Herausforderungen


Home
Nach oben
Persönliches
Kirchengemeinde
Sitemap - Uebersicht
Fachliches

5. Herausforderungen für die Kirchen

5.1 Unterstützung der Politik


5.2 Projekt Weltethos

5.3 Wie in der Landeskirche die Herausforderungen angenommen werden

5.4 Zusammenschlüsse der Landeskirchen?

5.5 Global denken - lokal handeln

5.6 Leben auf Kosten der Dritten Welt?

5.7 Perspektiven einer menschengerechten Weltordnung
 

 

  5. Herausforderungen
5.1 Unterstützung der Politik

Am Freitag, dem 30. Juni, besuchte der englische Premierminister Tony Blair die Tübinger Universität. Hans Küng hatte ihn im Rahmen des Weltethos-Projektes eingeladen. Blair referierte über den atemberaubenden globalen Wandel, geißelte die Auswüchse wie Kriminalität und Umweltzerstörung, mündete dann aber in einen optimistischen Ausblick, der von den Chancen der Globalisierung sprach.
„Im 21. Jahrhundert gibt es zur Anpassung und Modernisierung keine Alternative“, betonte Blair. „Wir müssen endlich erkennen, dass wir den technologischen Wandel nicht aufhalten können:“ Und dann folgten die ethischen Werte. „Wir müssen aus den Werten herauslesen, wie wir den Wandel zu bewältigen haben.“ „In der globalisierten Welt ist der Glaube der Bundesgenosse der Vernunft.“ Die „Religionen können uns helfen, Gemeinschaften aufzubauen, Werte-Gemeinschaften, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden und die Würde der menschlichen Person.“
(Alle Zitate aus Reutlinger Generalanzeiger vom 1. 7.2000 S. 3 und Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 7.7.2000 S. 26)
Wer wollte Blair hier widersprechen? Diese Allgemeinplätze sind pflegen Politiker unter die Leute zu streuen. Für die Opfer der Globalisierung bleiben nur ärgerliche Ratschläge übrig. Von den Arbeitslosen, die ja in der Regel Opfer der strukturellen Arbeitslosigkeit geworden sind, von ihnen forderte Blair im gleichen Atemzug, dass sie aktiv an ihrer Situation mitarbeiten, um ihre soziale Lage zu verbessern. Dazu gehört eben auch, dass ein Arbeitsloser eine angebotene Stelle annehmen müsse. Natürlich.

Aber notwendige Umsetzung für eine Verbesserung der Lage der Arbeitslosen durch entsprechende Rahmenbedingungen, dem Stopp der Umverteilung des Eigentums, der Zinsbesteuerung, dem Übel des Spekulantentums - kein Wort.
Trotzdem sollte man den guten Willen Blairs ganz positiv aufgreifen. Offensichtlich fühlt er sich dem Weltethos-Projekt verpflichtet.
Die Herausforderung besteht nun darin, Blair beim Wort zu nehmen, die ethischen Werte einzufordern, vor allem auch auf die Negativseiten der Globalisierung immer wieder hinzuweisen. Immerhin darf der englischen Regierung zugute gehalten werden, dass sie sich vor wenigen Jahren als erste europäische Regierung dem Thema des Schuldenerlass gestellt hat und dieses Projekt unterstützt.
„Politik braucht eine ethische Grundlage“, so lautete die Überschrift im Reutlinger General Anzeiger. Die Zurückgewinnung des Primats der Politik wird überall eingefordert.
Doch wie sieht die ethische Grundlage aus?
Darüber hat der Gesprächspartner Blairs, Hans Küng, ausführlich Rechenschaft abgelegt.


5.2 Projekt Weltethos
In seinem Buch Projekt Weltethos beschäftigt sich Hans Küng mit den Rahmenbedingungen für eine gelingende Globalisierung. „Globalisierung braucht einen globalen Ethos.“
Ähnlich wie Samuel Huntington gesteht er der Religion eine entscheidende Schlüsselfunktion zu. Allerdings wird es keinen unausweichlichen globalen Zusammenprall der Kulturen und Religionen geben. Die vorwärtstreibende Vision ist der mit allen Kräften anzustrebende globale Friede zwischen den Religionen.
Seine Programmsätze sind:
Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.
Keine Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenarbeit in den Religionen.
Die Goldene Regel, die allem zugrunde liegt, formuliert Küng so:
„Jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, ethnischer Herkunft, sozialen Status, Sprache, Altern, Nationalität oder Religion, soll wahrhaft menschlich behandelt werden.
Jeder Mensch soll anderen gegenüber im Geist der Solidarität handeln. Auf jeden und alle, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen soll die uralte Weisung so vieler ethischer und religiöser Traditionen angewendet werden: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ (in Glaube und Globalität S. 130)

Ein Appell soll in vier Selbstverpflichtungen münden:
1. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor dem Leben
2. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
3. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
4. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.

Küng hat einen weltweiten Denkprozess in Gang gesetzt. Er findet in höchsten staatlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Stellen Gehör.
Die Erklärung zum Weltethos des Parlaments der Weltreligionen von 1995 in Chicago/USA ist sehr emphatisch und wird sicherlich von vielen Menschen guten Willens geteilt. Das dritte Parlament der Weltreligionen fand 1999 in Kapstadt statt.
Es ist mir aber nicht bekannt, ob seine Thesen schon in Rahmenordnungen für den Globalisierungsprozess eingedrungen sind.
M.E. reicht eben der gute Wille von Einzelnen nicht aus. Auch die Strukturen müssen - von Regierungen und Parlamenten beschlossen - entsprechend geformt sein, dass böser oder egoistischer Wille ausgebremst wird.
Denn wer könnte, z.B. an der Börse widerstehen, wenn er im Handumdrehen hunderte von Millionen Dollar erzocken kann, ohne sich zu besinnen, was das im Einzelnen für die Volkswirtschaften bedeutet.

