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5. Herausforderungen für die Kirchen
5.1 Unterstützung der Politik
5.2 Projekt Weltethos
5.3 Wie in der Landeskirche die Herausforderungen angenommen werden
5.4 Zusammenschlüsse der Landeskirchen?
5.5 Global denken - lokal handeln
5.6 Leben auf Kosten der Dritten Welt?
5.7 Perspektiven einer menschengerechten Weltordnung
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5.
Herausforderungen
5.1 Unterstützung der Politik
Am Freitag, dem 30. Juni, besuchte der englische Premierminister Tony Blair
die Tübinger Universität. Hans Küng hatte ihn im Rahmen des
Weltethos-Projektes eingeladen. Blair referierte über den atemberaubenden
globalen Wandel, geißelte die Auswüchse wie Kriminalität und
Umweltzerstörung, mündete dann aber in einen optimistischen Ausblick, der
von den Chancen der Globalisierung sprach.
„Im 21. Jahrhundert gibt es zur Anpassung und Modernisierung keine
Alternative“, betonte Blair. „Wir müssen endlich erkennen, dass wir den
technologischen Wandel nicht aufhalten können:“ Und dann folgten die
ethischen Werte. „Wir müssen aus den Werten herauslesen, wie wir den Wandel
zu bewältigen haben.“ „In der globalisierten Welt ist der Glaube der
Bundesgenosse der Vernunft.“ Die „Religionen können uns helfen,
Gemeinschaften aufzubauen, Werte-Gemeinschaften, Solidarität, Gerechtigkeit,
Frieden und die Würde der menschlichen Person.“
(Alle Zitate aus Reutlinger Generalanzeiger vom 1. 7.2000 S. 3 und Deutsches
Allgemeines Sonntagsblatt 7.7.2000 S. 26)
Wer wollte Blair hier widersprechen? Diese Allgemeinplätze sind pflegen
Politiker unter die Leute zu streuen. Für die Opfer der Globalisierung
bleiben nur ärgerliche Ratschläge übrig. Von den Arbeitslosen, die ja in der
Regel Opfer der strukturellen Arbeitslosigkeit geworden sind, von ihnen
forderte Blair im gleichen Atemzug, dass sie aktiv an ihrer Situation
mitarbeiten, um ihre soziale Lage zu verbessern. Dazu gehört eben auch, dass
ein Arbeitsloser eine angebotene Stelle annehmen müsse. Natürlich.
Aber notwendige Umsetzung für eine Verbesserung der Lage der Arbeitslosen
durch entsprechende Rahmenbedingungen, dem Stopp der Umverteilung des
Eigentums, der Zinsbesteuerung, dem Übel des Spekulantentums - kein Wort.
Trotzdem sollte man den guten Willen Blairs ganz positiv aufgreifen.
Offensichtlich fühlt er sich dem Weltethos-Projekt verpflichtet.
Die Herausforderung besteht nun darin, Blair beim Wort zu nehmen, die
ethischen Werte einzufordern, vor allem auch auf die Negativseiten der
Globalisierung immer wieder hinzuweisen. Immerhin darf der englischen
Regierung zugute gehalten werden, dass sie sich vor wenigen Jahren als erste
europäische Regierung dem Thema des Schuldenerlass gestellt hat und dieses
Projekt unterstützt.
„Politik braucht eine ethische Grundlage“, so lautete die Überschrift im
Reutlinger General Anzeiger. Die Zurückgewinnung des Primats der Politik
wird überall eingefordert.
Doch wie sieht die ethische Grundlage aus?
Darüber hat der Gesprächspartner Blairs, Hans Küng, ausführlich Rechenschaft
abgelegt.
5.2 Projekt Weltethos
In seinem Buch Projekt Weltethos beschäftigt sich Hans Küng mit den Rahmenbedingungen für eine gelingende Globalisierung. „Globalisierung
braucht einen globalen Ethos.“
Ähnlich wie Samuel Huntington gesteht er der Religion eine entscheidende
Schlüsselfunktion zu. Allerdings wird es keinen unausweichlichen globalen
Zusammenprall der Kulturen und Religionen geben. Die vorwärtstreibende
Vision ist der mit allen Kräften anzustrebende globale Friede zwischen den
Religionen.
Seine Programmsätze sind:
Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.
Keine Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenarbeit in den
Religionen.
Die Goldene Regel, die allem zugrunde liegt, formuliert Küng so:
„Jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, ethnischer Herkunft, sozialen
Status, Sprache, Altern, Nationalität oder Religion, soll wahrhaft
menschlich behandelt werden.
Jeder Mensch soll anderen gegenüber im Geist der Solidarität handeln. Auf
jeden und alle, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen
soll die uralte Weisung so vieler ethischer und religiöser Traditionen
angewendet werden: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem
andern zu.“ (in Glaube und Globalität S. 130)
Ein Appell soll in vier Selbstverpflichtungen münden:
1. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor
dem Leben
2. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte
Wirtschaftsordnung
3. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in
Wahrhaftigkeit
4. Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die
Partnerschaft von Mann und Frau.
Küng hat einen weltweiten Denkprozess in Gang gesetzt. Er findet in höchsten
staatlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Stellen Gehör.
Die Erklärung zum Weltethos des Parlaments der Weltreligionen von 1995 in
Chicago/USA ist sehr emphatisch und wird sicherlich von vielen Menschen
guten Willens geteilt. Das dritte Parlament der Weltreligionen fand 1999 in
Kapstadt statt.
Es ist mir aber nicht bekannt, ob seine Thesen schon in Rahmenordnungen für
den Globalisierungsprozess eingedrungen sind.
M.E. reicht eben der gute Wille von Einzelnen nicht aus. Auch die Strukturen
müssen - von Regierungen und Parlamenten beschlossen - entsprechend geformt
sein, dass böser oder egoistischer Wille ausgebremst wird.
Denn wer könnte, z.B. an der Börse widerstehen, wenn er im Handumdrehen
hunderte von Millionen Dollar erzocken kann, ohne sich zu besinnen, was das
im Einzelnen für die Volkswirtschaften bedeutet.
Deswegen kann ich gut die Kritik katholischen Inders Michael Amaladoss an
Küngs Projekt verstehen, wenn er feststellt, dass der Konflikt von Gruppen
dem guten Willen des Einzelnen im praktischen Zusammenleben vorgeordnet ist.
