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| Buß- und Bettag, Thema:
Verantwortung für die Kirchengeschichte Wir sind von unserer Geschichte geprägt. Die christliche Kirche sieht zurück auf 2000 Jahre Geschichte. Um den Blick nach vorne frei zu bekommen, müssen uns immer wieder mit unserer Geschichte auseinander setzen. Sonst wiederholen wir nur die Fehler der Vergangenheit. In den letzten 1000 Jahren gab es große Höhepunkte für die Kirche, als Menschen immer aufs Neue das Evangelium für den Alltag übersetzten. Zu den Höhepunkten gehören gewiß der Franz von Assisi, der nicht nach Geld und Ruhm fragte, sondern wie er mit seinem Leben Christus gefällt. Oder unser Reformator Martin Luther, der voller Traurigkeit und Betroffenheit feststellte, dass die kirchliche Institution fehlerhaft und erneuerungsbedürftig ist wie alle Menschen. Oder Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Mutter Teresa, die auf ihre Weise das Evangelium zur Tat werden ließen. Auf der anderen Seite gibt es viele dunkle Kapitel, wo die Kirche versagt hat. Wir unterscheiden heute nicht zwischen katholischer, orthodoxer und evangelischer Kirche oder den Freikirchen. In den Augen der Welt sitzen wir eh im gleichen Boot, wenn auch auf verschiedenen Seiten. Heute wollen wir die dunklen Seiten benennen. Wir wollen sie deswegen benennen, damit wir aufmerksamer ins neue Jahrtausend gehen und nicht wieder die gleichen Fehler machen. Erst wenn etwas ans Licht gekommen ist, hat die Dunkelheit keine Chance mehr. Buße tun im traditionellen Sinn ist freilich nicht möglich. Jeder ist für seine eigene Schuld verantwortlich. Aber wir stecken in einem tiefen Verstrickungs- und Wirkungszusammenhang. Was vor 1000 Jahren passierte, kann durchaus heute seine Wirkung zeigen. Was Buße tun heißen kann, hat z.B. der mittelalterliche Orden der Johanniter im Jahr 1998 gezeigt. Jahrhundertlang gab es ein tiefes Misstrauen zwischen dem Kreuzritterorden der Johanniter und den orthodoxen Christen in Jerusalem. Für die Christen in Jerusalem sind die mittelalterlichen Überfälle der Kreuzfahrer bis heute lebendig. So waren die westlichen Christen, so sind die westlichen Christen! hieß vereinfachend die Gleichung. Die Leitung des Johanniterordens suchte den Kontakt zum griechisch - orthodoxen Patriarchen von Jerusalem. Sie übergaben eine Erklärung und baten feierlich um Entschuldigung für die früher begangenen Untaten. Natürlich nahm der Patriarch die Entschuldigung an. Aber jetzt erst sind die Möglichkeiten geschaffen, einander näher zu kommen, sich in der Gegenwart zu verstehen, den Weg in die Zukunft gemeinsam zu gehen. In unseren Breitengraden wird meistens vergessen, dass Geschichte überall gegenwärtig ist. In diesem Sinn ist Buße tun eine fröhliche Sache. Wir können uns der Vergangenheit stellen und bekommen den Blick frei für die Zukunft. 1. Im Hauskreis haben wir über die dunklen Seiten des letzten Jahrhunderts gesprochen, wo die Kirche in besonderer Weise versagt hat. Wir möchten folgende Bereiche benennen: - Die Kreuzzüge - Die Inquisition und Hexenverfolgung - Die Religionskriege - Den Antisemitismus Zu jedem dieser Bereiche werden wir einige Sätze sagen, biblische Bezüge herstellen, ein Gebet sprechen und als Gemeinde das Kyrie eleison singen. Als Zeichen dafür, das Jesus Licht in unsere Welt bringt, stellen wir jeweils ein Licht auf das Kreuz. 