Deswegen kann ich gut die Kritik katholischen Inders Michael Amaladoss an Küngs Projekt verstehen, wenn er feststellt, dass der Konflikt von Gruppen dem guten Willen des Einzelnen im praktischen Zusammenleben vorgeordnet ist. Konkreter gesagt: Scheinbar religiöse Konflikte haben wirtschaftliche und politische Ursachen. Und diese brauchen auch wirtschaftliche und politische und nicht religiöse Lösungen. (S. 145 Glaube und Globalität)
Ausgehend von dem Blickwinkel der Opfer sagt Amaladoss:


„Im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir ein Weltethos zur Unterstützung eines weltweiten Befreiungskampfes. Frieden mit Gerechtigkeit könnte das höchste Ziel sein. ...Was wir unmittelbar brauchen, ist ein Ethos für den Kampf, das in seinen Auswirkungen weltweit ist. Ein solches Ethos wird nicht so sehr von einer Vision ausgehen, die sich auf Rechte und Werte mit universalem Anspruch gründet, sondern von einer Praxis, die von Pflichten und Verantwortungen getragen ist, die in jeder besonderen Situation konkret benannt werden müssen, ohne dass dabei die globale Natur des unterdrückerischen und ausbeuterischen Systems aus den Augen verloren wird. Für die Armen und Unterdrückten der Welt bedarf es unmittelbar eines Weltethos für einen lokalen-weltweiten Kampf und nicht für den Weltfrieden.“ (S. 146 Glaube und Globalisierung)


Amaladoss Kritik erinnert mich an verschiedene Karikaturen, wo sich dicke Weiße zurücklehnen und den dünnen armen Südländern sagen, was gerade Sache ist.
Er hat sicherlich recht, indem er in biblisch - prophetischer Tradition zunächst die Rehabilitation der Opfer einklagt, bevor man sich groß und breit über rechtes Verhalten und Denken auslässt.
In einer Ringvorlesung in Tübingen (10.7.2000 Weltpolitik und Weltethos) hat Küng ein Beispiel gebracht, wie eben doch Einzelpersonen riesigen Einfluss auf den Verlauf politischer Prozesse haben, je nach dem, welche persönliche Einstellung sie haben.

Als Negativbeispiel verwendete Küng den ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger. Kissinger betrieb nach eigener Einschätzung eine „realistische“, von keinen moralischen Vorgaben beeindruckte Politik und lehnte eine „idealistische“, an moralische Werte gebundene Politik dezidiert ab.
Küng selbst fordert einen Mittelweg, wo auch die moralische Verantwortung des Einzelnen ebenso wichtig ist wie die Thematisierung der Machtfragen und Folgenabschätzung des Handels. Das Weltethos muss eingebunden werden in eine Geflecht von zivilisatorischen Errungenschaften (Gewaltenteilung, bessere Ausstattung der UNO durch einen Wirtschafts- und Sozialrat, einer internationalen Finanzarchitektur usw.)
Küng kritisierte die Kirchen, die es in der Regel bei gesinnungsethischen Apellen belassen und sich bei der ethisch umsetzbaren Verantwortung drücken. Nach allem, was ich bisher gelesen und gehört habe, muss ich sagen, dass Küngs Kritik an den Kirchen zurecht erfolgt.

Selbst die an sich guten evangelischen EKD-Denkschriften geben sich kaum in die konkrete Niederungen der politisch-wirtschaftlichen Landschaften hinein. Die Kirchenmitglieder können ja konkret nicht mitleiden, weil sie entsprechende Armut und Einsamkeit nie am eigenen Leib erfahren haben.
Müsste nicht die Herausforderung für die Kirchen im reichen Norden gerade darin bestehen, dass sie sich an der Seite der Reichen begeben, auch sich dort inkarnieren und eben innerhalb der Systeme nach Alternativen suchen? Es ist soviel leichter, mit den Armen zu schreien, als an der Seite der Reichen und Wirtschaftstheoretiker nach Veränderungen zu suchen. Es ist viel leichter, wie die reformierten Kirchen in den entgleisenden Wirtschaftsfragen den status confessionis zu proklamieren, als die Last des Umdenkens und Alternativen Suchens und Beschimpft Werdens auf sich zu nehmen.

Küngs Konzept und die Aufschreie des Ökumenischen Rats der Kirchen stehen in einem gewissen Wettbewerb. Es ist nicht ausgemacht, welcher Weg der bessere ist.
Küngs Konzept ist in dieser Hinsicht recht katholisch. Schon immer versuchte die katholische Kirche den Kontakt zu den Mächtigen, um von den Verantwortungsträgern her die Völker zu missionieren.

Der ÖRK beschreitet das protestantische Konzept: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Das ist natürlich karikierend. Der ÖRK hat durchaus in seinen Schreiben an die WTO und den IWF Veränderungsvorschläge zur Änderung der Situation gemacht. Aber eben nur - typisch - als message, während Küng in durchaus attraktiver Weise die Mächtigen der Erde an seinen Tisch holt.

Die Herausforderung für unsere evangelische Kirche besteht in einem Methodenwechsel im Umgang mit den Problemen. Küngs Weltparlament mit seiner „Dialogstrategie“ ist durchaus eine attraktive NGO mit neuen Ideen. Während dem ÖRK immer etwas Zwanghaftes, Protesthaftes, Herbes anhaftet. Ich bin mir unsicher: Hat der ÖRK keine Direktkontakte zu gesinnungsverwandten Politikern? Oder gibt es keine? Haben die Armen nichts zu schaffen mit den Mächtigen, die eh demnächst vom Thorn gestürzt werden?


5.3 Wie in der Landeskirche die Herausforderungen angenommen werden
Mit Jürgen Quack, Kirchenrat im Evang. Oberkirchenrat in Stuttgart, habe ich mich darüber unterhalten, wie denn die Landeskirche die Herausforderungen, die durch die Globalisierung entstanden sind, annimmt. Zum Gespräch der Religionen berichtete Jürgen Quack, dass es auf dem Gebiet der Weltreligionen mehrere Initiativen gibt.
Das Parlament der Weltreligionen geht auf die Initiative von Hans Küng zurück. Zu dem Parlament, das meines Wissens bisher zweimal getagt hat, sind nur namhafte Personen der Zeitgeschichte eingeladen. Die Landeskirche ist davon nicht berührt.
Auch das WCRP ist eine Privatorganisation, das von Privatpersonen getragen wird und die Landeskirche nicht direkt tangiert, obwohl die Ziele an sich in Ordnung sind. Die interreligiösen Gottesdienste könnten von der Landeskirche auch gar nicht mitgetragen werden.

