Predigt
zum Israelsonntag
Text Psalm 33,4-6; Thema: Was ist Wahrheit?
Liebe Gemeinde!
Der Israelsonntag hat die Aufgabe, dass wir Christen uns unserer Wurzeln
bewusst werden. Unsere Wurzeln liegen nicht nur im Neuen Testament und seiner
Zeit. Unsere Wurzeln liegen auch im Judentum, im Alten Testament.
Von der württembergischen Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des
Judentums" werden in den Kirchengemeinden sogenannte Lernwochen mit
jüdischen Lehrern aus Israel durchgeführt. Wir üben hier das genaue Hören
auf die Heilige Schrift ein. Denn die Heilige Schrift ist unsere gemeinsame
Grundlage.
Das möchte ich auch heute tun. Ich will nicht groß und breit über das
Verhältnis von Christen und Juden sprechen. Dazu gibt es andere
Gelegenheiten.
Ich will als Christ auf Worte der Bibel hören und ganz bewusst auch
jüdische Tradition mit einbeziehen.
Das Thema heute soll heißen:
Was ist Wahrheit?
Wenn wir jemanden fragen, was Wahrheit ist, wird er - wenn er ernsthaft
gewillt ist über die Frage zu diskutieren und nicht bloß mit den Schultern
zu zucken - in der Regel antworten:
Wahrheit ist das, was den Tatsachen entspricht.
Wenn ich beobachtet habe, wie ein Autounfall passiert ist, dann
ist die korrekte Wiedergabe des Ablaufes die Wahrheit dieses Unfalls.
Mit diesem Wahrheitsbegriff kommen wir über weite Strecken in unserer Welt
ganz gut zurecht.
Aber schon ein intensiveres Nachdenken über die Zusammenhänge eines Unfalls
erschüttern die einfache Gleichung
Tatsache = Wahrheit.
Zum Unfallgeschehen gehören auch die Fragen:
War der Unfallverursacher müde, hatte er Ärger, zuhause, am Arbeitsplatz?
War das Fahrzeug der Situation nicht gewachsen? War die Witterung so, dass
sie maßgeblich die Konzentration eingeschränkt hat? Usw.
Die Wahrheit eines Unfalls kann ganz woanders liegen, als es der Augenschein
es glauben macht.
In der biblischen Tradition begegnen wir häufig diesen anderen
Zusammenhängen und Fragestellungen.
Im Psalm 33, 4-6 heißt es:
Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er
gewiss. Er liebt Gerechtigkeit und Recht; die Erde ist voll der Güte des
Herrn. Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht und all sein Heer
durch den Haus seines Mundes.
Des Herrn Wort ist wahrhaftig.
"Wahrheit" wird hier mit dem "Wort Gottes" in einen Zusammenhang
gebracht. Was Gott spricht, das geschieht auch.
Aber stimmt das wirklich unserer Erfahrung nach?
Wie viele stolpern in der Kirche beim Glaubensbekenntnis, wenn sie sagen:
Ich glaube an Gott, den Allmächtigen.
Ist das Wahrheit?
Um zu verstehen, was solche Wahrheit in seiner Tiefe meint, müssen wir
einen kleinen Umweg machen.
Im Deutschen reden wir vom "Wort" Gottes, und stellen uns dabei immer das
gesprochene Wort vor.
In unserer Kultur haben wir nur eine abwertende Meinung von einem Wort, wir
verbinden mit dem Wort gerne "Schall und Rauch". Nur Worte sind’s, was soll's.
Was geht mich mein Geschwätz von gestern an.
Im Hebräischen hat "dawar" mehrere Bedeutungen, die wir mit nur einem
deutschen Begriff "Wort" gar nicht wiedergeben können. "dawar" heißt
dreierlei: "Wort" und "Sache" und "Ding".
Im biblischen, im jüdischen Denken heißt das: Was gesprochen wird, ist
nicht "Schall und Rauch", sondern hat "Hand und Fuß". Was gesagt wird,
schließt immer schon das Geschehen und Ergebnis mit ein!
Wenn in der Bibel steht, dass Gott spricht, dann wird auch immer gleich das
Ergebnis mit gesehen, mitbedacht. Zwar ist das "Wort Gottes" noch nicht
gleich sichtbare Wirklichkeit, aber "keimende" Wirklichkeit.
Wenn wir also fragen, was Wahrheit ist, dann wird im biblischen und
jüdischen Denken immer der ganze Prozess gesehen.
Wahrheit schließt also das Wissen um den Prozess mit ein.
Erst wenn das ganze Geschehen, der Prozess des Wirklichkeitswerdens mit
bedacht wird, erst dann hat man "Wahrheit" vor sich.
Deshalb heißt es im Psalm: Des Herrn Wort ist wahrhaftig, was er zusagt,
das hält er gewiss.
Eine augenblickliche Tatsache ist noch lange keine Wahrheit im biblischen
Denken.
Konkret läßt sich das an der gegenwärtigen Diskussion über die Kirche
zeigen.
Allerorten wird die Situation der Kirche beklagt. Überall werden
wissenschaftlich untermauerte Umfragen gemacht. Je nachdem, auf welcher
Seite man steht, werden die Ergebnisse interpretiert. Viele
Augenblicks-Aufnahmen ergeben ein deprimierendes Bild von der Kirche.
