2000
Jahre
Auslegungsgeschichte der Bibel
-
Konzept für einen Gemeinde-Vortrag,
Methoden der Bibelauslegung -
0. Einführung ins Thema
0.1 Autorität der Schrift
Streit: Welchen Stellenwert, welche Bedeutung hat die Heilige
Schrift?
Zugänge:
- Sie ist eine menschliche Schrift:
Sie ist fehlerhaft, sie ist nach den Maßstäben der Vernunft zu beurteilen,
sie ein Buch der Weltliteratur wie viele andere auch.
- Sie ist eine göttliche Schrift, einzigartig:
Die Widersprüche sind nur scheinbar, für das Heil des Menschen ist sie
unfehlbar, man darf deshalb keine prinzipielle Kritik an ihr über.
Die Grundhaltung für das Lesen ist das Gebet und die Demut.
Heinrich Vogel: "Gottes Wort im Menschenmund"
Je nach Standpunkt hat das unterschiedliche
Konsequenzen:
Beispiel jüdischer Ansatz: Die Bibel//Thora ist ohne Zweifel von Gott
gegeben. Gott hat den Menschen aber die Schrift in die Hände gegeben.
Geschichte vorlesen in Jüd. Bibelauslegung S. 47
"Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit!"
0.2. Textkritik
Textvarianten zeigen verschiedene Überlieferungen.
Z.B. Jeremia - Buch, längere und kürzere Version
Johannes 8 Anfang
Markus Schluß
Joh. 3, Diese drei sind's, die da zeugen, der Geist, das Wasser und das
Blut.
Berühmtestes Beispiel in der Kunstgeschichte:: Mose mit Hörnern bei Michelangelo,
Überlieferungsfehler: richtig Strahlenglanz
1. Bibelauslegung durch Übersetzung
Beispiele:
- "Thora" hebr. lautet eigentlich "Weisung
-
Paulus/Luther übersetzen/interpretieren griech. nomos und Gesetz
- "Logos" hebr. "dabar" aus 1. Mose 1, "Wort" als Übersetzung zu blass,
unangemessen.
Goethes Faust zitieren "Am Anfang war die Tat"
Lange Zeit in Europa lateinische Übersetzung Vulgata
maßgeblich,
Reformation griff auf den damaligen Urtext zurück. Damit neue Einsichten
erschlossen.
2. Auslegung durch Archäologie
Beispiel: Fielen in Jericho die Mauern ein? Archäologie zeigt: In
der fraglichen Zeit war Jericho unbewohnt, Mauern waren schon eingefallen.
Neue Interpretation, Zugang nötig.
Allerdings bei uns großes Problem:
Wissenschaftsgläubigkeit
Wissenschaft gibt immer den Stand der Zeit wieder. Wer weiß, was kommende
Jahre bringen.
Qumran, Essener, beleuchten Johannes Evangelium:
Licht - Finsternis Gegenüberstellung wird hier anschaulich
3. Auslegung durch die Landschaft
Pilger und Touristen berichten einhellig, dass eine Reise nach
Israel die Bibel neu verstehen hilft.
Hieronimus in Bethlehem: Die Landschaft ist das 5. Evangelium!
Beispiel: Mt. 25 Trennung in Schafe und Böcke - In Palästina werden bis
heute Schafe und Ziegen (!) für die Nacht getrennt. Böcke als solche falsch.
Vorstellungskraft für fremde Kultur nur begrenzt.
Die Welt der Gleichnisse ist nur mit Ortskenntnis verständlich zu machen.
Beispiel: Vierfaches Ackerfeld.
4. Auslegungsarten der Kirchenväter
Alter Grundansatz, der auf jüdische Ansätze zurückgeht: Die Bibel
legt sich selber aus.
- Wörtliche Auslegung "Was steht da? Was nicht?"
- Christologische Auslegung "Wo können wir die Heilsgeschichte Gottes
in Jesus entdecken?"
- Moralische Auslegung "Was bessert den Menschen?"
Positives Anliegen: Bibel als Weg und Hilfe zur
"Seligkeit"
5. Historisch - kritische Auslegung
Maßstäbe dieser Methode:
- Echt/Ursprünglich und typisch ist, was sich von keiner anderen
Quelle ableiten lässt.
(Man versuche das einmal, auf unsere eigene Person zu übertragen!!)
- Die Ereignisse der Vergangenheit waren nicht anders
als die der Gegenwart. Was heute nicht möglich ist, war damals auch nicht
möglich.
Konsequenzen: Wundererzählungen waren damals an der
Tagesordnung, nicht typisch z.B. für Jesus, oft auch von anderen erzählt.
Also haben sich die Erzählungen so nicht zugetragen...
Geburt Jesu, kommt als wunderbare Erzählung auch bei anderen vor. Also kann
sie so nicht gewesen sein...
Heilige Schriften haben auch andere Völker. Also gibt es keine Heiligen
Schriften...
Was bleibt nach diesem Maßstab für die
Jesus-Überlieferung übrig? Typisch für Jesus: Gleichnisse, einzelne Worte (z.B. Bergpredigt)
Vorteil dieser Methode: Vorurteile werden aufgebrochen.
Mitdenken wird erlaubt. nicht bloß ja und amen sagen.
Grenzen dieser Methode: Man muss auch ernst nehmen,
dass andere Kultur total anders sind.
Dass Jude-Sein Jesu in seiner Kultur kommt kaum im Blick.