2. Die Kreuzzüge Vor genau 900 Jahren im Juli 1099 wurde Jerusalem von den ersten Kreuzfahrern erobert. Viele Gründe spielten für die Eroberung des Heiligen Landes eine Rolle. Eine wichtige Rolle war es, das Heilige Land aus den Händen der Ungläubigen zu befreien, wie man damals sagte. Jerusalem, die Heilige Stadt, galt den Christen als Mittelpunkt des Universums und als steingewordene Verheißung des künftigen Gottesreiches. Wie viel Blut ist bei dieser Eroberung im Namen Gottes geflossen. Die Kreuzfahrer, so wird überliefert, eroberten die Stadt und in einem wahren Rausch ermordeten sie ohne Ansehen der Person Tausende von Menschen. Noch Blut bespritzt kamen sie an die Grabeskirche und stimmten ein Loblied an. Rund 200 Jahre dauerte die Zeit der Kreuzzüge, bis die Kreuzfahrer von den moslemischen Heeren wieder vertrieben wurden. Bis heute sitzt der Schock tief. Nicht zuletzt deswegen gibt es eine tiefe Kluft zwischen Christen und Moslems. Welcher Gefahr ist die Kirche mit den Kreuzzügen erlegen? Das Motto der Kreuzfahrer hieß: Gott will es. Aber war es wirklich Gottes Wille, wie er sich in der Bibel zeigt, dass für Europäer fremde Länder überfallen werden? War es wirklich Gottes Wille, dass mit Schwert und Gewalt andere Völker unterjocht werden, nur um persönliche Vorteile zu haben? Die Bibel weist uns einen anderen Weg: - Bleibe im Lande und nähre die redlich, heißt es im Buch der Sprüche. - Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen, hat Jesus zu Petrus gesagt. - Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden das Erdreich besitzen, sagt Jesus in der Bergpredigt. Wir beten: Guter Gott. Unsere Vorfahren wollten deinen Willen oft mit den Schwert durchsetzen. Sie haben dabei viele Menschen umgebracht und dein gütiges, freundliches Angesicht verdunkelt. Wir bitten dich für uns: Gib uns ein neues Denken, dass nach deinem Willen in Übereinstimmung mit der Bibel sucht. gib uns Liebe zu unseren Mitmenschen, welcher Nation, Hautfarbe oder Sprache sie auch angehören. Wir singen: Kyrie... (Licht auf Kreuz stellen) 3. Die Inquisition und Hexenverfolgung Die Kirche versteht sich von Anfang an als Ort, wo sich die Wahrheit in Jesus Christus gezeigt hat. Die Kirche versteht sich als Ort der Wahrheit. Wo aber die Wahrheit ist, haben abweichlerische Ansichten und eigene Erkenntnisse keinen Platz. Das folgerte die mittelalterliche Kirche. Im 13. Jahrhundert fing eine großangelegte Verfolgung an, die bis ins 18. Jahrhundert zu den Hexenverfolgungen reichte. Katharer, Waldenser und Hugenotten sind Beispiele für die lange Leidensgeschichte. Anonyme Verleumnder, Denunzianten, Richter, die Ermittler und Ankläger sind, keine Verteidiger, Haft, Folter, erzwungene Geständnisse, Tod. Die Kirche führte die Untersuchungen, überführte die angeblichen Ketzer. Sie übergab den Häftling der weltlichen Macht, dem Staat, der das Urteil ausführte. Die Bibel weist uns einen anderen Weg: Wir werden nicht auf eine kirchliche oder philosophische Wahrheit verwiesen, sondern auf den, der gesagt hat: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Siehe, ICH mache alles neu. Gott selber ist ein Richter der Worte und Gedanken. Wir beten: Barmherziger Gott. Die Kirche hat oft nicht ihre eigenen Grenzen einsehen wollen. Sie wollte das Böse durch böse Methoden überwinden. Sie hatte nicht die Kraft, deinem Wort und deiner Gnade allein zu vertrauen. Wir bitten dich für uns: Lass uns Jesus Christus immer neu entdecken und ihm in Treue nachfolgen. Schenke uns die Einsicht, dass nicht wir das Reich Gottes bringen können, sondern dass du es bringen wirst. Wir singen: Kyrie... (Licht auf Kreuz stellen) 4. Religionskriege Kriege um des Glaubens willen, Religionskriege, haben die politische Landkarte Europas bis heute geprägt. Auseinandersetzungen in der Reformationszeit, Bürgerkriege in der Gegenreformation, der 30jährige Krieg sind Beispiele für die Rechthaberei und Intoleranz. Bis zum zweiten Weltkrieg gab es mehrheitlich evangelische und