerade in kirchlichen Kreisen bemüht man sich selten um qualifizierte Differenzierungen.
Abgrundtiefe Probleme der Armut und ungerechten Landverteilung sind keine Themen, die durch die Globalisierung aufgeworfen wurden.
Manches Mal wird versucht, die selbst verursachten Probleme auf den großen Buhmann der Globalisierung abzuschieben. Das ist einfach und bequem. Die anderen müssen sich ändern, wir nicht. Oder man benennt Probleme, die ohne die gegenwärtige Wirtschaftspolitik auch schon da waren.

Ich selber sehe die Situation in Afrika zunächst einmal so. Afrika ist -pauschal gesehen- praktisch von der Globalisierung abgekoppelt. Es fließen dorthin kaum Investitionen. In einigen Ländern gibt es nennenswerte Rohstoffe, das ist alles.
Das Problem scheint mir, dass die Afrikaner ihre eigenen Hausaufgaben nicht machen.
In dem Dossier des ÖRK (März 2000) wird eben diese Abkoppelung von den Investitionen beklagt. Ein Brief an die Afrikaner fehlt! Protestieren reicht nicht aus!
„Weltmarkteinbindung und Exportorientierung sind keine Einbahnstraßen für dauerhafte ökonomische Erfolge, sondern setzen unverminderte Eigenanstrengungen und Anpassungsbereitschaft voraus.“ (Globale Trends 2000, Frankfurt 1999, S. 214)
Wenn die äußeren Rahmenbedingungen (Politik, Gesetze, Rassismus, Tribalisierung, Mentalität, usw.) in vielen afrikanischen Ländern stimmen würden, würde sich dort auch Kapital finden, dass die Lebensverhältnisse bessert.

Joschka Fischer hat die Zusammenhänge auf einen Nenner gebracht:
“Je geringer die Wertschöpfung einer Arbeit und einer Investition in der Ersten Welt, desto mehr werden die neuen globalen Marktbedingungen deren Preis und Rendite abwerten.” (Für einen neuen Gesellschaftsvertrag, S. 119, München, 2000)
Weil die Wertschöpfung der Arbeit in Afrika so gering ist, zieht es auch keine Investitionen an. Ein Kreislauf, der sehr schnell nach unten führt!

Allerdings gibt es gewichtige Stimmen, die zur Umsicht mahnen. Ruth Bamela Engo-Tjega (in Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt S. 208) entgegnet mit dem Eigenverständnis der Afrikaner, das aber eben nicht zur westlichen Theoriebildung passt:
„Das kulturell spezifische afrikanische Verständnis von Arbeit ist nicht vertraut mit der Ego- und Ellenbogengesellschaft des Westens.“
In der Landwirtschaft sind rund 2/3 der afrikanischen Erwerbsbevölkerung tätig. Die Last der Arbeit liegt auf den Schultern der Frauen. In Afrika muss „die traditionelle Struktur der Familie und deren geradezu symbiotische Beziehung aufrechterhalten werden.“ (S. 222)

Hoffnungsvolle Ansätze werden in der Förderung von genossenschaftlich organisierten Kleinstunternehmen gesehen. Es gibt weltweite Initiativen, wie z.B. die Grameen Bank, die Kleinstkredite (z.B. 200 DM) an die „kreditunwürdigen“ Armen für Eigeninitiativen vergibt. Die Erfolge sind erstaunlich gut, auch wenn die Summen in der Statistik der Globalisierung verschwinden. 1998 wurden 4 Milliarden DM an 2,3 Millionen Menschen in 36.000 Dörfern von der Grameen Bank vergeben. (Corina Angrick u.a., Chancen, S. 59) Offensichtlich „hilft“ diese Hoffnungs-Methode vor Ort mehr als Großinvestitionen des Nordens. Nur, wenn das ein passabler Weg für Afrika ist, warum bejammert der ÖRK dann die Abkoppelung?

Die Studie der katholischen Kirche „Die vielen Gesichter der Globalisierung“ ist auf diesem Hintergrund wirklich trickreich und vorbildlich. Sie setzt sich mit der Globalisierung auseinander und beschreibt die normalen neoklassischen Grundsätze im einzelnen im Rahmen der ordnungspolitischen Vorgaben des Staates. Sie sagt aber damit auch indirekt, dass die Afrikaner z.B. erst solche offenen demokratischen und wirtschaftlichen Strukturen bei sich selber einführen müssen. Das wahnsinnig bremsende Stammesdenken muss überwunden werden. Die Staaten müssen ihre eigenen Interessen erkennen und sich zu Wirtschaftsgemeinschaften zusammenschließen. Rechtssicherheit muss geschaffen werden. In instabile Regionen der Welt gibt keiner sein Geld. Die Geschichte muss sicherlich mitbedacht werden. Natürlich muss das Gehabe und die Ausbeutung durch transnationale Konzerne extra thematisiert werden. Die Notwendigkeit eine großzügigen Entschuldung ist unbestritten. Aber das alles reicht lange nicht aus!
Soll die Kritik der Afrikaner an der Globalisierung aber ernst genommen werden, dann wirkt diese Kritik wie ein Bumerang, der auf sie zurückfällt.