Konkreter gesagt: Scheinbar religiöse Konflikte haben wirtschaftliche und
politische Ursachen. Und diese brauchen auch wirtschaftliche und politische
und nicht religiöse Lösungen. (S. 145 Glaube und Globalität)
Ausgehend von dem Blickwinkel der Opfer sagt Amaladoss:
„Im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir ein Weltethos zur
Unterstützung eines weltweiten Befreiungskampfes. Frieden mit Gerechtigkeit
könnte das höchste Ziel sein. ...Was wir unmittelbar brauchen, ist ein Ethos
für den Kampf, das in seinen Auswirkungen weltweit ist. Ein solches Ethos
wird nicht so sehr von einer Vision ausgehen, die sich auf Rechte und Werte
mit universalem Anspruch gründet, sondern von einer Praxis, die von
Pflichten und Verantwortungen getragen ist, die in jeder besonderen
Situation konkret benannt werden müssen, ohne dass dabei die globale Natur
des unterdrückerischen und ausbeuterischen Systems aus den Augen verloren
wird. Für die Armen und Unterdrückten der Welt bedarf es unmittelbar eines
Weltethos für einen lokalen-weltweiten Kampf und nicht für den Weltfrieden.“
(S. 146 Glaube und Globalisierung)
Amaladoss Kritik erinnert mich an verschiedene Karikaturen, wo sich dicke
Weiße zurücklehnen und den dünnen armen Südländern sagen, was gerade Sache
ist.
Er hat sicherlich recht, indem er in biblisch - prophetischer Tradition
zunächst die Rehabilitation der Opfer einklagt, bevor man sich groß und
breit über rechtes Verhalten und Denken auslässt.
In einer Ringvorlesung in Tübingen (10.7.2000 Weltpolitik und Weltethos) hat
Küng ein Beispiel gebracht, wie eben doch Einzelpersonen riesigen Einfluss
auf den Verlauf politischer Prozesse haben, je nach dem, welche persönliche
Einstellung sie haben.
Als Negativbeispiel verwendete Küng den ehemaligen amerikanischen
Außenminister Henry Kissinger. Kissinger betrieb nach eigener Einschätzung
eine „realistische“, von keinen moralischen Vorgaben beeindruckte Politik
und lehnte eine „idealistische“, an moralische Werte gebundene Politik
dezidiert ab.
Küng selbst fordert einen Mittelweg, wo auch die moralische Verantwortung
des Einzelnen ebenso wichtig ist wie die Thematisierung der Machtfragen und
Folgenabschätzung des Handels. Das Weltethos muss eingebunden werden in eine
Geflecht von zivilisatorischen Errungenschaften (Gewaltenteilung, bessere
Ausstattung der UNO durch einen Wirtschafts- und Sozialrat, einer
internationalen Finanzarchitektur usw.)
Küng kritisierte die Kirchen, die es in der Regel bei gesinnungsethischen
Apellen belassen und sich bei der ethisch umsetzbaren Verantwortung drücken.
Nach allem, was ich bisher gelesen und gehört habe, muss ich sagen, dass
Küngs Kritik an den Kirchen zurecht erfolgt.
Selbst die an sich guten evangelischen EKD-Denkschriften geben sich kaum in
die konkrete Niederungen der politisch-wirtschaftlichen Landschaften hinein.
Die Kirchenmitglieder können ja konkret nicht mitleiden, weil sie
entsprechende Armut und Einsamkeit nie am eigenen Leib erfahren haben.
Müsste nicht die Herausforderung für die Kirchen im reichen Norden gerade
darin bestehen, dass sie sich an der Seite der Reichen begeben, auch sich
dort inkarnieren und eben innerhalb der Systeme nach Alternativen suchen? Es
ist soviel leichter, mit den Armen zu schreien, als an der Seite der Reichen
und Wirtschaftstheoretiker nach Veränderungen zu suchen. Es ist viel
leichter, wie die reformierten Kirchen in den entgleisenden
Wirtschaftsfragen den status confessionis zu proklamieren, als die Last des
Umdenkens und Alternativen Suchens und Beschimpft Werdens auf sich zu
nehmen.
Küngs Konzept und die Aufschreie des Ökumenischen Rats der Kirchen stehen in
einem gewissen Wettbewerb. Es ist nicht ausgemacht, welcher Weg der bessere
ist.
Küngs Konzept ist in dieser Hinsicht recht katholisch. Schon immer versuchte
die katholische Kirche den Kontakt zu den Mächtigen, um von den
Verantwortungsträgern her die Völker zu missionieren.
Der ÖRK beschreitet das protestantische Konzept: „Hier stehe ich. Ich kann
nicht anders.“ Das ist natürlich karikierend. Der ÖRK hat durchaus in seinen
Schreiben an die WTO und den IWF Veränderungsvorschläge zur Änderung der
Situation gemacht. Aber eben nur - typisch - als message, während Küng in
durchaus attraktiver Weise die Mächtigen der Erde an seinen Tisch holt.
Die Herausforderung für unsere evangelische Kirche besteht in einem
Methodenwechsel im Umgang mit den Problemen. Küngs Weltparlament mit seiner
„Dialogstrategie“ ist durchaus eine attraktive NGO mit neuen Ideen. Während
dem ÖRK immer etwas Zwanghaftes, Protesthaftes, Herbes anhaftet. Ich bin mir
unsicher: Hat der ÖRK keine Direktkontakte zu gesinnungsverwandten
Politikern? Oder gibt es keine? Haben die Armen nichts zu schaffen mit den
Mächtigen, die eh demnächst vom Thorn gestürzt werden?
5.3 Wie in der Landeskirche die Herausforderungen angenommen
werden
Mit Jürgen Quack, Kirchenrat im Evang. Oberkirchenrat in Stuttgart, habe ich
mich darüber unterhalten, wie denn die Landeskirche die Herausforderungen,
die durch die Globalisierung entstanden sind, annimmt. Zum Gespräch der
Religionen berichtete Jürgen Quack, dass es auf dem Gebiet der
Weltreligionen mehrere Initiativen gibt.
