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Predigt zum Israelsonntag
Text Lukas 19,41-48, Motiv: Frieden, Schalom
Liebe Gemeinde!
Wir alle sind Experten für Frieden, für Schalom.
Was Frieden meint, wissen und spüren wir alle. Und meistens können wir
auch dieses Wissen in unserer Umgebung umsetzen.
Frieden in unserer Umgebung hat damit zu tun, dass wir Möglichkeiten des
Lebens und Überlebens finden. Ausreichendes Einkommen, ein Wohlergehen der
Gemeinschaft, ein gütiges Schicksal sind wohl Voraussetzungen für Frieden.
Frieden hat auch damit zu tun, dass wir in dem Beziehungsgeflecht, in dem
wir stehen, irgendwo im Gleichgewicht sind, zwischen Selbstbehauptung und
Nachgiebigkeit.
Frieden hat auch damit zu tun, dass wir selber irgendwo mit uns einige
sind, dass wir uns angenommen haben.
Wir alle sind Experten für den Frieden in unserer Umgebung.
Wo es zugegebenermaßen schwierig ist, ist der Frieden innerhalb einer
Volksgemeinschaft bzw. Völkern. Außenstehenden ist es manchmal unerträglich,
wenn man mit ansehen muss, wie sich Völker befehden, bekriegen,
zerfleischen.
Wir haben die schrecklichen Bilder vor Augen, wo arabische
Hamas-Terroristen Busse in die Luft jagen, oder Nagelbomben auf einem
Markplatz zünden.
Wir sehen Bilder vor uns, wo als Reaktion israelische Panzer in enge arabischen Wohnbezirke
einbrechen.
Unvergesslich sind die Golfkriege. Die Großmächte setzen ein Ultimatum,
dann läuft die Kriegsmaschinerie. Keine Argumente, keine Beschwörungen kann
sie aufhalten.
Wenn man sich die Menschenschicksale vor Augen hält - es ist oft zum
Heulen.
Wir wissen, was Frieden ist - und manches Mal kann man nichts für den
Frieden tun.
In einer Episode im Neuen Testament wird ebenfalls von dem vergeblichen
Versuch zum Frieden berichtet. Als Jesus vom Jordantal her kommend am Ölberg
angekommen war, hatte er einen super Überblick auf die Stadt Jerusalem, die
zu seinen Füßen lag.
Anders als die heutigen Touristen, die bloß den Fotoapparat zücken können,
reagierte Jesus. Vor seinem inneren Auge lief ein Stück Geschichte seines
Volkes ab. Er sah nicht nur die Geschichte vor seinem inneren Auge, sondern
auch ein Stück Zukunft.
Text verlesen Lukas 19,41-48
Es kommt nur einmal im NT vor, dass von Jesus erzählt wird, dass er
weinte. Deshalb wiegen die Tränen Jesu so schwer. Er weinte nicht über sein persönliches Schicksal.
Er weinte, weil er die Zukunft der Heiligen Stadt ahnte.
Diese Zukunft ist dann ja auch im Jahre 70, also etwa 40 Jahre nach
dieser Geschichte, so eingetreten. Der große Schriftsteller Josephus
berichtete, wie die Stadt und das Land und das Volk von den Römern zerstört
wurden. Wenn man diesen antiken Bericht liest, wird einem noch heute das
Herz schwer.
Erst 1967 hatte diese Zeit der Not ein Ende gefunden. Viele Juden in
Israel sehen in diesem Datum auch den Anfang einer neuen Zeit.
Für uns Heutige finde ich die bleibende Fragestellung Jesu bedenkenswert.
Was sagt Jesus nun über die Weichenstellungen zum Frieden? Was versteht
Jesus unter Frieden? Warum wird Frieden, den doch alle Mensch wollen,
abgelehnt? Was meint Jesus, dass die Voraussetzungen für Frieden nicht
anerkannt werden?
"Wenn du doch erkennen würdest, was zu deinem Frieden, zu deinem Schalom,
zu deinem Wohlergehen dient!"
Leider sagt Jesus in dieser Geschichte nicht, was er konkret damit meint.
Wir können nur aus dem ganzen Umfeld heraus verschiedene Linien ziehen,
die auch für uns nachdenkenswert sind.
Wo sind die Weichenstellungen zum Frieden?