katholische Landstriche. In Europa gibt es bis heute mehr katholisch geprägte und mehr evangelisch geprägte Länder. Manche Konflikte wie in Nordirland, sind bis heute nicht bewältigt. In Österreich und in Böhmen brechen immer wieder alte Wunden auf. Die Kirche hat oft vergessen, dass sie kein weltliches Mandat hat. Sie hat gemeint, dass Macht und Einfluss und gegebenenfalls Gewalt dem Guten nützen würde. Kirchliche und politische Ämter wurden oft miteinander verknüpft. Auch im persönlichen Bereich hat die Kirche oft mehr die Menschen unterdrückt als ihnen zu einem befreiten Leben als Christen geholfen. Wie oft wurden die Gewissen beschwert statt erleichtert. Wie oft wurde die Freiheit der Kinder Gottes einem starren Moralismus geopfert. Die Bibel weist uns einen anderen Weg: Jesus Christus hat bei seinem Verhör vor Pilatus gesagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Und: Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Lasst euch nicht wieder unter das knechtische Joch bringen. Wir beten: Gütiger Gott. Die Kirche hat die Freiheit, die du uns durch Jesus Christus gebracht hast, oft missverstanden. Sie hat um die Freiheit hohe Mauern aufgerichet. Sie hat die Freiheit des Glaubens oft politischen Interessen untergeordnet. Wir bitten dich für uns: Gib uns deinen guten Geist, der uns als Brüder und Schwestern im Glauben erkennen hilft. Gib uns deinen guten Geist, der sich gegen Unterdrückung und Versklavung wehrt. Hilf uns, einander auszuhalten, füreinander einzustehen, miteinander die Wahrheit zu suchen. Wir singen: Kyrie... (Licht auf Kreuz stellen) 5. Antisemitismus Die Kirche hat jüdische Wurzeln. Jesus und seine Jünger waren Juden. Die Bibel ist ein jüdisches Buch. Weil immer mehr Heiden den christlichen Glauben annahmen, hat sich der christliche Glaube vom Judentum immer weiter entfernt. Schließlich bekämpfte die Tochterreligion hat die Mutterreligion auf verschiedenste Art und Weise. Verleumndungen, Pogrome, wirtschaftliche Benachteiligungen, Ausgrenzungen in Ghettos, das Tragen eines Schandmals (gelber Stern) wurden von der Kirche unterstützt. Sogar Zwangstaufen gab es serienweise. Die Bibel wurde gegen die Juden gerichtet. Man sprach den Juden prinzipiell das Heil ab. Auch Martin Luther wütete in seinen Schriften gegen die angebliche Verstocktheit der Juden. Alles mündete in den furchtbaren Holokost, in dem die Kirchen weitgehend schwiegen. Heute sind wir um ein neues Verstehen der jüdischen Tradition bemüht. Es macht uns aber tief betroffen, dass auch in unserer Zeit der Antisemitismus immer wieder neue Blüten treibt. Die Bibel weist uns einen anderen Weg: Im Psalm heißt es: Wer meinen Augapfel (Israel) antastet, der tastet Gott an. Im Johannesevangelium wird von Jesus berichtet, der sagte: Das Heil kommt von den Juden. Im Römerbrief sagt der Apostel, dass den Juden weiterhin der Bund Gottes und die Gotteskindschaft gehört. Wir bekennen vor Gott: Herr, unser Gott. Die Kirche hat sich oft gegen dein Volk versündigt. Die Kirche ist überheblich geworden und hat das Zeichen, das du mit deinem Volk Israel gesetzt hast, nicht verstanden. Die Kirche hat den älteren Bruder in seinem Erwähltsein abgelehnt. Wir bitten dich für uns: Gib uns ein neues Verhältnis zum jüdischen Volk, das uns unseren Herrn Jesus Christus geschenkt hat. Öffne unsere Augen für deine merkwürdigen, und doch wunderbaren Wege, die du in der Geschichte gehst. Mach uns frei zur Solidarität mit deinem auserwählten Volk. Wir singen: Kyrie... (Licht auf Kreuz stellen) |
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| nach oben | (17. Nov. 1999, Evangelische Andreaskirche Eningen u.A.), (Pfr. G. Kempka) |
| Stand 22.07.2005 |