Das Parlament der Weltreligionen geht auf die Initiative von Hans Küng
zurück. Zu dem Parlament, das meines Wissens bisher zweimal getagt hat, sind
nur namhafte Personen der Zeitgeschichte eingeladen. Die Landeskirche ist
davon nicht berührt.
Auch das WCRP ist eine Privatorganisation, das von Privatpersonen getragen
wird und die Landeskirche nicht direkt tangiert, obwohl die Ziele an sich in
Ordnung sind. Die interreligiösen Gottesdienste könnten von der Landeskirche
auch gar nicht mitgetragen werden.
Stattdessen zeigt das Friedensgebet von Assisi Früchte. Der Vatikan hatte
1987 zu einem einmaligen Friedensgebet eingeladen. Daraus ist ein 4tägiges
Seminar in San Egidio in Rom erwachsen, das jährlich stattfindet.
Württembergische Teilnehmer unserer Landeskirche (z.B. OKR Künzlen, KR
Wagner u.a.) nehmen regelmäßig teil. Im weiteren Sinn ist der Friede und die
Religionen ein Dauerthema und Konfliktpunkte werden besprochen. Zum
Abschluss veranstaltet jede Religion und Konfession ein Friedensgebet für
sich und man trifft sich abschließend gemeinsam an einem Ort. Hier wird aber
kein Gottesdienst gehalten, sondern durch eine Symbolgeste wird auf das
Gemeinsame hingewiesen.
Wo die Globalisierung echte Früchte getragen hat, ist auf dem Gebiet des
Umweltschutzes und der finanziellen Beteiligung an Oikokredit abzulesen.
Zugunsten des Klimaschutzes und des ökologischen Umdenkens wurde eine eigene
Abteilung eingerichtet, die einen Bewusstseinswandel in den Gemeinden
unterstützen soll. (z.B. Ökologie der kirchlichen Häuser, Solardächer u.a.)
Nach langem Zögern erwarb die Landeskirche auch Anteile an Oikokredit.
Dadurch wurde eine Mitsprache bei dieser Organisation möglich. Damit die
Dollarabhängigkeit der Partner in Übersee gemildert wird (zur Zeit ist der
Dollar ja extrem stark), hat die württembergische Landeskirche eine
Risikoabdeckung (100.000 DM) übernommen, damit die Produkte auch in
Landeswährungen gehandelt werden können.
Wie die katholische Kirche durch ihre „Werke“ so ist auch die evangelische
Kirche durch verschiedene Werke in die weltweiten Probleme der
Globalisierung eingebunden.
Das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland, die Basler Mission, der
Kirchliche Entwicklungsdienst, Brot für die Welt sollen stellvertretend für
die weltweite Arbeit stehen.
Durch die Schnelligkeit der neuen Kommunikationsmedien wird die
Kirchenleitung immer neue herausgefordert. Im Internet rufen Christen und
Moslems z.B. die Weltöffentlichkeit auf, um auf ihre Probleme aufmerksam zu
machen. Einige Mitarbeiter durchforsten das Internet immer wieder auf
Neuigkeiten hin.
Jürgen Quack sagte dann, dass mit eben dieser Schnelligkeit auch die
Landeskirche auf die Ereignisse reagieren sollte.
Dabei zeigt es sich, dass mehrere Landeskirchen und kirchlichen Werke in den
gleichen Problemregionen vertreten sind. Das Beobachten und Sammeln von
verlässlichen Daten findet an mehreren Stellen in Deutschland (und anderswo)
statt. Dringend notwendig wäre eine „Lead Agency“, um kompetent und schnell
im Namen aller deutschen Landeskirchen oder der EKD reagieren zu können.
Eine Landeskirche bzw. ein kirchliches Werk könnte z.B. Indonesien, ein
anderes Kamerun, ein drittes die Philippinen in Namen aller in kirchlichen
Stellungnahmen vertreten. Hier ist noch manches Potential zu erschließen,
weil das Vertrauen im Prinzip vorhanden ist.
Allerdings verwehren sich die Evangelikalen einer einheitlichen kirchlichen
Stellungnahme, weil sie ja a priori z.B. dem Islam in abwehrender Haltung
gegenüber stehen.
Solche gemeinsam geäußerten Stellungnahmen hätten auch gegenüber den
transnationalen Firmen den Vorteil, dass die evangelische Kirche
Deutschlands mit einer Stimme spricht, wenn es um die Verwehrung von Rechten
in den Betrieben der Partnerländer geht.
Eine ganz besondere Sache sind die bilateralen Religions-Gespräche zwischen
der EKD und dem Islam in Jordanien. In Amman gibt es eine
Arbeitsgemeinschaft mit einem offiziell beauftragten Vertreter der
jordanischen Regierung. Über den Stand der Gespräche ist mir aber nichts
bekannt.
Außer dem Dialog mit dem Judentum ist der Dialog mit dem Islam die größte
Herausforderung. Zwar gibt es in Großstädten Dialog-Arbeitskreise. Aber
meistens fehlt es an greifbaren kompetenten moslemischen Gesprächspartnern,
die über ihren Glauben und Leben Rechenschaft ablegen können.
Von unserer Gemeinde aus haben wir wiederholt die Moschee in
Reutlingen-Pfullingen besucht. Der Muezzim der Moschee wohnt in direkter
Nachbarschaft zu unserer Kirche in Eningen. Er ist ein sehr freundlicher
Mensch, wie wir ihm auch freundlich begegnen. Aber ein Dialog im echten Sinn
gibt es (noch) nicht. Hier müssten vor Ort noch einige Initiativen von
kirchlicher Seite aus gestartet werden. Allein die Überwindung der Trägheit
ist eine Herausforderung!
Der Dialog mit dem Judentum hat mit der Globalisierung nichts direkt zu tun.
Aber durch die Globalisierung sind die Wege und Kontakte um einiges kürzer
geworden. Im Denkendorfer Kreis werden rund ein Dutzend orthodoxe
Bibel-Lehrer aus Israel zu christlich-jüdischen Bibelwochen in Württemberg
eingeflogen. Die Welt ist um einiges kleiner geworden. Die Landeskirche
finanziert eine halbe Stelle für den jüdisch-christlichen Dialog.
Vergleicht man die heutige Landeskirche mit der vor 100 Jahren, dann wird
der Wandel und die globale Öffnung augenfällig.