Die Zeitgenossen Jesu hätten sicherlich ohne zu zögern gesagt:
- Frieden gibt es nur dadurch, dass man die Gebote der Thora befolgt
(pharisäische Option). Alle Energie muss man darauf setzen, dass man den
Willen Gottes aus den Heiligen Schriften erforscht und ihn im Alltag
umsetzt. Wenn man den Willen Gottes nicht tut, dann geht es bergab.
Gerechtigkeit erhöht ein Volk, die Sünde ist der Leute Verderben!, heißt
es in der Hebräischen Bibel. Frieden erhält man dadurch, dass man im
Miteinander nach den Geboten Gottes fragt.
Folgt man den Regeln für ein gutes Zusammenleben nicht, schürt man
Konflikte, dann muss man sich nicht wundern, dass Hass und Krieg
weitergehen. Wie man das z.B. in Nordirland beobachten kann.
Jüdische Weise haben zum späteren Fall Jerusalems gesagt, die Stadt sei
nur gefallen, weil man sich eben nicht an Gottes Leitlinien gehalten hat.
Der Fall der Stadt sei Gottes Strafe.
Wenn man aber die Gebote befolgt, dann ist die Weichenstellung zum Frieden
schon erfolgt, dann kann es nur noch gut werden.
Ich gebe zu, das ist im Großen und Ganzen auch heute noch ein gängiges
Denk-Muster im Christentum. Halte dich an Gottes Willen, dann wirst du
Frieden finden und haben.
Man kann nichts Besseres für die Menschheit tun, als dass wir unsere
Kinder zum Frieden erziehen.
"Wenn du doch erkennen würdest, was zu deinem Frieden dient!"
Doch was dient zum Frieden? Die Antwort ist das Problem.
- Damals gab es Strömungen im Judentum, die gesagt haben, dass man all
die Anweisungen zur Frömmigkeit nicht so ernst nehmen soll. Frömmigkeit
ist höchstens ein nettes Hobby, das den Frieden fördert. (säkulare,
hellenistische Option)
Was zum Frieden wirklich dient, ist die hohe Kunst der Diplomatie.
Wenn man zu den Schwächeren gehört, muss man sich immer mit den
Mächtigeren arrangieren. Man muss Kompromisse schließen.
Man muss hier ein Geschenk machen und da etwas springen lassen. Man muss
gewiewt taktieren. Man muss erkennen können, was für einen selber
vorteilhaft ist. Dann wird es etwas mit dem Frieden.
Damals waren ja die Römer im Land. Das Volk erlebte die Statthalter als
recht brutale Besatzungsmacht, die nur eines im Sinn hatte: Den eigenen
Reichtum zu mehren und das Volk mit fester Knute bei der Stange zu halten.
In jener Situation hat Jesus vom Frieden mit den Römern gesagt, dass man
die Spirale von Vergeltung und Gegenvergeltung durchbrechen soll.
"Wenn ein römischer Soldat kraft des Besatzungsrechts bittet, mit ihm eine
Meile zu gehen, dann gehe mit ihm zwei." (Bergpredigt)
Dieser Ratschlag bringt zwar keinen Völkerfrieden, aber zeigt doch im
gewissen Sinn eine Richtung an, wie man versuchen soll, mit Machtmenschen
zurecht zu kommen.
Sich aber immer nur zu arrangieren, von Kompromissen zu leben, ist oft ein
sehr fauler Friede, weil er keine Sinnesänderung einschließt.
Diese Form des Friedens nimmt meist in Kauf, dass Menschen geopfert
werden. "Es ist besser, dass einer stirbt, als dass das ganze Volk
verdirbt", heißt es einmal in der Apostelgeschichte.
Was bietet Jesus an?
- Merkwürdig ist, dass oft im Neuen Testament (in Anlehnung an das Alte)
oft vom friedfertigen Verhalten die Rede ist, dass aber keine einzelnen
Ratschläge gegeben werden.
Auch Jesus gibt keine einzelnen Ratschläge.
Ich denke, das hängt damit zusammen, dass Jesus etwas Wichtiges im
Zusammenleben entdeckt hat. Frieden ist ja nicht einfach ein erlernbares
Verhaltensmuster. Frieden muss im Inneren, im Denken, im Wollen des
Menschen verankert werden.
Ich kann jemanden, der fast platzt vor Zorn, nicht sagen: Komm, nimm dich
zusammen, sei friedfertig. Sie lieb zu deinem Nächsten.