Wäre das nicht eine Aufgabe der hiesigen Kirchen, diese Dimensionen den Afrikanern aufzuzeigen, mit der nötigen Sensibilität, ohne Besserwisserei? Eine gewaltige Herausforderung!
Ganz ähnlich könnte man auch der Kritik der asiatischen Kirchen begegnen. Sie sitzen mit ihren Regierungen und Volk in einem Boot. Sie haben auch davon gelebt, dass der Staat und die Gesellschaft mit angefaulten Krediten gearbeitet haben, dass der Staat ähnlich wie Japan mit Währungsmanipulationen zeitweise gut gefahren ist. Bis es schließlich nicht mehr so weiterging. Hatten die dortigen Kirchen ihre Wächteramt gegenüber dem Staat und der aufstrebenden Globalisierung auch in guten Zeiten wahr genommen?? Haben sie nicht vor der Krise Gott gedankt, dass es allen besser geht, dass die Kircheneinnahmen besser wurden u.ä.??


4.3 Moralische Kritik
Warum hat man eigentlich bei dem Wort ‘Zockerei’ so große moralische Bedenken? Vielleicht weil jemand damit schnell und ohne wirkliche Arbeit reich werden könnte? Ein unfaire Art, reich zu werden? Die Zockerei liegt in der Natur des Menschen und gehört zur Börse wie der Reifen zum Auto.“
So äußert sich der Börsianer Markus Koch in der Serie zur Globalisierung von „Sonntag aktuell“ (am 11. Juni 2000).
Was soll schon dabei sein, mal hierhin und mal dahin Aktienpapiere zu verschieben. Das Gesicht der Menschen, die in den Betrieben und Volkswirtschaften leben, sieht man nicht. Man trägt die sprichwörtliche weiße Weste.

Diese Einstellung ist für Theologen wie das rote Tuch für einen Stier. Überhaupt ist das ganze Wirtschafts- und Börsengeschehen voller Reizworte.
(Beispiele: Die unsichtbare Hand, der Eigennutz fördert den Gemeinnutz, das Marktgeschehen als eine Art Naturgesetz in das man sicht nicht einmischen darf usw.)
„Gott oder Mammon“, in keiner theologischen Wirtschaftsethik werden diese Worte nicht zitiert, sondern als der Erkenntnisbeitrag angesehen, den die Kirche gegenüber der Wirtschaft und der Börse beizutragen hat.
Die Verteilung der Bösewichter steht von vornherein fest. Der Mammon findet sich nach seiner hebräischen Wurzel „das, worauf ich vertraue“ bei den anderen. Das Jesuswort ist so bequem!

Freilich, den Börsianern und Volkswirtschaftlern muss man schon auf die Füße treten - wie anderen Zeitgenossen auch. Jeder trägt seinen Teil an besonderer Verantwortung, solange noch keine Mechanismen zum Missbrauch eingebaut sind.

Der Oberzocker Kostolany (in Der große Kostolany, München, 2000) antwortete auf die Frage „Gibt es für einen Spekulanten nur einen Gott: das Geld? ist dies die Maxime seines Handels?“
„Gewiss nicht. Es gibt Genies in der Kunst oder in der Literatur, die leidenschaftliche Spekulanten waren... Für mich ist das Geld bestimmt nicht der Gott. Die Spekulation ist wie - für viele andere - ein intellektueller Sport, für die, denen es eine größere Freude bedeutet, Recht zu erhalten, als das Geld selber. ... Der Sieg steht an erster Stelle... „

Moral ist mit Spekulation vereinbar. „Es gab keinen wirtschaftlichen Fortschritt, der nicht immer eine Folge der Spekulation gewesen wäre.“ (S. 103f)
Man kann diese Äußerungen natürlich als die eines „Unbelehrbaren“ abtun. Der richtige Weg ist der Weg der Politik, die den Rahmen setzt, damit die Menschen, die in Unternehmen arbeiten, nicht wie Sklaven gekauft oder verkauft werden.