Stattdessen zeigt das Friedensgebet von Assisi Früchte. Der Vatikan hatte 1987 zu einem einmaligen Friedensgebet eingeladen. Daraus ist ein 4tägiges Seminar in San Egidio in Rom erwachsen, das jährlich stattfindet. Württembergische Teilnehmer unserer Landeskirche (z.B. OKR Künzlen, KR Wagner u.a.) nehmen regelmäßig teil. Im weiteren Sinn ist der Friede und die Religionen ein Dauerthema und Konfliktpunkte werden besprochen. Zum Abschluss veranstaltet jede Religion und Konfession ein Friedensgebet für sich und man trifft sich abschließend gemeinsam an einem Ort. Hier wird aber kein Gottesdienst gehalten, sondern durch eine Symbolgeste wird auf das Gemeinsame hingewiesen.
Wo die Globalisierung echte Früchte getragen hat, ist auf dem Gebiet des Umweltschutzes und der finanziellen Beteiligung an Oikokredit abzulesen.
Zugunsten des Klimaschutzes und des ökologischen Umdenkens wurde eine eigene Abteilung eingerichtet, die einen Bewusstseinswandel in den Gemeinden unterstützen soll. (z.B. Ökologie der kirchlichen Häuser, Solardächer u.a.)

Nach langem Zögern erwarb die Landeskirche auch Anteile an Oikokredit. Dadurch wurde eine Mitsprache bei dieser Organisation möglich. Damit die Dollarabhängigkeit der Partner in Übersee gemildert wird (zur Zeit ist der Dollar ja extrem stark), hat die württembergische Landeskirche eine Risikoabdeckung (100.000 DM) übernommen, damit die Produkte auch in Landeswährungen gehandelt werden können.
Wie die katholische Kirche durch ihre „Werke“ so ist auch die evangelische Kirche durch verschiedene Werke in die weltweiten Probleme der Globalisierung eingebunden.

Das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland, die Basler Mission, der Kirchliche Entwicklungsdienst, Brot für die Welt sollen stellvertretend für die weltweite Arbeit stehen.
Durch die Schnelligkeit der neuen Kommunikationsmedien wird die Kirchenleitung immer neue herausgefordert. Im Internet rufen Christen und Moslems z.B. die Weltöffentlichkeit auf, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Einige Mitarbeiter durchforsten das Internet immer wieder auf Neuigkeiten hin.
Jürgen Quack sagte dann, dass mit eben dieser Schnelligkeit auch die Landeskirche auf die Ereignisse reagieren sollte.
Dabei zeigt es sich, dass mehrere Landeskirchen und kirchlichen Werke in den gleichen Problemregionen vertreten sind. Das Beobachten und Sammeln von verlässlichen Daten findet an mehreren Stellen in Deutschland (und anderswo) statt. Dringend notwendig wäre eine „Lead Agency“, um kompetent und schnell im Namen aller deutschen Landeskirchen oder der EKD reagieren zu können. Eine Landeskirche bzw. ein kirchliches Werk könnte z.B. Indonesien, ein anderes Kamerun, ein drittes die Philippinen in Namen aller in kirchlichen Stellungnahmen vertreten. Hier ist noch manches Potential zu erschließen, weil das Vertrauen im Prinzip vorhanden ist.

Allerdings verwehren sich die Evangelikalen einer einheitlichen kirchlichen Stellungnahme, weil sie ja a priori z.B. dem Islam in abwehrender Haltung gegenüber stehen.
Solche gemeinsam geäußerten Stellungnahmen hätten auch gegenüber den transnationalen Firmen den Vorteil, dass die evangelische Kirche Deutschlands mit einer Stimme spricht, wenn es um die Verwehrung von Rechten in den Betrieben der Partnerländer geht.
Eine ganz besondere Sache sind die bilateralen Religions-Gespräche zwischen der EKD und dem Islam in Jordanien. In Amman gibt es eine Arbeitsgemeinschaft mit einem offiziell beauftragten Vertreter der jordanischen Regierung. Über den Stand der Gespräche ist mir aber nichts bekannt.
Außer dem Dialog mit dem Judentum ist der Dialog mit dem Islam die größte Herausforderung. Zwar gibt es in Großstädten Dialog-Arbeitskreise. Aber meistens fehlt es an greifbaren kompetenten moslemischen Gesprächspartnern, die über ihren Glauben und Leben Rechenschaft ablegen können.

Von unserer Gemeinde aus haben wir wiederholt die Moschee in Reutlingen-Pfullingen besucht. Der Muezzim der Moschee wohnt in direkter Nachbarschaft zu unserer Kirche in Eningen. Er ist ein sehr freundlicher Mensch, wie wir ihm auch freundlich begegnen. Aber ein Dialog im echten Sinn gibt es (noch) nicht. Hier müssten vor Ort noch einige Initiativen von kirchlicher Seite aus gestartet werden. Allein die Überwindung der Trägheit ist eine Herausforderung!

Der Dialog mit dem Judentum hat mit der Globalisierung nichts direkt zu tun. Aber durch die Globalisierung sind die Wege und Kontakte um einiges kürzer geworden. Im Denkendorfer Kreis werden rund ein Dutzend orthodoxe Bibel-Lehrer aus Israel zu christlich-jüdischen Bibelwochen in Württemberg eingeflogen. Die Welt ist um einiges kleiner geworden. Die Landeskirche finanziert eine halbe Stelle für den jüdisch-christlichen Dialog.