Nachteil: Neue Vor-Urteile schleichen sich ein. Ich mache mich erneut
zum Richter.
Anwendung: Paulusbriefe.
Geschichtliche Fragestellungen. Entwicklung des
Eheverständis.
Schleier bei Frauen und
Schweigen der Frauen - kulturell bedingt.
5. Philosophische Auslegung
Beispiel: Existentiale Interpretation
Unterscheidung: Kulturelle Grenzen und typisch Menschliches.
- Angst, Sorge, Freude, Lebensverständnis, als übergreifend menschlich
Verbindendes.
Beispiel:
Vorteil: Wir sehen uns in der Geschichte von Kain und
Abel wieder. Oder in der Schöpfungsgeschichte.
Grenze: Philosphische Erkenntnis kann toll analysieren, bleibt aber da
stehen, wo es um die Entscheidung geht. Jesus: Folge mir nach!
7. Psychologische Auslegung
Denken in Typen.
Beispiel: Passionsgeschichte. Judas als Schatten,
die dunkle Seite, die in uns selber liegt.
Bewusstmachen der Projektionen.
Achten auf Symbole.
Nachteil: Sprache und Denkansätze oft ebenso
unverständlich wie der Bibeltext.
Für einzelne Geschichten aber hervorragende Erlebnisse.
Verweis auf Drewermann.
8. Feministische Auslegung
Bibel sehr männlich geprägt.
Männlich heißt: Macht und Herrschaft spielen eine große Rolle.
Beispiele: Gott als Vater. Warum nicht Mutter?
Reich Gottes = Herrschaft Gottes. Warum nicht Garten
Gottes?
Vorteil: Bekannte Bilder kommen neu in den Blick.
Dreieinigkeit: Heilige Geistin!! ruach hebr. ist feminin.
9. Formkritische Auslegung
Am Beispiel der Werbung.
Nach Wahlen wird erklärt, dass Programmpunkte nur "symbolisch" zu verstehen
sind.
Evangelien und Briefe sind keine Rezeptbücher und Anleitungen, um
gesellschaftliche Probleme zu lösen.
Vorteil: Schöpfungsgeschichte kommt neu in den Blick.
Kein altes Märchenbuch, sondern Offenheit für die Gefährdung und Bewahrung
unserer Umwelt.
11. Jüdische Auslegung
Schriftliche und mündliche Überlieferung gleichermaßen
für die Auslegung wichtig.
Verweis auf katholische Tradition, die diese Form ebenso betont.)
Bemühen um die Thora: "Wenn sich jemand um die Thora bemüht, ist es so, als stünde er auf dem Berg Sinai, um sie
in Empfang zu nehmen."
Bibel als Geschichtsbuch und religiöses Buch
Bibel als Rechtsbuch
"Altes" Testament nicht überholt. Neue Fragen werden aufgeworfen,
z.B. nach den Auswahlkriterien.
10 Gebote lernt jeder, warum aber nicht die Gebote im 3. Buch Mose.
Warum essen wir Christen nicht koscher?
Verweis auf gemeinsame Bibelwoche mit jüdischen
Auslegern im Denkendorfer Kreis.
Verweis auf die gegenwärtige Diskussion um das Erlassjahr. Ein jüdisches
Gesetz wird zum Paradigma für christlich - humanes Handeln.
12. Kulturelle Aspekte
Heute werden uns durch die fortschreitende Globalisierung die
kulturellen Bedingtheiten der Auslegungen zunehmend bewusst.
Lutherische Orthodoxie: rechte
Lehre muss gefunden werden. Betonung in einer Zeit, als die Welt an der
Schwelle zur Neuzeit bedrohlich wirkte. 30jähriger Krieg!
Orthodoxe
Kirchen: Liturgie des Gottesdienstes ist die implizite Bibel und Auslegung.
Stolz, dass in der Verfolgung durch das Feiern der Heiligen Liturgie
Überleben möglich war.
Im Abendland:
Bilder und Ikonen sind Auslegungen der Bibel. Häufige Motive wie die
Marienverehrung zeigen die Schwerpunkte.
Eine neue Dimension der Auslegung zeigt sich in der Annäherung der
Konfessionen. Die Bibel wird von Evangelischen und Katholischen Theologen
praktisch gleich interpretiert.
Eine besondere Beobachtung verdient das Wachsen der charismatischen und
Pfingstgemeinde in Südamerika. Hier wird die Bibel zumeist
fundamentalistisch ausgelegt.
13. Abschluss
Welche Autorität hat die Bibel für uns?
Binsenweisheit:
Menschen lesen die Bibel aus ihrer persönlichen Geschichte heraus in der
Zeit in der sie leben. (Als frommes Buch, fundamentales/istisches Buch, als radikales Buch,
als erbauliches
Buch, als wegweisendes
Buch
Ständiges Neu-Lernen nötig, vgl.
antijudaistische Auslegungstradition (z.B. Mt. 27,24f Sein Blut komme über
uns und unsere Kinder).
Nachfolge auch von den Pharisäern lernen: Schüler sein, verbunden mit Liebe
zur Bibel, lebenslanges Lernen
Sie werden
lachen, die Bibel (Bert Brecht)
Literatur:
Kirche und
Israel 1,98 Seite 4
Dohmen,
Stemberger, Hermeneutik der Jüdischen Bibel und des Alten Testaments.
Buchbesprechng
in Kirche und Israel 2/97 S. 184f
u.a.