Heute ist Dienstag,
der 21. Mai, der erste ganze Tag in Rom.
Er beginnt voller Hektik: Schließlich möchten wir die verlorenen zwei Tage
aufholen. So erwartet uns ein gestrafftes Programm: Stadtrundfahrt außerhalb
der Stadtmauer und Besichtigung verschiedener Kirchen und der Katakomben.
In drei Minuten Abfahrt! Alle hetzen zum Bus, aber, oh Schreck - unsere
Busbegleiterin Francesca ist nicht da. Um die Zeit zu nutzen, betätigt sich
Pfarrer Kempka als Straßenprediger und stellt uns den Heiligen des heutigen
Tages vor. Was für eine Überraschung! Es ist Kaiser Konstantin, der am 21.
Mai 281 geboren wurde. Als erster christlicher Kaiser siegte er - nach
seiner Vision - er möge vor der Schlacht auf alle Waffen ein Kreuz malen.
Konstantin führte die Gleichberechtigung der christlichen Religion ein. Er
baute viele Kirchen, legte den Sonntag als Feiertag fest, bestimmte, wann
Ostern zu feiern ist und bewirkte durch die Verlegung seines Sitzes nach
Konstantinopel den Zerfall des römischen Reiches in Ost und West.
Als Andacht erfahren wir aus dem zweiten Römerbrief, dass nicht nur Werke
und Leistung, sondern gerade auch die Barmherzigkeit und Gnade Gottes durch
den Glauben an Jesus Christus entscheidend sind. Als wir endlich mit unserer
verspäteten Führerin im Bus sitzen, wird unsere Geduld wiederum strapaziert.
Stau über Stau! Der Bus quält sich durch die überfüllten Straßen. Nervös
schauen wir auf die Uhr.
,,Das können wir von den Italienern lernen," sagt Pfarrer Kempka:
,,Gelassenheit!”, “Und Toleranz," ruft Jutta Geiger von hinten, - zwei
Eigenschaften, die wir immer wieder erfahren dürfen.
Endlich steigt Marielisa, eine flotte, kompetente Italienerin als
Stadtführerin ein und beginnt auch gleich mit ihrem Vortrag:
753 wurde Rom am linken Ufer des Tibers von Romulus gegründet. Dort befindet
sich das historische Zentrum, umgeben von der aurelianischen Stadtmauer.
Kaufhäuser und Supermärkte gibt es nicht in der Stadt.
Wie herrlich! Der komplette Verkauf findet im Freien statt. Köstlich das
reife Obst in der Sonne.
Am rechten Tiberufer außerhalb der Stadtmauer liegt der Vatikan, ebenfalls
von einer Mauer umgeben, ein eigener Staat, unabhängig und nur gegen Entgelt
zu betreten. Er hat eine eigene Botschaft, Münze, Autokennzeichen,
Telefonnetz, Nationalhymne, Gardisten und 450 Staatsangehörige auf einem
halben Quadratkilometer Fläche. Allerdings pendeln 4000 Angestellte ein und
aus.
Wir überqueren den Tiber, dessen Ufer 1878 erhöht wurden, um die häufigen
Überschwemmungen zu verhindern, fahren an der 19 Kilometer langen Stadtmauer
entlang und schauen bewundernd auf die Villa Borghese, kein Landhaus,
sondern ein öffentlicher Park, so groß wie der Vatikan.
“Über 200 Kirchen gibt es im Zentrum" erklärt Marielisa, ,,80 davon sind
Maria geweiht."
Santa Maria Maggiore ist die größte davon, in der wir die ersten
prachtvollen Mosaiken bewundern dürfen. Es ist eine uralte Tradition, an
Hand von Mosaiken eine Bibel für solche, die nicht lesen können zu schaffen.
Mosaik wird von “opus musevum" d.h. Werk der Musen abgeleitet. Museum ist
das Haus der Musen, Musik die Sprache der Musen. Das Apsismosaik stellt die
Krönung Mariens dar. Jacopo Torriti brachte mit diesem Werk die Mosaikkunst
im 13. Jahrhundert zur höchsten und letzten Blüte. Wir staunen über den
prachtvollen Marmorfußboden und über die vielen Marmor- und Granitsäulen.
Weiter geht es die Via Appia entlang, vorbei an den drei päpstlichen
Katakomben, die Stadt der Toten, Friedhöfe von den Christen gebaut und im
zweiten Jahrhundert aus Platzgründen in die Tiefe erweitert. Immer wieder
können wir Reste der vierzehn Aquädukte, der Wasserleitung Roms, bewundern.