Moralische Feststellungen:
- Der globale Markt ist kein wert- und rechtsfreier Raum.
- Der globale Markt ist von den Werten der Solidarität und Gerechtigkeit nicht ausgenommen.
- Die Kosten des Marktes dürfen nicht bloß sozialisiert, die Gewinne nicht bloß privatisiert werden.
- Es ist auf keinen Fall akzeptabel, wenn aufgrund von möglichen Kapitalentzug ganze Volkswirtschaften kippen können.
- Es gibt keinen grundsätzlichen Respekt vor Sätzen wie „Der Markt verlangt“.
Unser grundsätzlicher Respekt gilt allein dem Gott, dem wir unser Menschsein verdanken.

Ich möchte noch einmal auf Luther und seine Schriften über den Wucher (altes Wort für Zins, später Bedeutungswandel) zurückkommen.
Es ist ja nicht zufällig, dass in diesem Zusammenhang immer wieder auf die Sünde der Habgier aufmerksam gemacht wird. Heute würde man Profitsucht sagen.
Eine alte Erfahrung ist, dass man mit seiner Hände Arbeit selten reich wird. Wenn man reich werden will, muss man mit Glück im Handel einsteigen.
In seiner Schrift Von Kauffshandlung und Wucher von 1524 (WA 15, 293-313) führt Luther laut An-Klage gegen die Sünder der Habsucht als der Wurzel allen Übels.
Er kritisiert die Wirtschaftsregel der Gewinnmaximierung.
Die Kaufleute „sagen: Ich kann meine Ware so teuer verkaufen, wie ich es vermag.“
Heute würde man aufgrund der Nachfrage-Angebotskurve diesen Punkt die Gewinnmaximierung nennen. Der Preis wird von Angebot und Nachfrage bestimmt.

Luther stellt demgegenüber einen individualethischen Preis, der sich aus den größen Selbstkosten, Aufwand in Höhe eines Tagelöhnereinkommens (!) und eines Risikozuschlages zusammensetzt.
Der Einkommensvergleich mit einem Tagelöhner ist sicherlich ein Schlag ins Gesicht der Kaufleute, die doch ganz anders „betucht“ waren.

Unter heutigen marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten würde so ein Kaufmann vermutlich untergehen. Seine Ware wäre schnell verkauft. Für Investitionen wäre kein Geld vorhanden.
Doch der Stachel Luthers bleibt: Habgier als Triebfeder ist stets in Frage zu stellen. Für Spekulationen bleibt kein Raum. Man könnte höchstens individualethisch fordern, dass die Überschüsse für andere abzuführen wären.

Interessant ist aber, dass die Herrnhuter unter Zinzendorf und die Quäker nach ihrer Auswanderung nach Amerika nach ähnlichen Prinzipien, wie Luther sie genannt hat, eine Zeitlang gelebt haben. Allerdings habe ich darüber keine weitere Literatur gefunden.

Auch Küng zählt die Habgier zu den Weltuntugenden. (Projekt Weltethos)
An machen Stellen des Neuen Testaments finden wir, wie Jesus über das Geld und Eigentum gedacht hat.
Ich finde den dämonisierenden Satz „Gott oder Mammon“ lange nicht so spannend wie den Satz, der hinterher folgt, und mit dem die Ausleger und Gemeindeglieder unendliche Schwierigkeiten haben: „Macht euch Freunde mit dem unrechten Mammon!“
Wie läßt sich das Wort Jesu positiv verstehen?

Ich sehe IHN, wie er vor seinen Mitmenschen steht und sie lehrt:

Wozu ist das Geld da? Es hat doch keinen Eigenwert. Es ist dazu da, dass man es wieder ausgibt, um Feste zu feiern zur Gemeinschaft mit denen von den Hecken und Zäunen.
Das Geld ist zum Ausgeben da, nicht zum horten und reich werden wollen.
Das Geld ist da zum Kauf von Oikokredit-Anteilen da.
Das Geld ist da zum Kauf von Transfair-Waren.
Das Geld ist da zum Beschenken und Teilen im Anschluss an die alte Almosenkultur.
Macht euch Freunde mit dem Geld innerhalb der Globalisierung, indem ihr gerne 40 Cent mehr für ein Paar Turnschuhe zahlt und in der 3. Welt gerechtere Löhne und Sozialstandards zahlt.
Macht euch Freunde mit dem Geld, indem ihr das Leben unterstützt, nicht zum Kauf von Waffen. usw.

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Stand 22.07.2005  

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