Vergleicht man die heutige Landeskirche mit der vor 100 Jahren, dann wird der Wandel und die globale Öffnung augenfällig.
Heute ist die Landeskirche Mitglied in weltweit operierenden christlichen Gremien vertreten. Sei es der Ökumenische Rat der Kirchen, der Lutherische Weltbund, die Verbindungen durch die Leuenberger Konkordie oder die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Alle bringen ihre Beschlüsse und Ideen in die Landeskirche ein. Eine dauerndes gegenseitiges Geben und Nehmen findet statt.
Manche Arbeitszweige sind europäisch ausgerichtet, wie die Jugendarbeit oder auch die Frauenarbeit. Früher wurde einzelne Missionare unterstützt, heute gibt es enge Kontakte zu den Partnerkirchen. Im Rahmen der Arbeit des Dienstes für Mission, Ökumene und Entwicklung tragen deutsche und ausländische Mitarbeiter ihre Kenntnisse und Erfahrungen in die Gemeinden.

Nicht zu vergessen sind auch die Themen, die im konziliaren Prozess entfaltet wurden, und die nun die großen Visionen und Perspektiven in die Gemeinden eintragen.
„Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ sind inzwischen zu Standardformulierungen des kirchlichen Engagements geworden.

Am Beispiel von Kamerun schilderte Jürgen Quack, wie der globale Austausch im Kleinen funktioniert.
In Kamerum wird der Regenwald im großen Stil abgeholzt. Früher haben sich die einheimischen Kirchen darüber nicht beklagt, denn für einige Mitarbeiter gab es dadurch Arbeit und Brot. In ihren Augen war der riesige Regenwald im wahrsten Sinn des Wortes nutzlos. Erst durch die westlichen Kirchen sind die Kirchen in Kamerun auf die ökologischen Zusammenhänge aufmerksam geworden. In diesem Lernprozess sind die Kirchen in Kamerum selbst tätig geworden. Wenn dort durch transnationale Konzerne Übergriffe passieren, können wir jetzt die Stimme Kameruns verstärken und hier weitergeben.

Das ist die Herausforderung durch die Globalisierung:
- Wir hören auf unsere Partnerkirchen.
- Wir geben ihre Stimmen in unserem Kontext weiter.
- Wir tragen ein Stück Mitverantwortung.
- Wir lernen mit ihnen, in der Einen Welt zu leben.

Afrika hat im Globalisierungsprozess ganz schlechte Karten. Der Kontinent wird für unsere Zwecke nicht gebraucht, weder als Rohstofflieferant noch als Absatzmarkt. Die politischen Strukturen sind noch viel zu instabil. Die Regierungen denken aus unserer Perspektive zu sehr in Stammeskategorien. Afrika müsste selbst erst einen gemeinsamen Markt bilden, bevor es am großen Markt teilnehmen könnte.


5.4 Zusammenschlüsse der Landeskirchen?
Wettbewerb sowie Konzentration sind wesentliche Schlagworte von marktwirtschaftlichem Denken. Haben diese Denkmuster auch in der Evangelischen Kirchenstruktur ihren Platz? Schließen sich in Deutschland auch Landeskirchen zusammen, um den Wettbewerb besser durchstehen zu können? Der religiöse Bedarf ist da. In jeder größeren Buchhandlung borden die Regale mit Büchern der Esoterik-Szene über, während das Regal mit Büchern zur Religion oft ein Schattendasein führt. Eine schlagkräftige Außenwirkung wäre schon manchmal wünschenswert.

Ein Zusammenschluss der Landeskirchen, wie ihn die transnationalen Konzerne vollziehen, ist aber zur Zeit außerhalb jeder denkbaren Option.
Zum einen besteht in den Kirchen im Westen Deutschlands keine Not-Wendigkeit. Im Osten Deutschlands sieht es anders aus.

Zum andern sind die landeskirchlichen Unterschiede nach Meinung der Kirchenleitungen angeblich zu groß.
Aufgrund des landeskirchlichen Monopols für evangelisches Christsein ist ein Wettbewerb von vornherein ausgeschlossen. Selbst die Vereinbarungen für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ACK ließe sich als Schutz vor Wettbewerb verstehen.
Aus dem Blickwinkel des Normalbürgers ist es unverständlich, warum z.B. in Baden-Württemberg zwei Landeskirchen bestehen. Für sie ist die Doppelstruktur in einem Bundesland nicht zeitgemäß und unverständlich.

Auch auf dem Gebiet der Werbung für die Kirchen könnten Zusammenschlüsse nicht schaden.
Ist die Finanzkrise der Kirchen nicht auch eine indirekte Folge der Globalisierung?
M.E. muss man durchaus diese Perspektive einnehmen.

Oftmals geben Ausgetretene an, dass sie die hohen Kirchensteuern bewogen haben, der Kirche als Institution den Rücken zu kehren. (Ich selber denke, dass im Bewußtsein der Leute mit 1000 DM im Jahr die Oberstgrenze für einen Kirchenbeitrag erreicht ist. Wo sonst - außer in noblen Golf- und Yachtclubs - zahlt man sonst so einen hohen Vereinsbeitrag?)

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestoßen, dass gerade transnationale Firmen und Großverdiener oft keine Steuern mehr zahlen. Durch die weltweit möglichen finanziellen Jongliermöglichkeiten bleibt für das deutsche Steuersäckel nichts übrig. Der Staat muss entsprechend reagieren, sich wie immer bei den kleinen Leuten schadlos halten. Diese rechnen nach und stellen fest, dass es noch einen Posten auf dem Gehaltszettel gibt, den sie einsparen können...
Vielleicht ändert sich durch die Steuerreform etwas in den Köpfen und Herzen. Nach überschlägigen Schätzungen werden es bis zu 15% weniger Steuereinnahmen für die Kirchen werden. Bisher feilschte man um jede Pfarrstelle, die gestrichen bzw. zusammengelegt wird. Man darf ruhig auch auf die weltweiten Partnerkirchen schauen, die vor ganz anderen Finanzproblemen stehen - und die Kräfte konzentrieren.