Heute ist die Landeskirche Mitglied in weltweit operierenden christlichen
Gremien vertreten. Sei es der Ökumenische Rat der Kirchen, der Lutherische
Weltbund, die Verbindungen durch die Leuenberger Konkordie oder die
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Alle bringen ihre Beschlüsse und
Ideen in die Landeskirche ein. Eine dauerndes gegenseitiges Geben und Nehmen
findet statt.
Manche Arbeitszweige sind europäisch ausgerichtet, wie die Jugendarbeit oder
auch die Frauenarbeit. Früher wurde einzelne Missionare unterstützt, heute
gibt es enge Kontakte zu den Partnerkirchen. Im Rahmen der Arbeit des
Dienstes für Mission, Ökumene und Entwicklung tragen deutsche und
ausländische Mitarbeiter ihre Kenntnisse und Erfahrungen in die Gemeinden.
Nicht zu vergessen sind auch die Themen, die im konziliaren Prozess
entfaltet wurden, und die nun die großen Visionen und Perspektiven in die
Gemeinden eintragen.
„Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ sind inzwischen zu
Standardformulierungen des kirchlichen Engagements geworden.
Am Beispiel von Kamerun schilderte Jürgen Quack, wie der globale Austausch
im Kleinen funktioniert.
In Kamerum wird der Regenwald im großen Stil abgeholzt. Früher haben sich
die einheimischen Kirchen darüber nicht beklagt, denn für einige Mitarbeiter
gab es dadurch Arbeit und Brot. In ihren Augen war der riesige Regenwald im
wahrsten Sinn des Wortes nutzlos. Erst durch die westlichen Kirchen sind die
Kirchen in Kamerun auf die ökologischen Zusammenhänge aufmerksam geworden.
In diesem Lernprozess sind die Kirchen in Kamerum selbst tätig geworden.
Wenn dort durch transnationale Konzerne Übergriffe passieren, können wir
jetzt die Stimme Kameruns verstärken und hier weitergeben.
Das ist die Herausforderung durch die Globalisierung:
- Wir hören auf unsere Partnerkirchen.
- Wir geben ihre Stimmen in unserem Kontext weiter.
- Wir tragen ein Stück Mitverantwortung.
- Wir lernen mit ihnen, in der Einen Welt zu leben.
Afrika hat im Globalisierungsprozess ganz schlechte Karten. Der Kontinent
wird für unsere Zwecke nicht gebraucht, weder als Rohstofflieferant noch als
Absatzmarkt. Die politischen Strukturen sind noch viel zu instabil. Die
Regierungen denken aus unserer Perspektive zu sehr in Stammeskategorien.
Afrika müsste selbst erst einen gemeinsamen Markt bilden, bevor es am großen
Markt teilnehmen könnte.
5.4 Zusammenschlüsse der Landeskirchen?
Wettbewerb sowie Konzentration sind wesentliche Schlagworte von
marktwirtschaftlichem Denken. Haben diese Denkmuster auch in der
Evangelischen Kirchenstruktur ihren Platz? Schließen sich in Deutschland
auch Landeskirchen zusammen, um den Wettbewerb besser durchstehen zu können?
Der religiöse Bedarf ist da. In jeder größeren Buchhandlung borden die
Regale mit Büchern der Esoterik-Szene über, während das Regal mit Büchern
zur Religion oft ein Schattendasein führt. Eine schlagkräftige Außenwirkung
wäre schon manchmal wünschenswert.
Ein Zusammenschluss der Landeskirchen, wie ihn die transnationalen Konzerne
vollziehen, ist aber zur Zeit außerhalb jeder denkbaren Option.
Zum einen besteht in den Kirchen im Westen Deutschlands keine Not-Wendigkeit.
Im Osten Deutschlands sieht es anders aus.
Zum andern sind die landeskirchlichen Unterschiede nach Meinung der
Kirchenleitungen angeblich zu groß.
Aufgrund des landeskirchlichen Monopols für evangelisches Christsein ist ein
Wettbewerb von vornherein ausgeschlossen. Selbst die Vereinbarungen für die
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ACK ließe sich als Schutz vor
Wettbewerb verstehen.
Aus dem Blickwinkel des Normalbürgers ist es unverständlich, warum z.B. in
Baden-Württemberg zwei Landeskirchen bestehen. Für sie ist die
Doppelstruktur in einem Bundesland nicht zeitgemäß und unverständlich.
Auch auf dem Gebiet der Werbung für die Kirchen könnten Zusammenschlüsse
nicht schaden.
Ist die Finanzkrise der Kirchen nicht auch eine indirekte Folge der
Globalisierung?
M.E. muss man durchaus diese Perspektive einnehmen.
Oftmals geben Ausgetretene an, dass sie die hohen Kirchensteuern bewogen
haben, der Kirche als Institution den Rücken zu kehren. (Ich selber denke,
dass im Bewußtsein der Leute mit 1000 DM im Jahr die Oberstgrenze für einen
Kirchenbeitrag erreicht ist. Wo sonst - außer in noblen Golf- und Yachtclubs
- zahlt man sonst so einen hohen Vereinsbeitrag?)
Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestoßen, dass gerade
transnationale Firmen und Großverdiener oft keine Steuern mehr zahlen. Durch
die weltweit möglichen finanziellen Jongliermöglichkeiten bleibt für das
deutsche Steuersäckel nichts übrig. Der Staat muss entsprechend reagieren,
sich wie immer bei den kleinen Leuten schadlos halten. Diese rechnen nach
und stellen fest, dass es noch einen Posten auf dem Gehaltszettel gibt, den
sie einsparen können...
Vielleicht ändert sich durch die Steuerreform etwas in den Köpfen und
Herzen. Nach überschlägigen Schätzungen werden es bis zu 15% weniger
Steuereinnahmen für die Kirchen werden. Bisher feilschte man um jede
Pfarrstelle, die gestrichen bzw. zusammengelegt wird. Man darf ruhig auch
auf die weltweiten Partnerkirchen schauen, die vor ganz anderen
Finanzproblemen stehen - und die Kräfte konzentrieren.
5.5 Global denken - lokal handeln
Brot für die Welt und Misereor haben für den Normalverbraucher Leitlinien
herausgebracht, wie sie das immer noch aktuelle „Global denken - lokal
handeln“ praktisch umsetzen können.
