Grieshaber

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Fachliches

In der Aussegnungshalle des Friedhofs in Eningen u.A. hängt an der Kanzel ein Parament (Kanzeltuch), das der Eninger / Reutlinger Holzschneider HAP Grieshaber (1909-1981) entworfen hat.
Die Aussegnungshalle wurde 1972 gebaut. Grieshaber hat der Gemeinde das Parament gestiftet.
Meines Wissens ist es in keinem der Grieshaber - Kataloge verzeichnet.

Die Maße des Paraments betragen etwa 120 x 120 cm.
Grieshaber hatte in dieser Zeit manche Werke für die nähere Umgebung gearbeitet:
Z.B. 1967 Große Achalm, 1969 Archaik in Erpfingen,  Wandfries in der HAP Grieshaberhalle in Eningen, oder verschiedene Werke für Reutlingen.

Das Parament muss in seinem Kontext der Aussegnungshalle bedacht werden. Es ist das einzige Kunstwerk in dem sonst sehr nüchternen Betonbau.
Überdimensional und riesengroß wirkt die Blüte einer Blume. Vielleicht ist es eine Wildrose, wie sie im Schwäbischen immer wieder zu sehen ist. Grieshaber verwendet häufig florale Muster, wenn es auch meistens Bäume sind.
Das Blau der vorderen Blütenblätter, abgestuft durch dahinter liegende, in grau gehaltene Blätter auf dem weiß - perlgrauen Hintergrund nimmt ein wenig die Stimmung des Ortes auf: meditativ und konzentrierend. Man könnte durchaus das Blau auch mit dem Wasser der Tränen in Verbindung bringen, die hier jedes Jahr bei den Trauerfeiern fließen.
Das Motiv einer Blüte  in einer Aussegnungshalle drückt freilich nicht die Trauer und den Schmerz, sondern die - ebenfalls übergroße - Hoffnung aus. Sie drückt Ostern aus. Sie zeigt, dass das Leben siegt. Der Kontrast zu dem Totentanz von Basel, der 1966 entstand, ist groß. Dort hieß es: Jeder muss mit, keiner wird verschont. Hier wirken die Blütenblätter wie Strahlen, wenn auch verhalten in grau und nicht im sonnengelb, die ihre Arme dem Betrachter entgegenstrecken.
Die Blüte ist gefüllt mit einem grünen Ring der Hoffnung und dem hellblauen Meer des Himmels und der Ewigkeit.

Mitten in der Blüte sind zwei Gegenstände dargestellt, die in ihrer geometrischen Strenge nicht ganz zu dem Stil der Blüte zu passen scheinen. Ein Kreuz und eine Leiter. Beide sind im Vergleich klein und stehen für sich. Ohne diese beiden Symbole könnte die Blüte überall als ein eigenständiges Kunstwerk angebracht werden.
Das Kreuz ist das zentrale, christliche Motiv. Es hat seinen Ort auch für Leute, die
sich nicht als Christen ansehen. In unserem Kulturkreis drückt es das Endgültige aus.
Die Leiter ist in der Ikonografie ungewöhnlich. Sie erscheint auf Passionsbildern als Marterwerkzeug Jesu oder - selten - auf einer Ikone, wo der gefahrenvolle Lebensweg zum Himmel symbolisiert wird.

Ich denke, dass die Motive sehr säkular anzusehen und zu deuten sind. Grieshaber selbst gehörte keiner Kirche an. Die Leiter steht für die Mühen und Hoffnungen des Lebens. Jeder will doch nach "oben" kommen. Keiner will, dass man auf einem herumtritt. Trotz aller Mühen steht am Ende das Kreuz, das auf vielen Grabsteinen abgebildet ist. Auf Grieshabers Grab in Eningen ist auch kein Kreuz abgebildet.
Keiner kann der Macht des Todes entrinnen. Das Motiv des Totentanzes in anderer Form!
Aber: Leiter und Kreuz münden aber in das Blau des Himmels, der Ewigkeit auf dem Hintergrund der Blüte, des Lebens, das immer weitergeht, auch wenn ich nicht mehr da bin.

Als Pfarrer bringe ich in der Aussegnungshalle über diesem Parament aber noch einen anderen Kontext ein. Ich stehe auf der Kanzel und verkündige die Botschaft von der Auferstehung. Das Blau wird zum Symbol der Ewigkeit, die ein Teil des Ostergeschehens ist. Die Ewigkeit, die für uns nur über das Grün der Hoffnung und des Glaubens zugänglich ist. Die Ewigkeit, die sich nicht in der sich "ewig" regenerierenden Natur erschöpft.
Die Auferstehungshoffnung gibt uns die Kraft, nach vorn zu schauen und das Vergangene der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen. 

Freunde, dass der Mandelzweig / wieder blüht und treibt -
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering / in der trübsten Zeit!
Evangelisches Gesangbuch, Württemb. Ausgabe Nr. 655, Schalom Ben Chorin

Günther Kempka

Meine Lieblingswitze Hundertwasser christian lifestyle Grieshaber
Stand 22.07.2005