 

5.5 Global denken - lokal handeln
Brot für die Welt und Misereor haben für den Normalverbraucher Leitlinien herausgebracht, wie sie das immer noch aktuelle „Global denken - lokal handeln“ praktisch umsetzen können.
Ich erinnere mich gut an die ersten Ausgaben der „Aktion e“ von Brot für die Welt.
Ich habe sie auch ganz interessiert durchgelesen, dann aber auch merkwürdig berührt wieder aus der Hand gelegt.
Ganz ähnlich geht es mir mit dem großartig aufgemachten „Weltkursbuch - Globale Auswirkungen eine ‘Zukunftsfähigen Deutschlands’ (Hg. Misereor, Sabine Ferenschild, Thomas Hax-Schoppenhorst, Basel 1998).
Der Grundansatz ist einleuchtend: Wenn ich den Armen in der Dritten Welt helfen will, dann kann ich es hier in Deutschland schon mit meinem Lebensstil tun. „Eine die Umwelt weniger belastende Wirtschaft schafft in unserem Land überhaupt erst den Raum, den die Armen brauchen, um ihre Armut nachhaltig überwinden zu können.“ (S. 9)
Die Gedanken der Agenda 21 wurden aufgenommen, um zukunftsfähig und nachhaltig die Verantwortung für die Zukunft übernehmen zu können.
Die Themenbereiche Wohnen - Ernährung - Kleidung - Gesundheit - Bildung - Freizeit - Verkehr werden detailliert mit statistischem Zahlenmaterial dargelegt und mit alternativen Handlungsmustern konfrontiert.
Neben guten Denkanstößen kommen auch solche Vorschläge, dass man eine Tasse oder ein Glas auch den ganzen Tag benutzen könne, um Energie und Wasser zu sparen... (S. 29)
Die Äußerungen der Staats- und Regierungschefs der G7-Länder vom 28.7.1998 in Lyon werden recht kritisch aufgenommen. Die Regierungschefs priesen darin die Globalisierung als solche als große Zukunftschance. Denn nachweislich hätte der bisherige Globalisierungsprozess mehr Wohlstand und Prosperität gebracht. (S. 145) „Wir sind daher überzeugt, dass der Prozess der Globalisierung eine Quelle der Hoffnung für die Zukunft darstellt.“ (S. 145)

Miseror kontrastiert den Optimismus mit den Problemfeldern, die kirchliche Arbeit wahrnimmt: Den Nord-Süd-Kontrast, die Verschuldungsfalle, die Gefährdung der Demokratie, der drohende Wassermangel, die Migration.
Die Welt ist so kompliziert, dass es keine Lösungen in Form eines Aktionsprogramms geben kann. „Trotzdem sind die vielen sinnvollen und perspektivenreichen Lösungansätze und Initiativen ... nicht zu verachten.“ (S. 162)

Als Beispiel für einen Lösungsansatz im alternativen Umgang mit Geld wird Oikokredit genannt.
Das Problem des Buches erscheint mir an zwei Stellen sichtbar zu werden.
Man könnte aufgeschlossenen Menschen jederzeit dieses Buch empfehlen. Es hilft, den eigenen Lebensstil kritisch zu überprüfen.
Global gesehen ist damit aber noch nichts erreicht!, würde ich behaupten. In der Zeit des Individualismus sind auch unter Christen die Bedürfnisse oder Rahmenbedingungen äußerst unterschiedlich. Während die einen sich um ein paar Tropfen Wasser beim Zähneputzen den Kopf zerbrechen, finden die anderen nichts dabei zum Jahresurlaub noch einen Wochenendabstecher nach Istanbul einzulegen. Der Geldbeutel erlaubt es.
Die zur Verfügung stehende Summe des Geldes ist der Maßstab für alles und jedes!
Es gibt keine Maßstäbe, um christlichen Lebensstil vergleichbar zu machen.
Man könnte sich vorstellen, dass man z.B. sagt, jeder dürfe (theoretisch) x kWStd. Energie im Jahr verbrauchen. Fürs Autofahren bedeutet das soviel, fürs Heizen soviel, für Sonstiges soviel. Dann könnte man anhand dieser Zahlen den eigenen Lebensstil vergleichen und optimieren.

Andersherum gesagt: Man könnte auch sagen: Als Christ müsse man mit x DM im Monat auskommen können. Den Rest kann man für den Ausgleich der Globalisierungsschäden zur Verfügung stellen.

Martin Luther hat in seiner Antiwucherschrift als Maßstab die Entlohnung eines Tagelöhners empfohlen. Wer aber würde sich auf solche Zahlenspiele einlassen! Solange die Ratschläge aufs Nachdenken hinauslaufen, ist strukturell nichts gewonnen!
Das Misereor-Handbuch gibt selber ein treffendes Beispiel für den Unterschied zwischen dem typisch kirchlichen Aufruf, Spenden zu geben und einer staatlichen Strukturänderung.
Die Rentenreform von 1957 hat mehr Menschen wirtschaftlich geholfen als alle Spendenvereine zusammen. (S. 9) Ich denke, das muss die Perspektive im Zeitalter der Globalisierung sein, dass durch strukturelle Änderungen und nicht bloß durch asketisches Verhalten von Einzelnen das Gemeinwohl gefestigt wird.
Diese Tendenz verfolgt ein interessantes Buch von Ernst Ulrich von Weizäcker (Hg., Faktor vier, Doppelter Wohlstand - halbierter Verbrauch, München 1997).
An fünfzig Beispielen wird gezeigt, wie sich durch intelligente Weiterentwicklung von Produkten Energie sparen läßt. Am Beispiel mit dem oben genannten Glas, das man den ganzen Tag benutzen soll, um Wasser und Energie zu sparen, lässt ich zeigen, dass die neuen Geschirrspülmaschinen wesentlich energieschonender abwaschen als man es von Hand tun könnte...
Vor allem zeigen die Herausgeber, dass z.B. Monopole der Energielieferanten zunächst jeder Veränderung ablehnend gegenüberstanden. Denken in eingefahrenen Bahnen macht blind! Die Veränderung kam durch das Denken von „Negawatts“ und „Einsparkraftwerken“. Verrückt! Durch zeitbegrenzte Subventionierung z.B. von Stromsparlampen oder Stromspar-Kühlschränken soll die Effizienz zuhause erhöht werden, so dass man durch den Minderverbrauch an Energie Kraftwerke einspart. Das Vorgehen funktioniert! Von christlicher Askese keine Spur. Und trotzdem ist objektiv eine Veränderung da.
Die Herausgeber gehen auch ausführlich auf eine ökologische Steuerreform ein (die ihren Namen verdient, und nicht dazu dient, anderswo Haushaltslöcher zu stopfen).