Ich erinnere mich gut an die ersten Ausgaben der „Aktion e“ von Brot für die
Welt.
Ich habe sie auch ganz interessiert durchgelesen, dann aber auch merkwürdig
berührt wieder aus der Hand gelegt.
Ganz ähnlich geht es mir mit dem großartig aufgemachten „Weltkursbuch -
Globale Auswirkungen eine ‘Zukunftsfähigen Deutschlands’ (Hg. Misereor,
Sabine Ferenschild, Thomas Hax-Schoppenhorst, Basel 1998).
Der Grundansatz ist einleuchtend: Wenn ich den Armen in der Dritten Welt
helfen will, dann kann ich es hier in Deutschland schon mit meinem
Lebensstil tun. „Eine die Umwelt weniger belastende Wirtschaft schafft in
unserem Land überhaupt erst den Raum, den die Armen brauchen, um ihre Armut
nachhaltig überwinden zu können.“ (S. 9)
Die Gedanken der Agenda 21 wurden aufgenommen, um zukunftsfähig und
nachhaltig die Verantwortung für die Zukunft übernehmen zu können.
Die Themenbereiche Wohnen - Ernährung - Kleidung - Gesundheit - Bildung -
Freizeit - Verkehr werden detailliert mit statistischem Zahlenmaterial
dargelegt und mit alternativen Handlungsmustern konfrontiert.
Neben guten Denkanstößen kommen auch solche Vorschläge, dass man eine Tasse
oder ein Glas auch den ganzen Tag benutzen könne, um Energie und Wasser zu
sparen... (S. 29)
Die Äußerungen der Staats- und Regierungschefs der G7-Länder vom 28.7.1998
in Lyon werden recht kritisch aufgenommen. Die Regierungschefs priesen darin
die Globalisierung als solche als große Zukunftschance. Denn nachweislich
hätte der bisherige Globalisierungsprozess mehr Wohlstand und Prosperität
gebracht. (S. 145) „Wir sind daher überzeugt, dass der Prozess der
Globalisierung eine Quelle der Hoffnung für die Zukunft darstellt.“ (S. 145)
Miseror kontrastiert den Optimismus mit den Problemfeldern, die kirchliche
Arbeit wahrnimmt: Den Nord-Süd-Kontrast, die Verschuldungsfalle, die
Gefährdung der Demokratie, der drohende Wassermangel, die Migration.
Die Welt ist so kompliziert, dass es keine Lösungen in Form eines
Aktionsprogramms geben kann. „Trotzdem sind die vielen sinnvollen und
perspektivenreichen Lösungansätze und Initiativen ... nicht zu verachten.“
(S. 162)
Als Beispiel für einen Lösungsansatz im alternativen Umgang mit Geld wird
Oikokredit genannt.
Das Problem des Buches erscheint mir an zwei Stellen sichtbar zu werden.
Man könnte aufgeschlossenen Menschen jederzeit dieses Buch empfehlen. Es
hilft, den eigenen Lebensstil kritisch zu überprüfen.
Global gesehen ist damit aber noch nichts erreicht!, würde ich behaupten. In
der Zeit des Individualismus sind auch unter Christen die Bedürfnisse oder
Rahmenbedingungen äußerst unterschiedlich. Während die einen sich um ein
paar Tropfen Wasser beim Zähneputzen den Kopf zerbrechen, finden die anderen
nichts dabei zum Jahresurlaub noch einen Wochenendabstecher nach Istanbul
einzulegen. Der Geldbeutel erlaubt es.
Die zur Verfügung stehende Summe des Geldes ist der Maßstab für alles und
jedes!
Es gibt keine Maßstäbe, um christlichen Lebensstil vergleichbar zu machen.
Man könnte sich vorstellen, dass man z.B. sagt, jeder dürfe (theoretisch) x
kWStd. Energie im Jahr verbrauchen. Fürs Autofahren bedeutet das soviel,
fürs Heizen soviel, für Sonstiges soviel. Dann könnte man anhand dieser
Zahlen den eigenen Lebensstil vergleichen und optimieren.
Andersherum gesagt: Man könnte auch sagen: Als Christ müsse man mit x DM im
Monat auskommen können. Den Rest kann man für den Ausgleich der
Globalisierungsschäden zur Verfügung stellen.
Martin Luther hat in seiner Antiwucherschrift als Maßstab die Entlohnung
eines Tagelöhners empfohlen. Wer aber würde sich auf solche Zahlenspiele
einlassen! Solange die Ratschläge aufs Nachdenken hinauslaufen, ist
strukturell nichts gewonnen!
Das Misereor-Handbuch gibt selber ein treffendes Beispiel für den
Unterschied zwischen dem typisch kirchlichen Aufruf, Spenden zu geben und
einer staatlichen Strukturänderung.
Die Rentenreform von 1957 hat mehr Menschen wirtschaftlich geholfen als alle
Spendenvereine zusammen. (S. 9) Ich denke, das muss die Perspektive im
Zeitalter der Globalisierung sein, dass durch strukturelle Änderungen und
nicht bloß durch asketisches Verhalten von Einzelnen das Gemeinwohl
gefestigt wird.
Diese Tendenz verfolgt ein interessantes Buch von Ernst Ulrich von Weizäcker
(Hg., Faktor vier, Doppelter Wohlstand - halbierter Verbrauch, München
1997).
An fünfzig Beispielen wird gezeigt, wie sich durch intelligente
Weiterentwicklung von Produkten Energie sparen läßt. Am Beispiel mit dem
oben genannten Glas, das man den ganzen Tag benutzen soll, um Wasser und
Energie zu sparen, lässt ich zeigen, dass die neuen Geschirrspülmaschinen
wesentlich energieschonender abwaschen als man es von Hand tun könnte...
Vor allem zeigen die Herausgeber, dass z.B. Monopole der Energielieferanten
zunächst jeder Veränderung ablehnend gegenüberstanden. Denken in
eingefahrenen Bahnen macht blind! Die Veränderung kam durch das Denken von „Negawatts“
und „Einsparkraftwerken“. Verrückt! Durch zeitbegrenzte Subventionierung
z.B. von Stromsparlampen oder Stromspar-Kühlschränken soll die Effizienz
zuhause erhöht werden, so dass man durch den Minderverbrauch an Energie
Kraftwerke einspart. Das Vorgehen funktioniert! Von christlicher Askese
keine Spur. Und trotzdem ist objektiv eine Veränderung da.