Besonders deprimierend wird das Bild dann, wenn man selber durch seinen
Beruf ein Teil der Kirche ist und nach allen Kräften für die Kirche
arbeitet.
Aber ist das die Wahrheit über die Kirche??
Ich meine "nein!"
Natürlich müssen wir unser Handwerkszeug beherrschen. Natürlich müssen wir
von den Wissenschaften lernen.
Selbstverständlich arbeiten wir nach modernen Standards.
Aber durch die Augenblicks-Aufnahmen von Kirche dürfen wir uns kein Sand in
die Augen streuen lassen.
Denn was ist Wahrheit über die Kirche?
Wahrheit ist, dass Kirche ein Teil des Leibes Christi ist,
in der das Wort Gottes verkündigt und gehört wird,
in der die Sakramente gereicht werden,
in der Gemeinschaft gepflegt wird.
Nur von diesem Wissen um die Wahrheit aus, die durch das Wort Gottes
gestiftet wird, läßt sich Arbeit in der Kirche betreiben.
Ohne den ständigen Blick auf Gottes Weisung und Tun fällt uns die
Wahrheit aus der Hand. Wir verzetteln uns in Vorläufigkeiten und verwechseln
Tatsachen mit Wahrheit.
Unser Psalm zieht eine Verbindung zur Schöpfung Gottes.
Augenblicks-Aufnahmen der Wissenschaften und Philosophie sind noch keine
Wahrheit.
Erst da, wo das Sinn - stiftende Wort Gottes in den Blick genommen wird, wo
wir als Menschen unseren Platz in der Schöpfung zugewiesen bekommen, erst da
leuchtet Wahrheit auf.
Die Evolution gilt als Tatsache. Ok, nichts dagegen.
Aber Wahrheit ist, "dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen".
Was ist Wahrheit? Im Neuen Testament geht das Nachdenken über Gottes Worte
diesen Weg weiter:
Gott hat gesagt, dass er den Befreier schicken will. Diese Verheißung wird
schon im Glauben als Wirklichkeit in Jesus Christus gesehen.
Nach dem Johannesevangelium sagt Jesus Christus: "Ich bin die Wahrheit."?
Wenn wir von Jesus nur Augenblicks-Aufnahmen machen, bekommen wir die
Wahrheit nicht in den Blick. Dann sagen wir allenfalls: Er war eine
besondere Persönlichkeit der Geschichte.
Aber weil Gottes Wort und Versprechungen sich in ihm verdichtet haben,
geschieht in seinem Tun, geschieht in dem Gottes Wirken mit ihm - Wahrheit.
Gottes Wort ist wieder Wirklichkeit geworden. Gottes Wort ist zu seinem Ziel
gekommen. Das Wort wird erfüllt, wird Fleisch und Blut. "Ich bin die
Wahrheit" könnte man mit den Satz übersetzen "Mit mir geschieht Gottes
Wahrheit, sie kommt mit mir zum Ziel".
Fatal wäre allerdings die Auffassung, wenn das Wort Jesu von der Wahrheit
als eine statische Aussage genommen würde. Wir kämen über pure Rechthaberei
nicht hinaus.
Wenn wir aber die Aussage prozeßhaft - dynamisch verstehen, kommt diese
Aussage bei uns zu ihrem Ziel. Sie deutet nicht etwas Abgeschlossenes
an, sondern wird heute wieder zur Wahrheit.
Um der Wahrheit willen muss allerdings darauf aufmerksam gemacht werden,
dass Wahrheit nicht einfach auf der Straße und den Gassen liegt, sondern
dass der Glaube an Gott, das Gebet, die Erleuchtung durch den Heiligen Geist
dazugehören.
Jesus sagte nicht umsonst, dass man in diesem Prozeß des Ringens um die
Wahrheit bei ihm bleiben müsse, aber dann "werdet die Wahrheit erkennen, und
die Wahrheit wird euch frei machen." (Joh. 8, 32)
Ich habe mit unseren jüdischen Lehrer über den Begriff "Wahrheit"
gesprochen.
Und Fruma Zeichner machte mich auf eine jüdische Buchstabenspielerei
aufmerksam.
Wahrheit heißt ämät. (Tageslichtprojektor, oder Blatt, oder auf Programm)
Das Wort besteht aus drei Buchstaben.
a - der erste Buchstabe
m - der mittlere Buchstabe des Alfabets
t - der letzte Buchstabe
Daraus folgert sie: Wahrheit ist also ganz umfassend, nicht nur ein
Stückwerk.
Dann sagte sie: Schauen sie die Form der Buchstaben an.
Jeder Buchstabe hat zwei Berührungen zur Zeile. Das ist wie bei einem
Menschen, der mit beiden Beinen auf der Erde steht.
Ganz anders die Lüge, schäkär. (Das Wort steht darunter.)
Bei Schäkär hat jeder Buchstabe nur einen Fuß.
Die Buchstaben sind vom Alphabet her gesehen ganz durcheinander. Lügen haben
kurze Beine, sagt unser Sprichwort.
Was ist Wahrheit? Dies ist Wahrheit:
Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er
gewiss. Er liebt Gerechtigkeit und Recht; die Erde ist voll der Güte des
Herrn. Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht und all sein Heer
durch den Haus seines Mundes.
Amen.
Gehalten am 20. Juli 1997 in der evangelischen Andreaskirche Eningen u.A.,
Günther Kempka