Ich denke, dass diese Schiene von Seiten der Kirchen mehr Unterstützung verdient als die gut gemeinten asketischen Vorschläge.
Die Herausgeber kritisieren auch vorsichtig die gegenwärtige Wirtschaftspolitik im Namen der Ökologie als einer falschen Rezeption der Übertragung von biologischen Aussagen des Darwinismus. (S. 321) Aber auch sie müssen eingestehen: „Einen wirklichen Ausweg kennen wir selber noch nicht.“ (S. 312) Irgendwo gäbe es auch „Grenzen des Wettbewerbs“. Allerdings macht der Egoismus, der fester Bestandteil der Wirtschaftstheorie ist, in so fern schwer zu schaffen, als dass dieser Egoismus in Richtung Unersättlichkeit geht. Die Herausgeber stellen resigniert fest, dass dieser Mechanismus des „Theorems der Unersättlichkeit“ nicht überwunden werden kann, wenn man nicht bei sich selbst und in der eigenen Kultur erkennt, dass eine wirkliche Befriedigung nicht durch materielle Dinge zu erreichen ist. (S. 327).
Für eine Bewußtseinsänderung sind hier doch wieder die Kirchen gefragt, oder?
Als möglichen Ausweg deuten die Verfasser an, dass man wieder „die Freiheit und die demokratische Mitbestimmung hochhält“. (S. 333)

Brot für die Welt nennt vier Handlungsfelder, in denen sich die Herausforderungen konkret umsetzen lassen: (Ziffer 70)
- Förderung von Projekten und Programmen von Partnern im Süden
- Wahrnehmung der globalen Verantwortung und Advocacy
- Öffentlichkeitsarbeit und ökumenisches Lernen
- Förderung des fachspezifischen Dialogs und internationale Netzwerkbildung
Dann werden die Handlungsfelder spezifiziert:
- Die Verhandlungsmacht der Armen stärken
- Das Geschlechterverhältnis ändern
- Die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten
- Ernährung sichern
- Gesundheit erhalten und wiederherstellen
- Bildung fordern und fördern
- Arbeitsbedingungen verbessern und Handel gerechter gestalten
- Menschenrechte verwirklichen, Demokratie und politische Partizipation fördern
- In Notsituationen wirksam und nachhaltig helfen
- Gewaltfreie Konfliktbearbeitung unterstützen

Wenn man dieses Programmheft durchgeht, bleibt einem fast der Atem weg. Großartig, was hier an Ideen und Leitbildern zusammengefasst ist und was dieses Werk leistet - wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir sammeln und werben in den Gemeinden, es kommen im Jahr an die 130 Millionen DM zusammen.
Verglichen mit dem, was ein kleiner Börsencrash wie in Asien zerbricht, ist aber die Spendensumme gerade einmal ein Trinkgeld. Dieser Vergleich rückt die möglichen Anstrengungen der Kirchen zurecht. Ein Tropfen auf einen heißen Stein. Oder zeichenhaftes Wirken. Oder Salz in der Suppe, wie man es will. Dieser Vergleich bewahrt vor Selbstüberschätzung.
Nicht klar ist mir, was sich durch den Globalisierungsprozess in den letzten Jahren an den Programmen geändert hat. Macht man weiter wie bisher, oder gibt es ausweitende Schwerpunkte, etwa durch die advocacy-Arbeit?
Wer von den vielen freien Werken in der Entwicklungspolitik nimmt an höchster Stelle die NGO-Beratungsfunktion ein? Ein geplantes Gespräch mit BfW wird hier sicherlich mehr Klarheit schaffen.
Es kostet viel Optimismus und Hoffnung angesichts des Erfassens von globalen Zusammenhängen, dass man die „Vision des Reiches Gottes“ vor Augen hat und sich nicht irritieren lässt.
Vielleicht sollte man die ganze Arbeit mit Kleinprojekten aufgeben und sich nur auf das Verändern von Strukturen konzentrieren - das wäre die Antwort auf den Globalisierungsprozess!


5.6 Leben auf Kosten der Dritten Welt?
Die Frage ist natürlich provokativ formuliert. Bei uns erarbeitet sich jeder seinen Lohn. Jeder darf sich über seine Leistung freuen. Jeder darf sich freuen, wenn etwas von seinem Lohn übrig bleibt, den er für schlechtere Zeiten aufheben kann.
Global gesehen erwirtschaften wir in Deutschland den größten Teil unseres Einkommens durch den Handel und Wirtschaft innerhalb der EU/OPEC.
Nur ein geringerer Teil unseres Einkommens kommt durch weltweite Globalisierungseffekte zustande.
Das Problem ist, dass viele Kostenteile „versteckt“ oder nicht deklariert sind.

Z.B. wird ein Fernsehgerät in Taiwan hergestellt. Verschiedene Komponenten stammen aus anderen Teilen Asiens. Der Karton als Verpackung ist aber der abgeholzte Regenwald auf den Philippinen. Vom Warenwert her macht der Karton vielleicht 2 DM vom Preis aus. Der ökologische Schaden für den Regenwald ist uneinholbar, weil das entsprechende Land keine nachhaltige Bepflanzung betreibt. Die Umweltstandards sind ungleich geringer als bei uns. Der Preis der Ware bei uns gibt nicht alle wirklich entstandenen Kosten wieder. In diesem Sinn kaufen wir die Waren „auf Kosten“ der Herstellerländer.

Genau so verhält es sich bei den sozialen Kosten. Vgl. obiges Beispiel von adidas.
In den Schuhen steckt schon der Schweiß und die Überlebensangst der Näherinnen, auch wenn wir das gar nicht wollen.
Die einzig mögliche Antwort kann nur sein: Wir treten für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Herstellerländer ein!
Dass sich dann wieder die Lohn-Preis-Spirale verschiebt, ist ein positiver Effekt, von dem letztlich - nach der Marktwirtschaftslehre - alle profitieren.