Die Herausgeber gehen auch ausführlich auf eine ökologische Steuerreform ein
(die ihren Namen verdient, und nicht dazu dient, anderswo Haushaltslöcher zu
stopfen).
Ich denke, dass diese Schiene von Seiten der Kirchen mehr Unterstützung
verdient als die gut gemeinten asketischen Vorschläge.
Die Herausgeber kritisieren auch vorsichtig die gegenwärtige
Wirtschaftspolitik im Namen der Ökologie als einer falschen Rezeption der
Übertragung von biologischen Aussagen des Darwinismus. (S. 321) Aber auch
sie müssen eingestehen: „Einen wirklichen Ausweg kennen wir selber noch
nicht.“ (S. 312) Irgendwo gäbe es auch „Grenzen des Wettbewerbs“. Allerdings
macht der Egoismus, der fester Bestandteil der Wirtschaftstheorie ist, in so
fern schwer zu schaffen, als dass dieser Egoismus in Richtung
Unersättlichkeit geht. Die Herausgeber stellen resigniert fest, dass dieser
Mechanismus des „Theorems der Unersättlichkeit“ nicht überwunden werden
kann, wenn man nicht bei sich selbst und in der eigenen Kultur erkennt, dass
eine wirkliche Befriedigung nicht durch materielle Dinge zu erreichen ist.
(S. 327).
Für eine Bewußtseinsänderung sind hier doch wieder die Kirchen gefragt,
oder?
Als möglichen Ausweg deuten die Verfasser an, dass man wieder „die Freiheit
und die demokratische Mitbestimmung hochhält“. (S. 333)
Brot für die Welt nennt vier Handlungsfelder, in denen sich die
Herausforderungen konkret umsetzen lassen: (Ziffer 70)
- Förderung von Projekten und Programmen von Partnern im Süden
- Wahrnehmung der globalen Verantwortung und Advocacy
- Öffentlichkeitsarbeit und ökumenisches Lernen
- Förderung des fachspezifischen Dialogs und internationale Netzwerkbildung
Dann werden die Handlungsfelder spezifiziert:
- Die Verhandlungsmacht der Armen stärken
- Das Geschlechterverhältnis ändern
- Die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten
- Ernährung sichern
- Gesundheit erhalten und wiederherstellen
- Bildung fordern und fördern
- Arbeitsbedingungen verbessern und Handel gerechter gestalten
- Menschenrechte verwirklichen, Demokratie und politische Partizipation
fördern
- In Notsituationen wirksam und nachhaltig helfen
- Gewaltfreie Konfliktbearbeitung unterstützen
Wenn man dieses Programmheft durchgeht, bleibt einem fast der Atem weg. Großartig, was hier an Ideen und Leitbildern zusammengefasst ist und was
dieses Werk leistet - wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir sammeln und
werben in den Gemeinden, es kommen im Jahr an die 130 Millionen DM zusammen.
Verglichen mit dem, was ein kleiner Börsencrash wie in Asien zerbricht, ist
aber die Spendensumme gerade einmal ein Trinkgeld. Dieser Vergleich rückt
die möglichen Anstrengungen der Kirchen zurecht. Ein Tropfen auf einen
heißen Stein. Oder zeichenhaftes Wirken. Oder Salz in der Suppe, wie man es
will. Dieser Vergleich bewahrt vor Selbstüberschätzung.
Nicht klar ist mir, was sich durch den Globalisierungsprozess in den letzten
Jahren an den Programmen geändert hat. Macht man weiter wie bisher, oder
gibt es ausweitende Schwerpunkte, etwa durch die advocacy-Arbeit?
Wer von den vielen freien Werken in der Entwicklungspolitik nimmt an
höchster Stelle die NGO-Beratungsfunktion ein? Ein geplantes Gespräch mit
BfW wird hier sicherlich mehr Klarheit schaffen.
Es kostet viel Optimismus und Hoffnung angesichts des Erfassens von globalen
Zusammenhängen, dass man die „Vision des Reiches Gottes“ vor Augen hat und
sich nicht irritieren lässt.
Vielleicht sollte man die ganze Arbeit mit Kleinprojekten aufgeben und sich
nur auf das Verändern von Strukturen konzentrieren - das wäre die Antwort
auf den Globalisierungsprozess!
5.6 Leben auf Kosten der Dritten Welt?
Die Frage ist natürlich provokativ formuliert. Bei uns erarbeitet sich jeder
seinen Lohn. Jeder darf sich über seine Leistung freuen. Jeder darf sich
freuen, wenn etwas von seinem Lohn übrig bleibt, den er für schlechtere
Zeiten aufheben kann.
Global gesehen erwirtschaften wir in Deutschland den größten Teil unseres
Einkommens durch den Handel und Wirtschaft innerhalb der EU/OPEC.
Nur ein geringerer Teil unseres Einkommens kommt durch weltweite
Globalisierungseffekte zustande.
Das Problem ist, dass viele Kostenteile
„versteckt“ oder nicht deklariert sind.
Z.B. wird ein Fernsehgerät in Taiwan hergestellt. Verschiedene Komponenten
stammen aus anderen Teilen Asiens. Der Karton als Verpackung ist aber der
abgeholzte Regenwald auf den Philippinen. Vom Warenwert her macht der Karton
vielleicht 2 DM vom Preis aus. Der ökologische Schaden für den Regenwald ist
uneinholbar, weil das entsprechende Land keine nachhaltige Bepflanzung
betreibt. Die Umweltstandards sind ungleich geringer als bei uns. Der Preis
der Ware bei uns gibt nicht alle wirklich entstandenen Kosten wieder. In
diesem Sinn kaufen wir die Waren „auf Kosten“ der Herstellerländer.
Genau so verhält es sich bei den sozialen Kosten. Vgl. obiges Beispiel von
adidas.
In den Schuhen steckt schon der Schweiß und die Überlebensangst der
Näherinnen, auch wenn wir das gar nicht wollen.
Die einzig mögliche Antwort kann nur sein: Wir treten für die Verbesserung
der Lebensbedingungen der Herstellerländer ein!
