Die Maße des Paraments betragen etwa 120 x 120 cm.
Grieshaber hatte in dieser Zeit manche Werke für die nähere Umgebung
gearbeitet:
Z.B. 1967 Große Achalm, 1969 Archaik in Erpfingen, Wandfries in der HAP
Grieshaberhalle in Eningen, oder verschiedene Werke für Reutlingen.
Das Parament muss in seinem Kontext der
Aussegnungshalle bedacht werden. Es ist das einzige Kunstwerk in dem sonst
sehr nüchternen Betonbau.
Überdimensional und riesengroß wirkt die Blüte einer
Blume. Vielleicht ist es eine Wildrose, wie sie im Schwäbischen immer wieder
zu sehen ist. Grieshaber verwendet häufig florale Muster, wenn es auch
meistens Bäume sind.
Das Blau der vorderen Blütenblätter, abgestuft durch dahinter liegende, in
grau gehaltene Blätter auf dem weiß - perlgrauen Hintergrund nimmt ein wenig
die Stimmung des Ortes auf: meditativ und konzentrierend. Man könnte
durchaus das Blau auch mit dem Wasser der Tränen in Verbindung bringen, die
hier jedes Jahr bei den Trauerfeiern fließen.
Das Motiv einer Blüte in einer Aussegnungshalle drückt freilich nicht
die Trauer und den Schmerz, sondern die - ebenfalls übergroße - Hoffnung aus. Sie drückt
Ostern aus. Sie zeigt, dass das Leben siegt. Der Kontrast zu dem Totentanz
von Basel, der 1966 entstand, ist groß. Dort hieß es: Jeder muss mit, keiner
wird verschont. Hier wirken die Blütenblätter wie Strahlen, wenn auch
verhalten in grau und nicht im sonnengelb, die ihre Arme dem Betrachter
entgegenstrecken.
Die Blüte ist gefüllt mit einem grünen Ring der Hoffnung und dem hellblauen Meer
des Himmels und der Ewigkeit.
Mitten in der Blüte sind zwei Gegenstände dargestellt, die in ihrer
geometrischen Strenge nicht ganz zu dem Stil der Blüte zu passen scheinen.
Ein Kreuz und eine Leiter. Beide sind im Vergleich klein und stehen für
sich. Ohne diese beiden Symbole könnte die Blüte überall als ein
eigenständiges Kunstwerk angebracht werden.
Das Kreuz ist das zentrale, christliche Motiv. Es hat seinen Ort auch für
Leute, die sich nicht als Christen ansehen. In
unserem Kulturkreis drückt es das Endgültige aus.
Die Leiter ist in der Ikonografie ungewöhnlich. Sie erscheint auf
Passionsbildern als Marterwerkzeug Jesu oder - selten - auf einer Ikone, wo
der gefahrenvolle Lebensweg zum Himmel symbolisiert wird.
Ich denke, dass die Motive sehr säkular anzusehen und
zu deuten sind. Grieshaber selbst gehörte keiner Kirche an.
Die Leiter steht für die Mühen und Hoffnungen des Lebens. Jeder will doch
nach "oben" kommen. Keiner will, dass man auf einem herumtritt. Trotz aller
Mühen steht am Ende das Kreuz, das auf vielen Grabsteinen abgebildet ist.
Auf Grieshabers Grab in Eningen ist auch kein Kreuz abgebildet.
Keiner kann der Macht des Todes entrinnen. Das Motiv des Totentanzes in
anderer Form!
Aber: Leiter und Kreuz münden aber in das Blau des Himmels, der Ewigkeit auf
dem Hintergrund der Blüte, des Lebens, das immer weitergeht, auch wenn ich
nicht mehr da bin.
Als Pfarrer bringe ich in der Aussegnungshalle über
diesem Parament aber noch einen anderen Kontext ein. Ich stehe auf der
Kanzel und verkündige die Botschaft von der Auferstehung. Das Blau wird zum
Symbol der Ewigkeit, die ein Teil des Ostergeschehens ist. Die Ewigkeit, die
für uns nur über das Grün der Hoffnung und des Glaubens zugänglich ist. Die
Ewigkeit, die sich nicht in der sich "ewig" regenerierenden Natur erschöpft.
Die Auferstehungshoffnung gibt uns die Kraft, nach vorn zu schauen und das
Vergangene der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen.
Freunde, dass der Mandelzweig / wieder
blüht und treibt -
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering / in der trübsten Zeit!
Evangelisches Gesangbuch, Württemb. Ausgabe Nr. 655, Schalom Ben Chorin