Ich vermute, dass keiner in unserer Gesellschaft sich wehren würde, wenn die Preise um ein paar Mark steigen würden, und die Umwelt- und Sozialstandards menschenwürdig eingehalten würden! Wettbewerbsmäßig gesehen sind es neutrale Kosten, die ja bei allen Herstellern entstehen würden.
Zweifellos haben auch die Näherinnen von der Globalisierung ihren Nutzen. Wir kaufen ihnen die Waren ab. Ohne diese Arbeit wären sie arbeitslos. Aber der Nutzen ist geringer als die letztlich entstehenden Kosten.
Ein Konsequenz für uns könnte folgerichtig sein, dass diese Minderausgaben beim Einkauf an die Organisationen fließen, die für die Umwelt- und Sozialstandards in den Länder der Dritten Welt kämpfen.

Die Industrieländer hatten sich verpflichtet, etwa 0,7% des BSP für Entwicklungshilfeprojekte zur Verfügung zu stellen. Deutschland sackt immer weiter nach unten. Gegenwärtig liegt der Prozentsatz unter 0,3%.
Es fehlen also 0,4%. Warum könnte man diese Zahl nicht als generellen Maßstab nehmen, den jeder aus seinem Einkommen nimmt und sie an Brot für die Welt zur advocacy-Arbeit zur Verfügung stellt? Bei einem Einkommen von 100.000 DM wären das 400 DM im Jahr, wirklich keine große Summe.
Die pfälzische Landeskirche geht sogar noch einige Schritte weiter. In einem Grundsatzpapier der Synode wird festgeschrieben, dass mindestens zwei Prozent der Kirchensteuereinnahmen für Aufgaben des Kirchlichen Entwicklungsdienstes bereitgestellt werden müssen.

Die Kirche nehmen die Herausforderung der Globalisierung an, lokal und zugleich global zu denken und zu handeln. Deshalb müsse trotz des Sparkurses die Bereitschaft zu materiellem Teilen bewahrt werden. Die Kirchengemeinden werden deshalb aufgefordert, im vergleichbaren Umfang wie die Landeskirche die weltweite Ökumene zu unterstützen.
(epd Pfalz, http://members.aol.com/pfrjung/synode.htm)

Eine neue Dimension des Problems entsteht durch unseren öko-aggressiven Lebensstandard, solange Nachhaltigkeit kein wirkliches Thema ist.
Wir produzieren die Schadstoffe, die sich als Ozonloch oder Erderwärmung global zeigen. Die Auspuffgase meines Autos bewirken z.B., dass in Bangladesh die Menschen wortwörtlich untergehen!
Diese globale Sichtweise muss allerdings gelernt werden.
Leben wir auf Kosten der Dritten Welt? Bis vor wenigen Jahren hätte man sich mit obigen Beispielen zufrieden geben können.

Inzwischen macht sich eine neue Erkenntnis breit: Das Problem ist nicht das „auf Kosten anderer leben“. Denn auch bei uns im Land gibt es jede Menge Globalisierungsopfer.

Sondern: Der Mechanismus der Globalisierung begünstigt die Reichen, die Kapitalbesitzer zuungunsten der Nicht-Kapitalbesitzer!
So muss man es heute formulieren, und das gilt global, auch in den Dritte-Welt-Ländern::

Die Reichen leben auf Kosten der Armen!
Noch genauer: Die Kapitalbesitzer leben auf Kosten der Arbeitenden. Aber auch das ist keine neue Erkenntnis! Nur die Ausmaße sind erschreckend geworden.

Man muss allerdings auch die andere Sicht wahrnehmen, wenn Menschen bei uns in guter Absicht eine Lebensversicherung abschließen. Das ist jetzt keine „Option der Armen“, sondern ein die Alltagsperspektive.
In der Asienkrise wurde in kurzer Zeit aufgrund der steigend schlechten Bewertung der Geldanlagen massiv Geld abgezogen. Dieses Geld könnten durchaus unsere Lebensversicherungsgelder, Spargelder gewesen sein. Natürlich muss eine Bank schauen, dass das Geld der Anleger nicht weniger wird. Sie muss rechtzeitig reagieren. Das ist ihre Pflicht.
Durch ethisch verantwortliches Handeln gegenüber mir als Kunden mussten die Gelder aber abgezogen werden. Wer wollte hier wem böswilliges Handeln unterschieben?
Es zeigt sich hier eine strukturelle Schwäche des Systems. Sonst müsste man den Spieß herumdrehen und müsste innerhalb der gegenwärtigen Strukturen sagen: Die Länder der Dritten Welt leben auf Kosten meiner Lebensversicherung, die immer weniger Wert wird.

Duchrow fordert außerdem ein Schuldbekenntntis der europäischen Kirchen mit entsprechender Wiedergutmachung gegenüber der Dritten Welt. Das hört sich sehr fromm an. Wie schwierig und differenziert müsste aber so ein Schuldbekenntnis sein! Mit einem pauschalen Schuldbekenntnis ist niemand gedient - obwohl man die Wirkungsgeschichte nie unterschätzen darf. Wie schwierig solche Bekenntnisse sein können zeigt ja allein schon das Eingeständnis an Schuld gegenüber dem jüdischen Volk. Die Schuld gegenüber Lateinamerika ist sicherlich anders einzuschätzen als gegenüber asiatischen Völkern. Und - Was sagen die einheimischen Kirchen zu solchen Vorschlägen? Wie soll denn eine Wiedergutmachung von Kirchen konkret aussehen? Ich denke, hier ist viel heiße Luft...