Dass sich dann wieder die Lohn-Preis-Spirale verschiebt, ist ein positiver
Effekt, von dem letztlich - nach der Marktwirtschaftslehre - alle
profitieren.
Ich vermute, dass keiner in unserer Gesellschaft sich wehren würde, wenn die
Preise um ein paar Mark steigen würden, und die Umwelt- und Sozialstandards
menschenwürdig eingehalten würden! Wettbewerbsmäßig gesehen sind es neutrale
Kosten, die ja bei allen Herstellern entstehen würden.
Zweifellos haben auch die Näherinnen von der Globalisierung ihren Nutzen.
Wir kaufen ihnen die Waren ab. Ohne diese Arbeit wären sie arbeitslos. Aber
der Nutzen ist geringer als die letztlich entstehenden Kosten.
Ein Konsequenz für uns könnte folgerichtig sein, dass diese Minderausgaben
beim Einkauf an die Organisationen fließen, die für die Umwelt- und
Sozialstandards in den Länder der Dritten Welt kämpfen.
Die Industrieländer hatten sich verpflichtet, etwa 0,7% des BSP für
Entwicklungshilfeprojekte zur Verfügung zu stellen. Deutschland sackt immer
weiter nach unten. Gegenwärtig liegt der Prozentsatz unter 0,3%.
Es fehlen also 0,4%. Warum könnte man diese Zahl nicht als generellen
Maßstab nehmen, den jeder aus seinem Einkommen nimmt und sie an Brot für die
Welt zur advocacy-Arbeit zur Verfügung stellt? Bei einem Einkommen von
100.000 DM wären das 400 DM im Jahr, wirklich keine große Summe.
Die pfälzische Landeskirche geht sogar noch einige Schritte weiter. In einem
Grundsatzpapier der Synode wird festgeschrieben, dass mindestens zwei
Prozent der Kirchensteuereinnahmen für Aufgaben des Kirchlichen
Entwicklungsdienstes bereitgestellt werden müssen.
Die Kirche nehmen die Herausforderung der Globalisierung an, lokal und
zugleich global zu denken und zu handeln. Deshalb müsse trotz des Sparkurses
die Bereitschaft zu materiellem Teilen bewahrt werden. Die Kirchengemeinden
werden deshalb aufgefordert, im vergleichbaren Umfang wie die Landeskirche
die weltweite Ökumene zu unterstützen.
(epd Pfalz, http://members.aol.com/pfrjung/synode.htm)
Eine neue Dimension des Problems entsteht durch unseren öko-aggressiven
Lebensstandard, solange Nachhaltigkeit kein wirkliches Thema ist.
Wir produzieren die Schadstoffe, die sich als Ozonloch oder Erderwärmung
global zeigen. Die Auspuffgase meines Autos bewirken z.B., dass in
Bangladesh die Menschen wortwörtlich untergehen!
Diese globale Sichtweise muss allerdings gelernt werden.
Leben wir auf Kosten der Dritten Welt? Bis vor wenigen Jahren hätte man sich
mit obigen Beispielen zufrieden geben können.
Inzwischen macht sich eine neue Erkenntnis breit: Das Problem ist nicht das
„auf Kosten anderer leben“. Denn auch bei uns im Land gibt es jede Menge
Globalisierungsopfer.
Sondern: Der Mechanismus der Globalisierung begünstigt die Reichen, die
Kapitalbesitzer zuungunsten der Nicht-Kapitalbesitzer!
So muss man es heute formulieren, und das gilt global, auch in den
Dritte-Welt-Ländern::
Die Reichen leben auf Kosten der Armen!
Noch genauer: Die Kapitalbesitzer leben auf Kosten der Arbeitenden.
Aber auch das ist keine neue Erkenntnis! Nur die Ausmaße sind erschreckend
geworden.
Man muss allerdings auch die andere Sicht wahrnehmen, wenn Menschen bei uns
in guter Absicht eine Lebensversicherung abschließen. Das ist jetzt
keine „Option der Armen“, sondern ein die Alltagsperspektive.
In der Asienkrise wurde in kurzer Zeit aufgrund der steigend schlechten
Bewertung der Geldanlagen massiv Geld abgezogen. Dieses Geld könnten
durchaus unsere Lebensversicherungsgelder, Spargelder gewesen sein.
Natürlich muss eine Bank schauen, dass das Geld der Anleger nicht weniger
wird. Sie muss rechtzeitig reagieren. Das ist ihre Pflicht.
Durch ethisch verantwortliches Handeln gegenüber mir als Kunden mussten die
Gelder aber abgezogen werden. Wer wollte hier wem böswilliges Handeln
unterschieben?
Es zeigt sich hier eine strukturelle Schwäche des Systems. Sonst müsste man
den Spieß herumdrehen und müsste innerhalb der gegenwärtigen Strukturen
sagen: Die Länder der Dritten Welt leben auf Kosten meiner
Lebensversicherung, die immer weniger Wert wird.
Duchrow fordert außerdem ein Schuldbekenntntis der europäischen Kirchen mit
entsprechender Wiedergutmachung gegenüber der Dritten Welt. Das hört sich
sehr fromm an. Wie schwierig und differenziert müsste aber so ein
Schuldbekenntnis sein! Mit einem pauschalen Schuldbekenntnis ist niemand
gedient - obwohl man die Wirkungsgeschichte nie unterschätzen darf. Wie
schwierig solche Bekenntnisse sein können zeigt ja allein schon das
Eingeständnis an Schuld gegenüber dem jüdischen Volk. Die Schuld gegenüber
Lateinamerika ist sicherlich anders einzuschätzen als gegenüber asiatischen
Völkern. Und - Was sagen die einheimischen Kirchen zu solchen Vorschlägen?
Wie soll denn eine Wiedergutmachung von Kirchen konkret aussehen? Ich denke,
hier ist viel heiße Luft...