Die erste Predigt Jesu fing mit dem bezeichnenden Satz an:
Kehr um von deinem Weg. Tu Buße! Ändere dein Leben.
Erst, wenn du mit dir klar kommst, erst dann können deine Taten auch
Frieden bringen. Frieden fängt mit der Arbeit an sich selber an. Und nur
das, was ich verstanden habe, kann ich auch umsetzen.
Die Aktion Sühnezeichen wurde in den 1960er Jahren gegründet. Man wollte
vor allem in Israel Zeichen setzen, dass wir in Zukunft anders mit dem
jüdischen Volk umgehen wollen. Buße, Umkehr, Sinnesänderung sollen die
folgenden Taten prägen.
Die jungen Leute verrichten bis heute in Israel Sozialarbeit in
Krankenhäusern, Kinderdörfern, Altenheimen und Behindertenheimen. Die
Arbeit sehr gut. Aber das Tun reicht nicht. Auch die Schulung der jungen
Leute, das sich Auseinandersetzen mit der Geschichte gehört unbedingt
dazu. Deshalb ist Friedensarbeit immer auch Bildungsarbeit, wo das
Erkennen und Verstehen gefördert wird. Damit nicht alte Wege einfach
weiter gegangen werden, sondern der Blick frei wird, um Neues zu wagen.
Etwas anderes ist bei Jesus sehr auffällig gewesen, wie er versucht hat,
Frieden zu stiften. Lukas erzählt die Geschichte von Jesus so weiter, dass
Jesus anschließend in den Tempel ging und dort einige Geschäftemacher im
Tempel rausgeschmissen hat.
Das ist zunächst keine sehr friedfertige Handlung.
Man hätte doch reden können. Man hätte doch Argumente für und wider finden
können. Man hätte doch einen Kompromiss schließen können.
Offensichtlich war Jesus der Auffassung, dass es Grenzen auch für den
Frieden gibt. Grenzen im Bereich des Glaubens.
Geschäftemachen auf Kosten der Religion - das geht nicht zusammen. Der
Bereich des Tempels und Glaubens soll nicht herabgewürdigt werden zu einem
ruhelosen Kaufhaustreiben.
Das Problem ist die Einstellung der Leute, die nichts dabei finden.
Was macht es schon aus, wenn man den Pilgern entgegen kommt und dieses und
jenes verkauft? Was macht es schon aus, wenn man den Sonntag / Schabbat ab
und zu für Märkte nutzt? Was macht es schon aus? "Sollte Gott wirklich
gesagt haben?", fragte der Versucher im Paradies.
Diese Einstellung ist das Problem, damals wie heute. Diese Einstellung
verhindert den Schalom mit mir selbst, mit anderen, mit Gott.
Diese Einstellung ist bei uns Christen haufenweise zu finden.
Gleichgültigkeit und Empfindungslosigkeit sind die Kennzeichen für unsere
Zeit.
Ich glaube, Jesus hätte über uns heute genau so geweint.
Aber die Türen sind noch nicht verschlossen. Die Türen zum Frieden stehen
weit offen. Fangen wir bei uns selber an!
In dem neuen Gesangbuch (EG Württemberg Seite 1199) haben wir für die neue
Haltung ein wunderbares Beispiel von dem verstorbenen Papst Johannes XXIII.
Ich lese diesen Text zum Schluss vor.
(Text aufschlagen, "Nur für heute werde ich mich bemühen...")
Anschließend Kanon 436 Herr, gib uns deinen Frieden

PS: Ich lese die Predigt heute im Jahr 2003. Ich stelle fest: Sie ist zu
zahm und hat zu wenig Biß.
Die Zeitfrage heute ist nicht "Ein bisschen Frieden", sondern die radikale
Infragestellung von Frieden durch Menschen, die nur ihren Frieden, Salam,
wollen.
Die terroristischen palästinensischen Gruppen wie Hamas und Fatah lehnen
jeden Kompromiss mit Israel ab, weil Palästina "heiliges, islamisches Land" sei.
Wie geht man mit Menschen um, die jede Form von Frieden ablehnen?
Jesus gibt
hier m.E. keine weiter führende Antwort.
Zum Näheren: Rundbrief des Denkendorfer Kreises vom Juni 2003
Gehalten in der evang. Andreaskirche Eningen u.A. am 1. August 1997
Günther Kempka
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