An der Kirche Santa Croce in Gerusalemme, die Kirche zum Heiligen Kreuz von
Jerusalem, fahren wir leider nur vorbei. Unsere Führerin erklärt uns ihre
Geschichte: Schon Kaiser Konstantin richtete nach dem Tod seiner Mutter
Helena in ihrem Hause einen Saal als Kirche ein, in der die von ihr aus dem
Heiligen Land nach Rom überführten Reliquien vom Kreuz Christi - Holz,
Nägel, Erde - verehrt wurden. Im zwölften Jahrhundert entstand daraus eine
romanische Kirche. Diese Kirche ist eine der sieben Pilgerkirchen, die
besucht werden müssen, um eine sogenannte ,“Gabe" zu erhalten.
Am Via Appia-Tor führt unsere Fahrt vorbei an der kleinen Domine-quo-vadis
Kirche aus dem neunten Jahrhundert. Die Legende berichtet, Petrus habe in
Rom die Angst vor dem Martyrium gepackt und er wollte aus der Stadt
flüchten. Auf der Via Appia sei ihm ein Mann begegnet, den Petrus fragte
,“Herr, wohin gehst Du?" Als er die Antwort hörte, ,,ich komme, um mich ein
zweites Mal kreuzigen zu lassen," erkannte er bestürzt, dass Christus zu ihm
gesprochen hatte. So ging Petrus seiner Bestimmung gemäß zurück nach Rom.
Hier wurde er - seinem Wunsch entsprechend - mit dem Kopf nach unten
gekreuzigt, und nicht - wie der römische Staatsbürger Paulus - geköpft.
Unser nächstes Ziel sind die Kalixtus-Katakomben, nach dem Priester Kalixtus
benannt, der vom Papst als Verwalter dieser Gräberanlage eingesetzt wurde.
20 Kilometer des Gangsystems sind bis jetzt erforscht. Es ist die größte
Katakombe Roms, in der eine halbe Million Christen und Heiden ,“zum
Schlafen" gelegt wurden, um auf die Auferstehung zu warten. Schon damals gab
es diesen Solidaritätsgedanken für Christen und Andersgläubige. Welch eine
Toleranz! Die Fresken dokumentieren die Entwicklung von der
römisch-heidnischen zur frühchristlichen Malerei. Neben der Gruft der Päpste
befindet sich die Grabkammer der Heiligen Cäcilia.
Von den Katakomben geht es zur Pauluskirche, in der sich das Grab von Paulus
befindet. Hier sehen wir das Musterbeispiel einer römischen Basilika:
Mehrere Kirchenschiffe mit flachen Holzdecken. Basilika bedeutet
ursprünglich Markthalle, in der früher Börse, Gerichtsbarkeit und das
Gewerbe untergebracht waren. Nach der Legalisierung der christlichen Kirche
öffnete man die Kirchen für alle Gläubigen. Die frühchristlichen Kirchen
waren deshalb besonders attraktiv, weil - im Gegensatz zu den römischen
Tempeln - das gesamte Volk in die Kirche durfte und nicht nur der Pontifex
Maximus.
,“Die Herrlichkeit des Herm bleibe ewiglich," ertönt unser
Chorgesang und wir spüren, dass wir uns mit unserem Loblied der Kirche
anvertrauen.
Nachmittags besichtigen wir die letzte Kirche für heute: San Giovanni in Laterano, die einzige Kathedrale, Bischofssitz des Papstes. Sie erhebt den
Anspruch, “Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises -
urbi er orbi - ” zu sein. Sie ist auf dem Besitz der Laterani erbaut. Schön
ist die spätbarocke Fassade mit den Heiligenstatuen.
Gegenüber der Hauptfassade von San Giovanni befindet sich die Kirche Scala
Santa mit der Heiligen Treppe. Wir staunen über Gläubige, die eingedenk des
Leidens Jesu, für ihr Seelenheil die 28 heute mit Holz bedeckten
Marmorstufen auf Knien hinaufrutschen. Die Heilige Helena brachte die Treppe
nach Rom. Der Legende nach soll sie aus dem Palast des Pilatus in Jerusalem
stammen; Jesus habe sie vor seinem Tod, als er vor Pilatus stand, betreten.
Tief beeindruckt von den prachtvollen Bauten, aber auch von den vielen
Legenden fahren wir zurück zum Hotel.
Was der Glaube nicht alles vermag! Dankbar musste ich wieder an das zweite
Kapitel Römerbriefs denken, an die Barmherzigkeit Gottes, die wir erfahren
dürfen im Glauben an Jesus Christus.
Ingeborg Ullrich