5.7 Perspektiven einer menschengerechten Weltordnung
Die katholische Kirche hat in der bemerkenswerten Studie „Die vielen
Gesichter der Globalisierung“ (1999) folgende Konsequenzen aufgelistet:
1. Prinzipielle Bejahung der gegenwärtigen ökonomischen Strukturen, nach der
der zunehmende Freihandel die bessere Alternative ist. (S. 25)
Wenn die gering qualifizierten Arbeitnehmer ihre Position in den
Industrieländern verschlechtern, dann hilft der Staat mit einem
Transfereinkommen, um zu starke Unterschiede auszugleichen. Für die
„Verlierer“ in den Entwicklungs- und Transformationsländer besteht nur
längerfristig eine Chance, durch wachsende Bildung und berufliche
Qualifikation dem Teufelskreis nach unten zu entrinnen.
Die Wiedergabe der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge sind „klassisch“, wie
ich sie auch in der Vorlesung von Prof. Starbatty gehört habe. Auf der einen
Seite ist die freie Wirtschaft, nach eigenen Gesetzmäßigkeiten strukturiert,
auf der anderen Seite die behutsame Ordnungspolitik des Staates.
Leitbild ist die soziale Marktwirtschaft. (S. 51)
2. Die Kirchen und Religionen haben eine gestufte Mitverantwortung bei der
Mitgestaltung der Globalisierung im Dienst am Menschen.
Die zivilgesellschaftlichen Akteure gewinnen an Gewicht. Sie können den
Staat entlasten oder in bestimmten Bereichen ergänzen. (S. 41)
Die Religionsgemeinschaften werden als „wahrscheinlich einflussreichsten
zivilgesellschaftlichen Akteure“ gesehen! Deswegen ist der interreligiöse
Dialog so wichtig!
3. Gefragt wird, ob die Religionsgemeinschaften eine Vorbild oder ein Modell
für eine menschengerechte Globalisierung sein können.
Zentrale Aufgabe der Kirche ist und bleibt in diesem Zusammenhang die
ethische Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen. (S. 43)
Die ökumenische Bewegung wird als „Lernprozess des Zusammenlebens in einer
pluralen Welt“ angesehen, in der das Spannungsfeld zwischen Universalismus
und Partikularismus am ehsten einen Ausgleich finden kann. „Kirche“ (die
Studie meint allerdings „Katholische Kirche“) sei das Symbol und Modell für
die Globalisierung, weil hier die Voraussetzungen für eine gerechtere Welt
sichtbar werden kann.
Vor allem helfen die kirchlichen Werke, die Anliegen des Teilens und des
gegenseitigen Gebens und Nehmens vor Ort zur Sprache zu bringen.
Folgende Forderungen werden aufgestellt:
Globalziel: Gemeinwohl der ganzen Menschheit einschließlich der
Berücksichtigung der Lebenschancen künftiger Generationen.
Ziele innerhalb des Prozesses:
Sozialethische und individualethische abgestufte Verantwortlichkeiten:
Individuelle Verantwortung der Menschen in Deutschland im Teilen mit den
Armenin der Änderung des Lebensstils angesichts der beschränkten Ressourcen
grundlegende Wertorientierung durch die Solidarität mit den Armen in der
Welt.
4. Die Politische Verantwortung wird wahrgenommen durch die Möglichkeiten
der Hilfsorganisationen und Werke Gestaltung politischer und gesetzlicher
Rahmenbedingungen, allerdings nicht im nationalen Alleingang, sondern länderübergreifend.
Eine internationale Weltordnungspolitik mit institutionellen Regelungen und
Organen mit demokratischer Kontrolle wird gefordert. Weiteres siehe unten.
Es gilt das Prinzip der Subsidiarität (Entwicklung von unten), um Schutz vor
einer Allmacht des Staates zu erhalten und die Eigeninitiativen zu fördern.
Förderung eines breiten interkulturellen Dialogs über universale Werte, um
kulturelle Spannungen abzubauen. Anknüpfungspunkt können hier die
gemeinsamen menschlichen Leiderfahrungen wie Hunger, Armut, Diskriminierung,
Ungerechtigkeit usw. sein.
Ich habe diese Studie deshalb so ausführlich zitiert, weil ich sie für das
beste halte, was ich bisher an kirchlichen Äußerungen zum Thema gefunden
habe.
Die Studie fand ich im Internet.
Allerdings möchte ich auch ein paar kritische Anmerkungen machen.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass an der Studie zwei grundverschiedene
Schreiber gearbeitet haben. Der eine beschreibt in (neo-)klassicher Manier
die wirtschaftstheoretischen Abläufe und resümiert, dass, wenn in dieser
Weise gewirtschaftet wird, eine von außen angelegte
Strukturanpassungspolitik eigentlich überflüssig sein wird.
Der andere Schreiber war für die ordnungspolitischen Vorgaben zuständig und
muss dementsprechend Mechanismen beschreiben, die in der Wirtschaftstheorie
nicht vorgesehen sind - weil sich ja bei entsprechender Handhabung alles von
selber reguliert. Die Sozialpolitik des Staates ist, falls die liberalen
Ansätze nicht greifen, die absolute Armut (wo fängt die an??) mit allen
Mitteln zu bekämpfen.
Beides zusammen gesehen oder nur in einem Heft zusammen gebunden ergibt die
soziale Marktwirtschaft.
Die katholische Kirche und ihre Werke nehmen eine Schlüsselrolle (sic!) im
Rahmen der internationalen Zivilgesellschaft ein. (S. 63)
Ist das der Grund, warum diese gewichtige Studie nicht als ökumenisch
verfasste Denkschrift herausgegeben wurde?
Ärgerlich angesichts des Globalisierungsprozesses finde ich auch, dass in
der Studie immer nur von der „Kirche“ im Singular gesprochen wird. Die
katholische Selbstherrlichkeit leuchtet überall durch. Dabei wäre gerade
angesichts der weltweiten Probleme ein ökumenisches Zusammenstehen und
Zeugnisgebern vor der Welt dringend nötig.
Die wirtschaftstheoretische Teil verwendet u.a. den Begriff „Humankapital“
für die menschliche Arbeitskraft. Ich empfinde es als ein furchtbares Wort,
das Volkswirtschaftler gebrauchen und damit zeigen, wessen Geistes Kind sie
sind, und was ihnen im Endeffekt doch oberster Wert ist, das Kapital.
Faszinierend für einen Protestanten ist der bewusste Verzicht auf biblische
Abhandlungen und Verweise. Das, was aus der Bibel gelernt wurde, wird in
„philosophische Sprache“ gekleidet, um der globalen Welt verständlich zu
sein.
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