5.7 Perspektiven einer menschengerechten Weltordnung
Die katholische Kirche hat in der bemerkenswerten Studie „Die vielen Gesichter der Globalisierung“ (1999) folgende Konsequenzen aufgelistet:

1. Prinzipielle Bejahung der gegenwärtigen ökonomischen Strukturen, nach der der zunehmende Freihandel die bessere Alternative ist. (S. 25)
Wenn die gering qualifizierten Arbeitnehmer ihre Position in den Industrieländern verschlechtern, dann hilft der Staat mit einem Transfereinkommen, um zu starke Unterschiede auszugleichen. Für die „Verlierer“ in den Entwicklungs- und Transformationsländer besteht nur längerfristig eine Chance, durch wachsende Bildung und berufliche Qualifikation dem Teufelskreis nach unten zu entrinnen.
Die Wiedergabe der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge sind „klassisch“, wie ich sie auch in der Vorlesung von Prof. Starbatty gehört habe. Auf der einen Seite ist die freie Wirtschaft, nach eigenen Gesetzmäßigkeiten strukturiert, auf der anderen Seite die behutsame Ordnungspolitik des Staates.
Leitbild ist die soziale Marktwirtschaft. (S. 51)

2. Die Kirchen und Religionen haben eine gestufte Mitverantwortung bei der Mitgestaltung der Globalisierung im Dienst am Menschen.
Die zivilgesellschaftlichen Akteure gewinnen an Gewicht. Sie können den Staat entlasten oder in bestimmten Bereichen ergänzen. (S. 41)
Die Religionsgemeinschaften werden als „wahrscheinlich einflussreichsten zivilgesellschaftlichen Akteure“ gesehen! Deswegen ist der interreligiöse Dialog so wichtig!

3. Gefragt wird, ob die Religionsgemeinschaften eine Vorbild oder ein Modell für eine menschengerechte Globalisierung sein können.
Zentrale Aufgabe der Kirche ist und bleibt in diesem Zusammenhang die ethische Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen. (S. 43)
Die ökumenische Bewegung wird als „Lernprozess des Zusammenlebens in einer pluralen Welt“ angesehen, in der das Spannungsfeld zwischen Universalismus und Partikularismus am ehsten einen Ausgleich finden kann. „Kirche“ (die Studie meint allerdings „Katholische Kirche“) sei das Symbol und Modell für die Globalisierung, weil hier die Voraussetzungen für eine gerechtere Welt sichtbar werden kann.
Vor allem helfen die kirchlichen Werke, die Anliegen des Teilens und des gegenseitigen Gebens und Nehmens vor Ort zur Sprache zu bringen.
Folgende Forderungen werden aufgestellt:
Globalziel: Gemeinwohl der ganzen Menschheit einschließlich der Berücksichtigung der Lebenschancen künftiger Generationen.
Ziele innerhalb des Prozesses:
Sozialethische und individualethische abgestufte Verantwortlichkeiten:
Individuelle Verantwortung der Menschen in Deutschland im Teilen mit den Armenin der Änderung des Lebensstils angesichts der beschränkten Ressourcen grundlegende Wertorientierung durch die Solidarität mit den Armen in der Welt.

4. Die Politische Verantwortung wird wahrgenommen durch die Möglichkeiten der Hilfsorganisationen und Werke Gestaltung politischer und gesetzlicher Rahmenbedingungen, allerdings nicht im nationalen Alleingang, sondern länderübergreifend.
Eine internationale Weltordnungspolitik mit institutionellen Regelungen und Organen mit demokratischer Kontrolle wird gefordert. Weiteres siehe unten.
Es gilt das Prinzip der Subsidiarität (Entwicklung von unten), um Schutz vor einer Allmacht des Staates zu erhalten und die Eigeninitiativen zu fördern.
Förderung eines breiten interkulturellen Dialogs über universale Werte, um kulturelle Spannungen abzubauen. Anknüpfungspunkt können hier die gemeinsamen menschlichen Leiderfahrungen wie Hunger, Armut, Diskriminierung, Ungerechtigkeit usw. sein.
Ich habe diese Studie deshalb so ausführlich zitiert, weil ich sie für das beste halte, was ich bisher an kirchlichen Äußerungen zum Thema gefunden habe.
Die Studie fand ich im Internet.

Allerdings möchte ich auch ein paar kritische Anmerkungen machen.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass an der Studie zwei grundverschiedene Schreiber gearbeitet haben. Der eine beschreibt in (neo-)klassicher Manier die wirtschaftstheoretischen Abläufe und resümiert, dass, wenn in dieser Weise gewirtschaftet wird, eine von außen angelegte Strukturanpassungspolitik eigentlich überflüssig sein wird.
Der andere Schreiber war für die ordnungspolitischen Vorgaben zuständig und muss dementsprechend Mechanismen beschreiben, die in der Wirtschaftstheorie nicht vorgesehen sind - weil sich ja bei entsprechender Handhabung alles von selber reguliert. Die Sozialpolitik des Staates ist, falls die liberalen Ansätze nicht greifen, die absolute Armut (wo fängt die an??) mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Beides zusammen gesehen oder nur in einem Heft zusammen gebunden ergibt die soziale Marktwirtschaft.
Die katholische Kirche und ihre Werke nehmen eine Schlüsselrolle (sic!) im Rahmen der internationalen Zivilgesellschaft ein. (S. 63)
Ist das der Grund, warum diese gewichtige Studie nicht als ökumenisch verfasste Denkschrift herausgegeben wurde?
Ärgerlich angesichts des Globalisierungsprozesses finde ich auch, dass in der Studie immer nur von der „Kirche“ im Singular gesprochen wird. Die katholische Selbstherrlichkeit leuchtet überall durch. Dabei wäre gerade angesichts der weltweiten Probleme ein ökumenisches Zusammenstehen und Zeugnisgebern vor der Welt dringend nötig.
Die wirtschaftstheoretische Teil verwendet u.a. den Begriff „Humankapital“ für die menschliche Arbeitskraft. Ich empfinde es als ein furchtbares Wort, das Volkswirtschaftler gebrauchen und damit zeigen, wessen Geistes Kind sie sind, und was ihnen im Endeffekt doch oberster Wert ist, das Kapital.
Faszinierend für einen Protestanten ist der bewusste Verzicht auf biblische Abhandlungen und Verweise. Das, was aus der Bibel gelernt wurde, wird in „philosophische Sprache“ gekleidet, um der globalen Welt verständlich zu sein.

nach oben    
Stand 22.07.2005  

Weltgemeinschaft